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Die Klimakrise ist digital – und das sollten wir nutzen

Die Klimakrise ist auch ein Phänomen der Digitalisierung. Warum ist das so und welche Chancen gibt es durch die Digitalisierung beim Klimaschutz?

Ein kaputtes Smartphone liegt weggeworfen auf dem Waldboden. Im Campact-Blog beleuchtet Friedemann Ebelt, wie Klimakrise und Digitalisierung zusammenhängen.
Klimakrise und Digitalisierung – wie hängt das zusammen? Foto: IMAGO

Die Klimakrise ist ein digitales Phänomen. Denn ohne Digitalisierung und Vernetzung wüssten wir viel weniger über die bedrohlichen Veränderungen auf unserem Planeten. Wir hätten weniger Messwerte für Klimaprognosen und könnten uns nicht über Ursachen und Wirkungen des Klimawandels austauschen. Ohne global vernetztes Wissen hätte niemand von uns die Chance, sich zu informieren und niemand könnte Klimagerechtigkeit einfordern.

Es ist schlicht selbstverletztend, dass wir mit unserem politischen und gesellschaftlichen Handeln weit hinter dem Stand unseres Wissens zurückbleiben. Wie kann uns digitale Vernetzung dabei helfen, unserem Wissen auch angemessene Taten folgen zu lassen?

Digitalisierung ist Problem und Chance gleichermaßen

Zunächst ist aber auch die Digitalisierung ein Problem: Jedes Jahr werden 1,35 Milliarden neue Smartphones produziert und nach zwei bis drei Jahren werfen wir 80 Prozent davon ohne Recycling auf den Müll. So hinterlassen wir irreparable Schäden an Böden, Luft und Wasser. Im Internet verbrauchen wir etwa 10 Prozent des weltweiten Stroms. Wäre das Netz ein Land, hätte es den dritthöchsten Verbrauch nach China und den USA – Tendenz steigend.

Digital können wir Kontakt haben mit den Menschen vom anderen Ende der Lieferkette.

Mit unserem Selbstbewusstsein können wir uns selbst verstehen. Mit Empathie können wir Menschen im nahen Umfeld verstehen. Aber wie können wir ein Bewusstsein für den globalen und abstrakten Klimawandel und dessen Folgen erreichen? Dafür brauchen wir klimabewusste digitale Kommunikation und eine Digitalisierung, die das zur Priorität hat. Das bedeutet eine nachhaltige Digitalisierung, die Teilen, Informieren, Beteiligen und gemeinsames Agieren ermöglicht.

9-Euro-Ticket ist Klimaschutz

Das 9-Euro-Ticket wäre ein Baustein für mehr Klimaschutz. Es sollte erhalten werden. Unterzeichne hier.

Wir müssen uns den Klimawandel vor Augen führen. Ohne zu sehen, werden wir nicht verstehen. Und schon gar nicht handeln. Ohne Internet hätten Aktivist:innen keine Chance, uns klar zu machen, welche Auswirkungen unser Lebensstil auf die Menschen im Atlantik und Pazifik hat: Der Meeresspiegel steigt, das Trinkwasser verschwindet und die Meeresfrüchte enthalten Mikroplastik. Digital können wir Kontakt haben mit den Menschen vom anderen Ende der Lieferkette.

Mit Digitalisierung können wir auch die Abstraktion des Klimawandels überwinden. Wir können den steigenden Meeresspiegel, die Trockenheit und unseren CO2-Verbrauch für jede:n jederzeit sichtbar machen. Solche Klimazahlen müssen Teil unseres Alltags werden. Die Corona-Krise hat mit den allgegenwärtigen Inzidenzen gezeigt, dass es geht.

Digitalisierung ist falsch abgebogen

Digitale Vernetzung wird aber die menschlichen und ökonomischen Kosten der Klimakrise weiter erhöhen, wenn sie sich an den falschen Interessen orientiert. Mit ihrem Abgasbetrug demonstrierte die deutsche Autoindustrie, dass sie bereit ist, digitale Technik gezielt und systematisch einzusetzen, um geltendes Umweltrecht zu brechen. Beispiel Smartphone: Große Produzenten hätten die Power, um Geräte nachhaltiger im großen Maßstab herstellen. Sie tun es aber einfach nicht. Versagen auch im Online-Handel: Hier wird im Namen des Marketing die Kundschaft mit hochentwickelten Algorithmen automatisch und in Echtzeit auf Schritt und Klick beobachtet, um möglichst intime Informationen über das Privatleben zu erhalten. Wer beim Online-Einkauf allerdings Infos über alternative nachhaltige Produkte sucht, darf stundenlang suchen und suchen und suchen, wie früher in Bibliotheken. Unsere Digitalisierung ist hinter der Zeit, weil sie falsch abgebogen ist.

Du hast Feedback zu diesem Beitrag oder zum Blog allgemein? Wir freuen uns über Anregungen, Lob und Kritik unter blog@campact.de!

Wir brauchen aber schleunigst freie, klimafunktionale und faire Digitalisierung in der Klimakrise. Das betrifft unsere Geräte, unsere Software, unsere Gesetze, unsere technischen Standards, unsere Geschäftsmodelle, unsere Verwaltungsstrukturen und unsere politischen Prioritäten.

Während die meisten Regierungen und Unternehmen solange es geht den Stand des Wissens im Eigeninteresse ignorieren, hat die Zivilgesellschaft die Klimakrise frühzeitig erkannt, Forderungen aufgestellt und Druck gemacht. Digitalisierung wird uns nur bei der Klimakrise helfen, wenn sie nach dem Kompass der gemeinwohlorientierten Zivilgesellschaft gestaltet wird, die die Interessen des Planeten vertritt.


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Autor*innen

Friedemann Ebelt

Friedemann Ebelt

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik, und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren!

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