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Wie Eva Frauen schützen soll

Frauen in der Wissenschaft sind noch immer unterrepräsentiert – mit teils lebensgefährlichen Folgen. Eva, der erste weibliche Dummy, soll es richten – jedenfalls im Straßenverkehr.

Wird die Zukunft weiblicher? Noch fehlt es gerade in der Forschung an Frauen
Dieser weibliche Roboter gibt einen Vorgeschmack, wie Forschung in Zukunft bald aussehen könnte, Foto: Imago

Lange Zeit durften Frauen nur hinter verschlossenen Türen studieren. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihnen das Studium in Deutschland offiziell erlaubt – rund 60 Jahre später als in den USA oder der Schweiz. Heute schreiben wir das Jahr 2023 und noch immer geht weltweit unfassbar viel Forschungspotential verloren, da zu wenige Frauen in der Forschung arbeiten. In den sogenannten MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) fehlt von Gleichberechtigung jede Spur – mit fatalen Folgen. 

Jetzt kommt Eva, der erste weibliche Dummy

Das UNESCO-Institut für Statistik in der Forschungs- und Entwicklungsarbeit sieht den Frauenanteil bei unter 30 Prozent. An die zentrale Rolle von Frauen und Mädchen in Wissenschaft und Technik soll der 11. Februar, der internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft, erinnern.

Die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft bringt ganz praktische und folgenreiche Probleme mit sich. Bei Autounfällen sind sie beispielsweise einem erheblich höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt. Denn bislang wurden Crashtests mit einem vermeintlich männlichen Dummy (175 Zentimeter groß und 78 Kilogramm schwer)  durchgeführt. Dieser Test ist in der EU verpflichtend. Frauenkörper wurden bislang – wenn überhaupt – nur mit pseudo-weiblichen Modellen mitgedacht. Sprich: kleineren Männerkörpern. Zentrale Kriterien wie Muskelaufbau, Körperschwerpunkt, Aufbau von Hüfte und Becken wurden ignoriert. 

„Wenn Unfälle nur an männlichen Dummys getestet werden, heißt das im Umkehrschluss, dass Frauen bei Unfällen ein viel größeres Risiko haben, sich schwer zu verletzen“, sagt Laura Gebhardt vom Institut für Verkehrsforschung vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. So könnten Gurte, die nur an männlichen Dummys getestet wurden, kleinere Frauen im schlimmsten Fall strangulieren. Eva, der erste weibliche Dummy, könnte diese Lücke nun schließen. Der Prototyp wurde von der schwedischen Ingenieurin Astrid Linder entwickelt.

Und es gibt weitere Beispiele: So können Sprachdienste wie „Alexa“ oder „Siri“ männliche Stimmen besser verstehen, da sie hauptsächlich von Männern entwickelt und getestet wurden. 

Medizin für Frauen oftmals lebensgefährlich

Inken Behrmann Der gespiegelte Gender Pay Gap

Lange ging man in der Wissenschaft davon aus, dass vor allem das niedrige Gehalt von Frauen für die große Lücke bei den Gehältern verantwortlich ist, den sogenannten Gender Pay Gap. Neue Forschungen zeigen jetzt aber: Es ist das regional sehr unterschiedlich hohe Gehalt der Männer, das diese Lücke erst schafft und vergrößert. Der Blick auf die regionalen Unterschiede in West- und Ostdeutschland zeigt, welche Maßnahmen besonders helfen können, die Lohnungerechtigkeit endlich zu beenden.

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In der Medizin ist die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft mitunter lebensgefährlich. Klinische Studien in der Kardiologie werden vorrangig bei Männern durchgeführt; der Frauenanteil liegt bei mickrigen 24 Prozent. Dabei haben Frauen eben nicht nur eine ganz andere Anatomie (in der Regel kleinere Herzen, die schneller schlagen), sondern bei einem Infarkt auch andere Symptome als Männer – und werden oftmals erst falsch therapiert. 

Auch im Punkt Medikamente gibt es Nachholbedarf: Bis in die 1990er Jahre erhielten Frauen generell die gleichen Dosen wie Männer – mit teils tödlichen Folgen. Erst seit 1994 (!) müssen Medikamente verpflichtend auch an Probandinnen getestet werden. Ein erster Schritt und doch sind wir von wahrer Gleichberechtigung im Medizinbereich weit entfernt. Die Auswirkungen von Zyklusschwankungen, Schwangerschaft oder Wechseljahren werden nach wie vor nicht ausreichend untersucht. 

Fehlende Vorbilder: Frauen fördern Frauen

Feedback und Anmerkungen liest die Redaktion gerne unter blog@campact.de.

Mehr Frauen in der Forschung könnten das ändern. Um sie für Wissenschafts-Berufe zu begeistern, braucht es jedoch mehr als „nur“ einen internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Sie brauchen weibliche Vorbilder; gendersensiblen Schulunterricht, fernab von Klischees. Unterricht, der Jungen und Mädchen gleichermaßen anspricht. 

Gendersensible Erziehung beginnt schon im Kleinkindalter – denn ja, es hat einen Einfluss, wenn kleine Mädchen ausschließlich Puppen und Kinderküchen geschenkt bekommen und Jungs Lego-Technik. Und wenn Mädchen nur männliche Lehrer in MINT-Fächern haben, dann macht das was mit ihnen. Klar ist: Mädchen brauchen weibliche Vorbilder in der Wissenschaft; doch ohne genug Vorbilder ziehen auch nicht ausreichend Mädchen hinterher. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Damit Mädchen wie Jungen in Zukunft frei entscheiden können – und zwar, ohne dass soziale Normen oder Stereotype ihnen Grenzen setzen.

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Autor*innen

Vera Kuchler arbeitet seit 2017 als Redakteurin bei Campact. Die ausgebildete Soziologin und gelernte Journalistin beschäftigt sich im Blog vor allem mit dem Thema „Arbeit und Geschlecht“. Alle Beiträge

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