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Aktive unserer Flüchtlingskampagne von Abschiebung bedroht

Nurjana Ismailova hat als Betroffene unsere Kampagne für die Gleichberechtigung von Flüchtlingskindern tatkräftig unterstützt. Jetzt sind die 21-jährige und ihre Familie selbst von der Abschiebung bedroht. Unterzeichnen Sie die Petition für ein Bleiberecht für die Familie!

Eine Abschiebung würde bedeuten, dass die Familie ins russische Dagestan zurück müsste – von wo aus die Familie vor zehn Jahren vor der politischen Verfolgung floh. Dort hat sich die Situation seitdem nicht gebessert. Dagestan ist laut BBC aktuell der gefährlichste Ort in Europa (BBC News, 24 November 2011). Anschläge und gewalttätige religiöse Konflikte sind an der Tagesordnung (ecoi.net: Sicherheitslage in Dagestan). Im Gespräch mit Campact erklärt Nurjana, was die schwere Situation für sie bedeutet.

Campact: Du und deine Familie sind von der Abschiebung bedroht. Was heißt das genau?

Nurjana: Wir sind seit fast zehn Jahren geduldet. Letztes Jahr im August gab es eine Hausdurchsuchung durch die Ausländerbehörde und den Staatsschutz bei mir zu Hause. Diese Hausdurchsuchung wurde gemacht, weil meine Familie und ich diejenigen waren, die angefangen haben sich für ihre Rechte einzusetzen. Mit anderen zusammen forderten wir öffentlich Bleiberecht und Wohnungen statt Lager, Bargeld statt Gutscheine sowie Arbeitserlaubnisse. Bei der Hausdurchsuchung wurden viele Sachen beschlagnahmt – Handy, PC, Notizbücher, Adressbücher usw. Die Ausländerbehörde hat sogar eine Anwältin in meinem Heimatland Dagestan, die von Ausländerbehörde bezahlt wird und die dort Ermittlungen führt. Sie soll gerade dabei sein, Abschiebepapiere zu besorgen. Unser Anwalt sagte, dass es eine Frage der Zeit ist, bis die Polizei vor der Tür steht. Ich und mein Bruder versuchen nun, einen Antrag an die niedersächsische Härtefallkommission zu stellen. Die Abschiebung wurde noch nicht ausgesprochen, aber ich denke dass es sehr bald passieren wird.

Campact: Was bedeutet die drohende Abschiebung für dein alltägliches Leben?

Nurjana: Wir leiden alle sehr darunter. Meine Eltern haben Gesundheitsprobleme. Wir haben alle Schlafstörungen. Wenn es bei uns abends oder morgens früh an der Tür klingelt, geraten wir jedes Mal in Panik. Ich sperre die Tür meines Zimmers sogar jede Nacht ab, bevor ich schlafen gehe, weil ich zu sehr Angst vor der Polizei habe. Ich hoffe, dass falls die Polizei wirklich kommt um uns abzuschieben, ich schnell jemanden anrufen kann, der mir irgendwie helfen könnte. Ich habe jeden Tag starke Kopfschmerzen und nehme Tabletten. Meine Hausärztin hat bei mir eine starke Depression und Schlafstörungen diagnostiziert.

Campact: Nach Jahren im Flüchtlingslager in Meinersen (Niedersachsen) wohnst du mit deiner Familie in einer Wohnung und hast trotz der schwierigen Umstände einen Realschulabschluss gemacht. Jetzt verweigert dir die Ausländerbehörde eine Ausbildung anzufangen. Mit welcher Begründung?

Nurjana: Weil ich keine Arbeitserlaubnis habe, darf ich keine Ausbildung machen. Die Ausländerbehörde sagt, dass ich nicht arbeiten darf, weil ich eine Duldung habe und meiner Ausreisepflicht nicht nachgekommen bin. Also kurzgesagt: wenn ein Ausländer in Deutschland Asyl beantragt und sein Antrag abgelehnt wird, muss er Deutschland verlassen. Wenn er dies aber nicht tut, dürfen ihm die Arbeitserlaubnis, das Bargeld oder Kleidungsgutscheine versagt werden. Wenn man aber trotzdem hier bleibt, muss der Geduldete seiner Ausländerbehörde helfen sich selber abzuschieben. Tut er dies nicht, darf ihm ein Arbeitsverbot ausgesprochen werden. Arbeitsverbot bedeutet für mich Diskriminierung und Rassismus. Ich habe hier in Deutschland kein Anspruch auf manche Menschenrechte wie z.B das Recht auf Arbeit und Ausbildung, freie Wohnortwahl, Bewegungsfreiheit. In der Menschenrechtskonvention steht, dass jeder Mensch Anspruch und Recht auf diese und andere Menschenrechte hat. Warum gehöre ich in Deutschland nicht zur Kategorie Mensch? Was bin ich dann für die deutschen Politiker und Gesetze?

Campact: Was würde dich erwarten, wenn du jetzt mit deiner Familie nach Russland abgeschoben werden würdest?

Nurjana: Ich glaube, wir würden erst einmal einen Schock bekommen. Es würde für mich sehr schwer sein mich damit abzufinden, dass ich nicht mehr nach Deutschland zurück kann, wo ich alle kenne. Alle meine Freunde sind hier. Mein Lebensmittelpunkt ist hier in Deutschland. Hier habe ich meinen Schulabschluss gemacht und hier möchte ich weiter in Sicherheit leben, ohne ständig Angst haben zu müssen abgeschoben werden zu können. Die wichtigsten Jahre – die Jugend – meines Lebens habe ich hier verbracht. Zehn Jahre sind doch keine zehn Tage. In Dagestan und Russland ginge die Angst um das Leben meiner Familie weiter. Laut BBC ist Dagestan der gefährlichste Ort in Europa (BBC: Dagestan – the most dangerous place in Europe). Dort werden täglich Anschläge verübt, bei denen Dutzende von Menschen sterben. Es herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Es ist kein Ort, wo man in Sicherheit leben kann.

Bei Jugendliche ohne Grenzen engagierst du dich für die Rechte junger Flüchtlinge. Was ist deine Motivation für dieses Engagement?

Nurjana: Es motiviert mich immer wieder zu sehen, dass meine Mitstreiteter/innen, die auch jahrelang eine Duldung besaßen und den täglichen Diskriminierungen und rassistischen Sondergesetzen wie z.B dem Asylbewerberleistungsgesetz, der Residenzpflicht, Arbeitsverboten und dem Gutscheinsystem ausgesetzt waren, inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, studieren, eine Ausbildung machen, ihren Weg gehen. Dabei haben sie nie aufgehört zu kämpfen. Sie setzen sich jetzt für die Rechte geduldeter Flüchtlinge wie mir ein. Ich bewundere jede/n Einzelne/n für ihre/seine Stärke und Hilfsbereitschaft und für ihr/sein offenes Ohr für meine Belange. Ich bin sehr froh JoG (Jugendliche ohne Grenzen) kennengelernt zu haben, denn ich habe nicht nur Jugendliche kennengelernt, die in der gleichen schwierigen Situation stecken. Vielmehr habe ich gute Freunde gewonnen, die immer an meiner Seite stehen und mich unterstützen und die mit mir gemeinsam bis zum Ende kämpfen werden, denn nur gemeinsam sind wir stark und können etwas verändern. Das motiviert mich, mich auch für die Rechte anderer Flüchtlinge einzusetzen.

Campact: Jugendliche ohne Grenzen hat eine Online-Petition gestartet, die das Bleiberecht für dich und deine Familie einfordert. Wobei können euch die Unterschriften helfen?

Nurjana: Da es sehr schwierig sein wird, die niedersächsische Härtefallkommission von einer Bleiberechtsempfehlung für uns zu überzeugen, brauchen wir viele Unterstützer/innen. Deswegen haben wir angefangen, online Unterschriften zu sammeln, die man hier finden kann. Wir würden uns sehr freuen, wenn alle unterschreiben und die Seite weiterleiten.

Helfen Sie Nurjana und ihrer Familie. Fordern Sie mit Ihrer Unterschrift unter die Petition ein Bleiberecht für die Familie Ismailova!

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Astrid Goltz, Jahrgang 1983, hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert. Seit vielen Jahren ist sie ehrenamtlich in Umweltprojekten aktiv, zuletzt bei den Klimapiraten. Hauptamtlich hat sie für die BUNDjugend zum ökologischen Fußabdruck gearbeitet und für den BUND das Klimaforum Bonn 2010 mit organisiert. Ihre Schwerpunktthemen als Campaignerin bei Campact sind Gentechnik und Agrarpolitik sowie Flüchtlingspolitik.

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  6. Hiermit unterstütze ich die Kampagne für die Gleichberechtigung von Flüchtlingskindern und setze mich für das Bleiberecht der Familie ein.

  7. Nurjana ich hoffe das Du da bleiben darfst!
    In der Politik geht es um alles Mögliche, nur Menschen und das Recht von Ihnen spielt keine rolle mehr!
    Ich frag mich ob die Politiker wissen das es Sie ohne uns nicht geben würde! Wer Ihre Gehälter bezahlt!

    Ich wünsche Dir eine glückliche Zukunft
    Liebe Grüsse Sven

    Ps.: Schwararbeit wollen Sie nicht, doch was soll da anderes herrauskommen???

  8. Das Problem ist ja, dass in Deutschland Menschen abgeschoben werden, weil sie sich politisch/sonstwie engagieren…

  9. Hiermit fordere ich eine Bleiberecht für Frau Nurjana Ismailova und ihre Familie in Deutschland.

    Wer einem unfähigen und verlogenen Ex-Bundespräsidenten Unsummen von Geld nachwerfen kann, der kann auch dafür sorgen, dass in ihrer Heimat Verfolgte bei uns bleiben dürfen.

    Günter Reindl

    • Das Stichwort des verlogenen Ex-Bundespräsidenten ist sehr gut.
      Da sollen die sich drum kümmern, nicht um die Diskriminierung von Schutzbedürftigen!

  10. soll bleiben!!!
    Dipl. Kff. Elisabeth Dorothea Lutz