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Digitaler Klimaschutz made by Zivilgesellschaft

Diesmal geht es um Green IT und die Civic Tech-Community – und ihr beeindruckendes digitales Engagement für den Klimaschutz.

Das Foto zeigt einen Schreibtisch von oben. auf ihm stehen links ein aufgeklappter Laptop, in der Mitte und rechts steht jeweils ein Bildschirm. Auf allen Bildschirmen sind Code-Zeilen zu sehen. Am unteren Bildrand sieht man noch eine Tastatur und eine Computermaus, auf denen jeweils eine Hand liegt.
Foto: Unsplash

Die Studie „Digital Reset“ von Steffen Lange und Tilman Santarius sagt, dass unser schädlicher ökologischer Fußabdruck durch die Digitalisierung in ungeahntem Tempo wächst. Die positiven Beiträge der Digitalisierung haben nur einen Nischencharakter. Das Fazit der Studie lautet: Der Zweck unserer Digitalisierung muss dem Ziel einer sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft untergeordnet werden. Wenn wir das nicht schaffen, arbeiten wir mit der Digitalisierung gegen uns selbst. Dann schaufeln wir uns aus Daten, Geschäftsmodellen und Endgeräten eine riesige Klimafalle. Jetzt ist die Frage: Wer bringt den digitalen Klimaschutz voran?

Alle Texte von Friedemann Ebelt zum Bereich Digitialisierung & Klimaschutz kannst Du hier lesen.

Wer will, dass etwas passiert und gut wird, muss selbst anpacken, denn auf Politik und Wirtschaft ist kein Verlass. In dieser Absolutheit stimmt das nicht. Es gibt sehr engagierte Menschen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, die beherzt beim Klimaschutz anpacken. Aber Regierungen und Verwaltungen mahlen mit langsamen Mühlen – manchmal scheint es so, als gingen mehr Ambitionen in die Hausordnung und das Duell mit den politischen Gegner:innen, als in die sozial-ökologische Umgestaltung. Und in der Wirtschaft sind und bleiben Akteure primär gewinnorientiert und nicht idealistisch lösungsorientiert.

Wer schiebt digitalen Klimaschutz an?

Seit Jahrzehnten sind es die engagierte Wissenschaft und Aktivisti auf der ganzen Welt, die die lebensbedrohlichen Auswirkungen unserer Lebensweise für das Klima erkannt haben. Politik und Wirtschaft haben ihre Warnungen ignoriert, teilweise bis heute. Früh gehört wurden sie von der gemeinwohlorientierten Zivilgesellschaft. Sie ist die am schlechtesten ausgestattete Arbeitsebene unserer Gesellschaft: Hier gibt es niedrige bis keine Löhne aber dafür wenig Anerkennung bis Anfeindungen. Im besten Fall locken mikroskopische Kurzstrecken-Projektmittel, Spenden und ein warmer Händedruck. Aber genau hier, leistet die Civic Tech-Community beeindruckende Arbeit!

Danke, liebe Civic Tech-Community!

Ich möchte der Civic Tech-Community an dieser Stelle ganz ganz herzlich für ihre technische, politische und gesellschaftliche Arbeit und den Aktivismus danken. Eure Arbeit ist wichtig und sie hilft allen. Ich denke, viele Menschen wissen noch nicht, was für unglaubliche Dinge ihr leistet. Vielleicht muss auch der Begriff „Civic Tech“ geklärt werden:
Civic steht für „bürgerlich“ wie in „Civic Participation“ (bürgerliche Beteiligung) und „Tech“, klar, für Technologie und in diesem Fall geht es um digitale Technik. Verwandte Begriffe (und nützliche Hashtags im Fediverse) sind: Digital Green Tech, Green IT, Civic IoT, Open Government und Green Fediverse.

Das Foto zeigt mehrere Menschen in einem grünen Innenhof, die für ein Foto zusammenstehen. Sie sind Teil eines Netzwerks von OK Labs, kurz für Open Knowledge Labs, in ganz deutschland.
Mitglieder verschiedener OK Labs, kurz für Open Knowledge Labs, bei einem Treffen in Berlin. Die Labs sind Teil von Code for Germany. Das ist ein Netzwerk von Open-Government-Expert*innen, die sich als ehrenamtliche Stadtentwickler*innen für einen nachhaltigen digitalen Wandel in Politik und Verwaltung einsetzen. Foto: Wolfram Eberius (CC BY-SA 4.0)

Civic Tech steht also dafür, dass Bürger:innen Hand anlegen und Technik bauen, die in erster Linie den Menschen und dem bestmöglichen Funktionieren der Gesellschaft dient. Konsequenterweise kümmern sich viele dieser Projekte um den Klimawandel. Das kann auf die unterschiedlichsten Weisen geschehen. Einige Projekte machen schwer zugängliche Umweltdaten für alle nutzbar. Andere Projekte bauen Sensoren, damit klimarelevante Informationen wie Luft-, Wasser- oder Abgasdaten erhoben werden. Wieder andere Projekte bauen Software, die den Fortschritt der Klimamaßnahmen in einer Kommune sichtbar macht.

Innovationsdruck für den Klimaschutz

Viele Civic Tech-Projekte arbeiten oft Hand in Hand mit der Verwaltung. Zum Beispiel, weil sie den Zugang zu den Umweltdaten einer Kommune freikämpfen oder auch, weil sie gern möchten, dass auch die Verwaltung die geschaffenen Lösungen nutzt. Die Civic Tech-Community übt konstanten, positiven Innovationsdruck aus. Sie verlangt zum Beispiel nach offenen, technischen Schnittstellen, über die möglichst aktuelle Daten über den Wasserhaushalt, oder auch den Finanzhaushalt für Klimaschutz der Kommune automatisch in eine App geladen werden können, damit sich Bürger:innen, aber auch Politiker:innen ein klares Bild von der Situation machen können. Civic Tech ist damit gleichzeitig Gestaltung von Technik und Gestaltung von Verwaltung.

Civic Tech-Projekte sind genau das, was wir dringend brauchen. Darum verspricht die Bundesregierung im Koalitionsvertrag: „Wir werden das digitale Ehrenamt sichtbarer machen, unterstützen und rechtlich stärken“. Es liegt auf der Hand, was getan werden muss: langfristige Förderung, Anerkennung der Arbeit der Community, Abbau von Hürden, Neuausrichtung der Verwaltung und das ganz große Rad muss bewegt werden: Die Neuausrichtung der Digitalisierung zum Zweck einer sozial-ökologischen Transformation. Leider sieht die Praxis anders aus, kritisiert Rainer Rehak vom Weizenbaum-Institut auf der Bits&Bäume-Konferenz: „Junge, engagierte Menschen werden mit falschen Versprechen gelockt, sie sollen die Herausforderungen in der Gesellschaft angehen und rennen gegen eine, für sie bis dato unbekannte, strukturelle Mauer. Das heißt, die Menschen brennen für Ihre hohen Ziele aus.“ Dieser Satz ist einer von denen die weh tun, weil sie treffen wie ein Stein.

Support your local Community!

Wer die Civic Tech-Community unterstützen möchte, findet viele Möglichkeiten. Zu viele, um hier alle zu nennen, aber als Einstieg: Wer Dinge realisieren möchte, findet beispielsweise auf Hackaton-Veranstaltungen, in der Sensor-Community oder im Programm Code for Germany (Präsentation bei Bits&Bäume), Gruppen in verschiedenen Orten, die an konkreten Projekten arbeiten.

Wer recherchieren möchte, kann sich an den Klima-Helpdesk von fragdenstaat.de wenden und bei Behörden Klimadokumente anfragen wie Umweltgutachten, Klimaschutzpläne oder Dokumente zu Lobby-Treffen.
Wer sich informieren möchte, kann sich beispielsweise die Aktivitäten der Bits&Bäume-Community näher anschauen, zum Beispiel die Vorträge der Bits&Bäume-Konferenz 2022. Da ging es unter anderem um klimabewusste Websites und die Energiewende in der Nachbarschaft mithilfe digitaler Tools. Informationen und Prognosen zur Klimaentwicklung in aktuell 16 Kommunen gibt es beim Projekt Klimawatch. Ein kleiner Beitrag ist es auch, diesen Text zu teilen.

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Autor*innen

Friedemann Ebelt

Friedemann Ebelt

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik, und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren!

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