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3 Fragen an: Jan-Philipp Witt, Zugbesorger

Jan-Philipp Witt ist Campaigner bei Campact. Ende August hat er eine besondere Aktion organisiert – einen Sonderzug durch Berlin. Ziel der Zug-Demo war das Finanzministerium, um dort deutlich zu machen: Das 9-Euro-Ticket braucht einen Nachfolger! Wie funktioniert so eine Aktion? Das hat uns Jan-Philipp Witt im Interview erzählt.

Das Foto zeigt Jan-Philipp Witt, wie er von einem Kamerteam der "WELT" interviewt wird. Er ist Campaigner bei Campact. Ende August hat er eine besondere Aktion organisiert – einen Sonderzug durch Berlin. Wie das funktioniert hat, erklärt er im Campact-Blog.
Campaigner Jan-Philipp Witt wird bei einer Aktion zum 9-Euro-Ticket von einem Presseteam interviewt. Foto: Paul Lovis Wagner / Campact [CC BY-NC 2.0]

Ein Sonderzug ist am 29. August 2022 auf dem Weg zum Finanzministerium. Und es ist kein gewöhnlicher Zug – es ist ein Demo-Zug. In ihm sitzen hunderte Unterstützer*innen von Campact und Greenpeace; ausgestattet mit Fahnen, Bannern und Plakaten mit der Aufschrift „I ♥ 9-Euro-Ticket“. Ihr Ziel: Eine halbe Million Unterschriften, die sich für einen Erhalt des Tickets aussprechen, zum Finanzministerium von Christian Lindner (FDP) bringen

So einen Sonderzug zu organisieren, ist sehr viel Aufwand. Das weiß spätestens jetzt auch Jan-Philipp Witt. Er ist Campaigner bei Campact und war für die Organisation des Zuges zuständig. In diesem „3 Fragen an …“ erzählt er: Wie organisiert man einen Sonderzug?

Wo bekommt man eigentlich einen Zug her?

Das war auch die erste Frage, die wir uns gestellt haben, als wir die Idee zur Aktion hatten. Theoretisch lässt sich ein Sonderzug ganz einfach bei der Deutschen Bahn buchen. Doch als wir da angerufen haben, wurden wir ausgelacht: Für einen Sonderzug braucht man mindestens sieben Monate Vorlauf – wir hatten drei Wochen. Dazu kam: Wegen der Mehrbelastung durch das 9-Euro-Ticket war eh alles, was rollt, auf den Gleisen unterwegs. Keine Chance. Also haben wir ein Wochenende lang jeden angerufen, der irgendwas mit Zügen am Hut hat. Sogar die Tschechische Eisenbahn war dabei. Am Ende hatten wir einfach Glück. Durch einen Zufall konnte uns ein kleiner Zugbetreiber den Zug für einen kurzen Zeitraum anbieten.

Doch ein Zug ist nix wert, ohne die dazugehörige Streckengenehmigung. Wer wann wo fahren darf, bestimmt eine Tochterfirma der Deutschen Bahn: die DB-Netz AG. Und da ist die Bearbeitungszeit eigentlich eher 14 Tage. Soviel Zeit hatten wir aber auch hier nicht. Am Ende hatten wir auch hier Glück und haben die wohl schnellste Streckengenehmigung aller Zeiten bekommen. Trotzdem war es total knapp; ein paar Stunden später, und wir hätten die ganze Aktion abgeblasen. 

Gab es ein Problem, das Dich in dem Prozess am meisten überrascht hat?

Ein Demo-Zug war etwas völlig Neues für uns – trotzdem waren wir sehr gut vorbereitet. Aber am Ende sind solche Aktionen immer chaotisch und man muss viele Probleme kurzfristig und spontan vor Ort lösen. Zum Beispiel hat die DB auf ihren Bahnsteigen das Hausrecht, deshalb muss man eine extra Drehgenehmigung beantragen. Und obwohl wir als Veranstalter und auch die Medienteams das gemacht haben, war Chaos vorprogrammiert. Zeiten und Orte stimmten nicht, die DB-Sicherheit war kurz davor, TV-Teams ohne gültige Drehgenehmigung rauszuwerfen. In letzter Minute konnte mit der DB-Pressestelle zusammen eine Lösung gefunden werden, da rollte auch schon der Zug ein. Natürlich auf einem anderen Gleis und mit etwas Verspätung – aber so ist das halt auf einer typischen Bahnfahrt.

Welche (besondere) Erfahrung nimmst Du aus der Sonderzug-Aktion mit?

Solche Aktionen sind zwar total aufwändig, aber es lohnt sich. ARD, ZDF – wir waren an dem Tag in den großen Fernsehformaten zu sehen. Und der Ritterschlag für so eine Aktion ist definitiv die Tagessschau um 20 Uhr: Wenn das klappt, hat man unglaublich viele Menschen in Deutschland erreicht. Wir haben’s geschafft, das ist ein Riesenerfolg.

Du hast Feedback, Fragen, Anmerkungen? Dann schreib uns eine E-Mail an blog@campact.de.

Sowas klappt nur, weil die Campact-Aktiven sich immer wieder auf solche abgedrehten Aktionsformen einlassen. Hunderte Leute an einem Montagvormittag in einem Sonderzug zum Finanzministerium – damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin mir sicher, in fünf Jahren werden sich alle, die dabei waren, noch an diese Aktion erinnern. Dazu war unser Protest maximal erfolgreich – einer halben Million Menschen konnte Christian Lindner nicht standhalten. Jetzt soll das Anschlussticket wirklich kommen. Wir bleiben dran und kämpfen dafür, dass es nicht 69 Euro kostet, sondern ein bezahlbares Klimaticket für alle wird – mal schauen, ob uns dafür noch eine tolle Aktionsform einfällt. 


Der Sonderzug war ein voller Erfolg; neben der Tagesschau um 20 Uhr und ZDFheute griffen auch viele Online- und Print-Nachrichten die Aktion auf. So war für ganz Deutschland und vor allem für die Politik sichtbar: Eine Mehrheit steht hinter dem 9-Euro-Ticket! Hier kannst Du die Fotos der Aktion ansehen.

Mehr Bilder findest Du auf dem flickr-Account von Campact.

Wenn auch Du für einen günstigen und gut ausgebauten Nahverkehr bist, unterzeichne den Appell von Campact! Je mehr Leute sich hinter die Forderung stellen, desto höher wird der Druck auf die Verantwortlichen. 

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Autor*innen

Linda Hopius

Linda Hopius

Linda Hopius ist Journalistin und seit 2021 Online-Redakteurin bei Campact. Vorher hat sie sich in NRW in den Bürgermedien im Medientraining und für mehr Bürgerbeteiligung engagiert. Im Campact-Blog kümmert sie sich vor allem um Service-Themen und Interviews.

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