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Nachhaltige IT gibt es noch nicht – das muss sich ändern

Ein neuer Leitfaden des Fraunhofer-Instituts will den Weg zeigen zu Digitalisierung, die „in sich selbst“ nachhaltig ist. Ehrlicherweise ist nachhaltige IT aber noch ein Wunschtraum. Besser als „etwas weniger klimaschädliche IT“ kann die Industrie nicht. Wie weit der Weg wirklich ist, zeigt die Herstellung einer sehr fairen Computer-Maus.

Foto: Unsplash / Ryan Putra

Kiel, die einzige deutsche Landeshauptstadt am Meer, wird vom Anstieg des Meeresspiegels, wie ihn Klimaforscher:innen prognostizieren, direkt betroffen sein. Und die jüngsten Zahlen des europäischen Copernicus-Klimadienstes sehen nicht gut aus: Seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1870 war der Sommer 2022 der heißeste, den es je gab und weltweit schmelzen unsere Gletscher schneller, als es noch vor 20 Jahren prognostiziert wurde. Wer sich ein Bild von den Folgen für die deutschen Küstenstädte machen will, kann sich auf der „Sea Level Map“ drei verschiedene Szenarien ansehen. Der aktuell prognostizierte Worst Case liegt bei 2 Meter Anstieg des Meeresspiegels bis 2100. Die größten Probleme mit den Folgen von Hitze und ansteigendem Meeresspiegel werden aber vermutlich nicht die deutschen Küsten bekommen, sondern ärmere Teile der Welt.

Kiel für wertebasierte Digitalisierung

Mit diesen Zahlen im Kopf leuchtet ein, warum Kiel beim Klimaschutz deutlich engagierter ist als andere deutsche Städte. Kiel hat den Klimanotstand ausgerufen, den „Masterplan 100 % Klimaschutz“ und den „Green City Plan“ aufgestellt und will noch vor 2045 klimaneutral werden.

Über Rückmeldungen und Anregungen freut sich die Blog-Redaktion unter blog@campact.de.

Weil der Meeresspiegel weltweit steigt, leuchtet auch ein, warum Klimaschutz nicht nur kommunal, sondern global angegangen werden muss. Darum ist es fantastisch, dass Kiel auch die eigene Digitalisierung in den Blick nimmt. Erstens wird das zu wenig getan und zweitens ist Digitalisierung ein globales Problem, für das es endlich Lösungsansätze braucht. Es ist also doppelt gut, dass das Kompetenzzentrum Öffentliche IT am Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme einen Leitfaden für „Wertebasierte Digitalisierung“ im öffentlichen Sektor geschrieben hat. Beide Daumen hoch.

Digitalisierung „in sich selbst“ nachhaltig gestalten

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Lies hier seinen Beitrag „Klimagerechtigkeit by Design“:

Jeder Klick für Klimagerechtigkeit: Technik muss Klima und Umwelt schützen, statt ihnen zu schaden.
· Digitalisierung

Klimagerechtigkeit by Design

Richtig begeistert war ich von der Definition, mit der der Leitfaden an die Sache herangeht: „Nachhaltige Digitalisierung befasst sich im Kern mit der Frage, wie digitale Technologien ‚in sich selbst‘ nachhaltig gestaltet werden können.“ Klimagerechtigkeit by Design ist aus meiner Sicht der richtige Weg, denn wenn Digitalisierung „in sich selbst“ nachhaltig wäre, könnten wir sie betreiben, wie einen ökologischen Bauernhof nach dem Kreislaufprinzip. So ein Hof ist weitgehend regenerativ und kann endlos lange produktiv bewirtschaftet werden, ohne auf Dauer die Böden auszubeuten, die Artenvielfalt zu reduzieren oder das Wasser zu verschmutzen. Ein regenerativer Betrieb von IT wäre die Lösung für das Dilemma aus „Digitalisierung kann dem Klimaschutz helfen“ und „praktisch schadet unser digitaler Konsum von Produkten, Energie und Rohstoffen dem Planeten aber deutlich mehr“. In einer Kurzinfo zu dem Thema teilt auch das BMUV diesen umfassenden Blick auf IT: „Hier und heute sollten Menschen nicht auf Kosten der Mitmenschen in anderen Regionen der Erde und auf Kosten zukünftiger Generationen leben.“ Das wäre digitaler Ökolandbau.

Nachhaltige IT gibt es nicht, leider

Leider ist digitaler Ökolandbau ein Wunschtraum – zu schön, um wahr zu sein. Anders als bei einem Hof, der in seiner Kernfunktion grundsätzlich regenerativ bewirtschaftet werden kann, ist das mit IT nicht möglich, denn die bildenden Elemente sind nicht Erde, Wasser, Flora und Fauna, sondern Edelmetalle, Chip-Fabriken und energiesaugende Rechenzentren. Wie soll das in Kreislaufwirtschaft (Cradle to Cradle) gehen? Der Kiel-Leitfaden beginnt an dieser Stelle bedauerlicherweise zu relativieren:

„Die Maßstäbe für Nachhaltigkeit verschieben sich dabei durch neu entwickelte Technologien, veränderliche Ressourcenverfügbarkeit, wissenschaftlichen Fortschritt und sich wandelnde gesellschaftliche Bedarfe – insbesondere durch die Berücksichtigung jener der zukünftigen Generationen. (…) Was vor fünf Jahren noch als nachhaltig galt, kann jetzt beispielsweise aufgrund einer neu entwickelten Fertigungstechnik bereits überholt sein.“ Der Vergleich mit dem Ökolandbau zeigt das Problem. Ein Hof, der vor fünf Jahren nicht nachhaltig war, wird es auch in Zukunft nicht sein, außer, es wird an den Bewertungskriterien gedreht, aber das ändert am eigentlichen Ziel der Kreislaufwirtschaft nichts.

Es geht nur etwas weniger schädlich

Der Leitfaden nennt als eines von vielen Beispielen das Video-Konferenz-System. Es gibt sicherlich Lösungen, die klimaschädlicher sind als andere, weil sie mehr Energie und Daten verbrauchen, zum Überkonsum anregen, Nutzende zur Anschaffung neuer Geräte zwingen oder mit Strom aus fossilen Brennstoffen betrieben werden. Aber nachhaltig ist kein Video-Konferenz-System. Wenn digitale Dienste oder Geräte dennoch als nachhaltig bezeichnet werden, verstellt das den Blick auf die Realität. Genauso ist der Titel der „Europäischen Ökodesign-Richtlinie“, die lediglich Mindestanforderungen stellt, ein Problem. Denn ökologisch zu produzieren ist kein Mindeststandard, sondern der Höchststandard. Mit Kriterien für Nachhaltigkeit, wie sie auch im Leitfaden vorgeschlagen werden, lassen sich die etwas weniger klimaschädlichen Angebote identifizieren, aber zu wirklich nachhaltiger IT führt das nicht.

Die faire Computer-Maus (super Geschenkidee)

Dieser Text startete im Norden der Republik und wird im Süden enden – eigentlich im globalen Süden. Der Nager IT e.V. lässt in Regensburg eine Computer-Maus produzieren, die so fair ist, wie es eben geht: „Bezieht man die komplette Lieferkette mit ein, kann man unsere Maus mit gutem Gewissen als 2/3 fair bezeichnen. Das hört sich bescheiden an, ist aber mit Abstand das fairste, was es im Bereich Elektronik gibt. (…) Auch wenn der soziale Aspekt bei der fairen Maus eindeutig im Vordergrund steht, berücksichtigen wir so gut wie möglich auch die Belange der Umwelt. Nur so können wir die Maus auch nachhaltig nennen.“

Das Schema der Lieferkette (unbedingt ansehen! – Hier geht’s zum PDF) zeigt, wie komplex die Herstellung einer Computer-Maus ist, einer vergleichsweise einfachen IT-Komponente. Wie würde so ein Schema für ein Video-Konferenz-System inklusive Endgeräten, Rechenzentren und Co. aussehen?

Der Weg bis „nachhaltig“ ist weit – wir sind ganz am Anfang

Beim Thema faire und nachhaltige IT passiert so wenig, dass es, meiner Einschätzung nach, noch viel zu verfrüht ist, um von tatsächlich nachhaltiger Digitalisierung sprechen zu können. Jeder Leitfaden, jede Studie, jeder Verein und jede Initiative in diese Richtung ist unendlich wichtig. Wenn Kommunen das Thema in ihre Agenda aufnehmen, ist ein weiteres kleines Stück des Wegs zurückgelegt. Danke an alle, die hier aktiv sind!

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