Corona: Die dritte Welle ist schon in Sicht

Immer mehr Corona-Tote – doch unseren Regierungschef*innen fehlt der Weitblick: Statt einer vorausschauenden Strategie gibt es zu oft Zank und Profilierung. Das kann uns in die dritte Welle treiben. Kurz vor dem entscheidenden Treffen von Bund und Ländern fordern wir mit einem offenen Brief: Unterschätzt das Virus nicht. Verhindert jetzt die dritte Welle!

Wir hätten sie verhindern können. Bereits im Frühjahr haben Virolog*innen gewarnt: Im Herbst droht eine zweite Corona-Welle, womöglich schlimmer als die erste. Doch es gab keine Einigung, keine Strategie, keine Vorbereitung. Stattdessen übertrafen sich die Ministerpräsident*innen gegenseitig mit schnellen Lockerungen. Die zweite Welle kam. Und wir alle müssen jetzt die Folgen tragen. 

Nur Zanken und Zaudern 

Den Sommer nutzen, um einen Plan für den Herbst zu machen? Versäumt. Eine Strategie für den Umgang mit Reiserückkehrer*innen? Gab es nicht. Konzepte für Schulen, Kitas, Bus und Bahn? Nichts. Es ist viel zu wenig passiert. Gesundheitsexpert*innen hatten schon früh gefordert, das Vorgehen der Gesundheitsämter zu ändern und von Ländern wie Japan zu lernen. Doch ihre Rufe verhallten ungehört. Selbst als die Infektionszahlen im Oktober bedrohlich stiegen: Die Ministerpräsident*innen zauderten und zankten nur – einheitliche und konsequente Regeln beschlossen sie erst verspätet.

Nun sind die Intensivstationen wieder voll, täglich kämpfen Covid-Patient*innen um ihr Leben. Die Zahl der täglichen Corona-Toten in Deutschland ist mittlerweile höher als im Frühjahr – Tendenz weiter stark steigend. 305 Menschen starben allein Dienstag an dem Virus. Hunderttausende haben durch den Lockdown ihre Arbeit verloren und sind in existenzieller Not. Und wir alle sind wieder gezwungen, uns einzuschränken. 

Handelt endlich vorausschauend!

Auch wenn es schmerzt – natürlich verzichten wir: auf den Besuch bei der Familie oder dem Freundeskreis, auf den Sportverein, aufs Theater oder Restaurant. Weil wir wissen, wie wichtig es ist, dass wir alle verantwortungsbewusst handeln. Aber was nur schwer zu ertragen wäre: Wenn unsere Regierungen diese teuer erkämpften Erfolge nun wieder verspielten. Weil sie aus den Fehlern der ersten und zweiten Welle nicht lernen, das Virus unterschätzen – und wieder erst handeln, wenn nur noch ein erneuter Lockdown bleibt. 

Während die zweite Welle unser aller Leben beherrscht, warnen Forscher*innen bereits vor der dritten. Für uns ist klar: Nochmal darf das nicht passieren! Deswegen melden wir uns jetzt zu Wort. Wir wollen uns mit Ihnen und Zehntausenden Bürger*innen direkt an die Regierungschef*innen wenden. In einem offenen Brief fordern wir: Handelt endlich vorausschauend – und verhindert die dritte Corona-Welle! Das ist möglich: mit kluger Fallverfolgung, wie Virolog*innen es empfehlen; mit echtem Infektionsschutz in Schulen und Kitas und ohne einen Lockerungswettlauf zwischen den Bundesländern. 

Offener Brief an Merkel und Ministerpräsident*innen

Bereits am kommenden Mittwoch treffen sich Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsident*innen der Länder, um über die Corona-Strategie zu beraten. Wenn sie morgens unseren offenen Brief als Anzeige in mehreren überregionalen Zeitungen sehen, sollen sie merken: Wir Bürger*innen sind Teil der Debatte – und wir verlangen von unseren Regierungschef*innen, dass sie diesmal rechtzeitig handeln. Mit der Anzeige drucken wir auch die Zahl der Menschen ab, die hinter der Forderung stehen. Unterzeichne jetzt direkt – dann wird auch Deine Unterschrift noch mitgezählt! 

Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine und taz: Über diese überregionalen Zeitungen erreicht unser offene Brief die Regierungsmitglieder – direkt am Frühstückstisch oder auf dem Weg zum Corona-Gipfel!


Corona: Die dritte Welle verhindern!

Offener Bürgerbrief an die Regierungschef*innen von Bund und Ländern

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind besorgt darüber, wie Sie in der Corona-Pandemie agieren. Oft handeln Sie nicht früh und vorausschauend genug – sondern erst dann, wenn das Virus Ihnen keine Wahl mehr lässt. Dabei ignorieren Sie wichtige Erfahrungen, die andere Länder machen oder bereits gemacht haben. Und Zank um Zuständigkeit oder die eigene Profilierung scheinen oft wichtiger zu sein, als konstruktiv zu diskutieren und gemeinsam zu entscheiden.

Dabei ist die Lage erschütternd: Die Mitarbeiter*innen der Intensivstationen arbeiten wegen der vielen Corona-Patient*innen längst über ihre Kräfte. Täglich sterben in Deutschland bereits durchschnittlich 200 Menschen an COVID-19 – Tendenz stark steigend. Zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten werden über Monate oder sogar Jahre an den Langzeitfolgen wie chronischer Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und Atembeschwerden zu leiden haben. Zwar gibt es jetzt Hoffnung, was einen Impfstoff angeht. Aber klar ist auch, dass es noch Monate dauern kann, bis er flächendeckend hilft.

Das heißt: In diesem Winter müssen wir die Pandemie ohne die Hilfe von Impfungen begrenzen. Das gelingt nur, wenn wir dem Virus immer voraus sind. Es reicht also nicht aus, die jetzige zweite Welle durch konsequentes Eingreifen rasch zu beenden. Vielmehr erwarten wir, dass Sie parallel Pläne machen, um eine dritte Welle von vorneherein zu verhindern. Die verheerende Corona-Lage in den USA zeigt, wie bitter nötig das ist.

Das Gute: Wir können dabei auf die weltweiten Erfahrungen mit der Pandemie  zurückgreifen. Wir appellieren daher an Sie, besonders die folgenden vier Punkte zu beachten:

  1. Lockerungen nur mit Augenmaß: Sobald die Infektionszahlen auf ein kontrollierbares Maß schrumpfen, kommen sofort Rufe nach schnellen und umfassenden Lockerungen auf. Das aber darf kein Anlass für politische Profilierung sein. Bitte nehmen Sie die Lockerungen behutsam, abgestimmt und zeitlich durchdacht vor. Nur so lässt sich verhindern, dass die Pandemie erneut aufkommt.  
  2. Infektketten effektiv klären: Aktuell versuchen die Gesundheitsämter, die Infektionsketten anhand der individuellen Fälle zu klären – doch das führt bei den vielen Fallzahlen in die akute Überlastung der Behörden, wie wir sehen. Japan und Südkorea konzentrieren sich deswegen darauf, die Events auszumachen, während derer sich viele angesteckt haben. Die Teilnehmer*innen müssen dann alle umgehend in Quarantäne. Diese Strategie dämmte große Ausbrüche ein und verhinderte viele Einschränkungen.
  3. Schulen sicherer machen: Es ist gut, Kindergärten und Schulen geöffnet zu lassen.  Da aber auch dort Infektionen geschehen, müssen sie in die Pandemiebekämpfung eingebunden sein. Wir bitten Sie, die Empfehlung des RKI nicht länger zu ignorieren, nach der ab einer regional hohen Inzidenz auf Unterricht in Halbklassen umzusteigen ist. Auch sollten die Schüler*innen im Unterricht Masken tragen; Klassenräume sollten umgehend mit Luftfiltern oder Abluftanlagen ausgestattet werden.
  4. Super-Spreading verhindern: Selbst, wenn sich die Lage entspannt – wir müssen das Super-Spreading unbedingt vermeiden. Mehr als eine gute Hand voll Menschen ohne Maske in einem Raum – und es kann wieder losgehen. Bitte sorgen Sie dafür, dass große Familienfeiern, Partys, Feste und ähnliche Events tabu sind, bis flächendeckend geimpft wird.

Corona können wir besiegen – aber nur gemeinsam. Wir als Bürger*innen sind weiterhin bereit, unseren Anteil zu leisten. Von Ihnen erwarten wir, dass Sie entschieden und vorausschauend handeln und dabei aus Fehlern lernen.

 


Nach fast einem Jahr Coronavirus wissen wir: Was Regierungen beschließen, wie sich Länder verhalten – das macht den entscheidenden Unterschied. In den USA sind bereits mehr als 254.000 Menschen gestorben. Es ist keine Überraschung. Präsident Trump hat das Virus von Anfang an verharmlost. Länder wie Australien, Japan, Südkorea und Vietnam dagegen profitieren jetzt von ihrer schnellen und durchdachten Reaktion. War Deutschland in der ersten Welle noch ein Vorbild für andere, hat die zweite Welle uns deutlich härter erwischt, in enormer Geschwindigkeit breitete sich das Virus aus. Wir waren einfach nicht vorbereitet. 

Doch wir sind dem Virus nicht hilflos ausgesetzt. Wenn die Ministerpräsident*innen jetzt nicht weiter zaudern und entschlossen handeln, können sie die dritte Welle in Deutschland verhindern. Das fordern wir in einem offenen Brief in mehreren überregionalen Zeitungen. Unterzeichne jetzt gleich, damit Deine Stimme mit dabei ist. 

Übrigens: In der Debatte um die Corona-Politik hört man gerade vor allem eine sehr laute Minderheit: Corona-Leugner*innen, selbsternannte “Querdenker*innen” und Rechtsextreme, die die Situation für sich ausnutzen wollen. Wir meinen: Es ist höchste Zeit, dass endlich auch diejenigen Gehör finden, die eine solidarische und kluge Corona-Strategie wollen. Damit wir die Schwachen in unserer Gesellschaft schützen und dem Virus nicht schutzlos ausliefern. Bitte werde mit uns laut: Unterzeichne unseren offenen Brief!

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Veröffentlicht von Luise Neumann-Cosel

Luise Neumann-Cosel organisierte gewaltfreien Widerstand gegen Atommüll-Transporte, war Referentin für Energiepolitik und Campaignerin bei der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Bevor sie im Mai 2017 zu Campact kam, hat die studierte Geoökologin die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin gegründet, um das Stromnetz zu kaufen.

Veröffentlicht von Felix Kolb

Felix Kolb ist Politikwissenschaftler. Er promovierte zwischen 2002 und 2005 an der FU Berlin über die politischen Auswirkungen sozialer Bewegungen. Seine Dissertation erschien im Campus-Verlag. Nach dem Studium war er Pressesprecher von Attac. Zusammen mit Christoph Bautz stieß er die Bewegungsstiftung an und initiierte mit ihm und Günter Metzges Campact. Er ist seit April 2008 Geschäftsführender Vorstand.