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Eine schöne neue Demo-KI?

Künstliche Intelligenz entwickelt sich in rasant. Damit wir Künstliche Intelligenz in unserer Demokratie gemeinwohlorientiert nutzen können, müssen wir uns zuerst eingestehen, dass wir tatsächlich Hilfe benötigen.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich in rasant. Kam die schöne neue Welt zu schnell?
Unsere schöne neue Welt: Waren wir zu schnell für unsere eigene Evolution? Foto: Pixabay

Dass wir uns irren könnten, geben wir alle ungern zu. Oft braucht es den gut gemeinten Hinweis eines Freundes, bevor man es sich selbst eingestehen kann. Wenn wir einmal so weit sind, gibt es für die meisten Probleme und Herausforderungen gute Lösungsansätze. Der wichtigste Schritt liegt aber eben davor: wahrzunehmen und anzuerkennen, dass wir einen Fehler gemacht oder ein Problem haben, das nicht ganz von allein wieder besser wird.   

Unsere schnelle schöne neue Welt

Eines der größten noch nicht anerkannten Probleme der Menschheit ist die Schnelligkeit unserer kulturellen Entwicklung der letzten 400.000 Jahren. Und die daraus folgenden – bisher noch nicht wirklich wahrgenommenen – kognitiven Anpassungsschwierigkeiten auf die von uns selbst errichtete schöne neue Welt. Das sind für jemanden, der Harari gelesen hat, im Grunde Old-News. 

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Steinzeitmenschen in einer hyperkomplexen Welt

Was ich sagen will: Wir waren zu schnell für unsere eigene Evolution. Das ist ein riesengroßes Problem. Gerade unser kognitives System reagiert auf Sinneswahrnehmungen immer noch so, als würden wir in einer Welt mit giftigen Früchten, Säbelzahntigern und Mammuts leben. Viele unserer Wahrnehmungsfilter haben schon seeehr lange kein Update erhalten. Um es holzschnittartig ausdrücken: Wir leben als Steinzeitmenschen in der modernen, hyperkomplexen, mit Leuchtreklamen ausgeschmückten Welt des Jahres 2023. Viele Informationen und Signale, die uns unser Gehirn und unser Körper geben, die in den letzten hunderttausenden Jahren zuverlässig unser Leben und Überleben sicherten, führen heute zu irreführenden Entscheidungen. Unser kognitives System weiß es einfach noch nicht besser. Wir machen also strukturelle Fehler bei unserer Entscheidungsfindung, weil wir Menschen zu schnell für die Evolution waren und uns dadurch nur unzureichend auf die Gegenwart einstellen konnten.

Das ist in unserem Alltag ein großer blinder Fleck. Ein ziemlich entscheidender. Das macht nämlich nicht nur die Frage auf, wie souverän wir wirklich sind, sondern auch, wer uns in unserem schnelllebigen Alltag helfen kann, passgenauere Entscheidungen zu treffen. Wer könnte uns den gut gemeinten Rat geben? Halte diese etwas längere Vorrede in Deinem Bewusstsein beim Weiterlesen. Es macht gleich alles Sinn: versprochen.

Warum wählen wir so, wie wir wählen?

Um das Problem zu verdeutlichen, ein Beispiel aus meinem Arbeitsfeld: Die obersten Entscheider*innen in unserer Demokratie in Deutschland sitzen in den 17 Parlamenten. Genauer in den 16 Landtagen und im Bundestag. Noch genauer: Eigentlich sitzen die Entscheider*innen nur in den Landesregierungen und in der Bundesregierung. Wir wählen sie nach unserem besten Wissen und Gewissen und sie repräsentieren uns dann für eine Legislaturperiode. Danach wiederholt sich das Spiel. Die Frage ist nun: Warum wählen wir so, wie wir wählen? 

Anselm Renn ist Pressesprecher und Campaigner bei Mehr Demokratie e.V. und schreibt im Campact-Blog u.a. zum Thema direkte Demokratie. Hier findest Du alle Beiträge von Anselm Renn.

Gehen wir also davon aus, dass die „Old-News“ von oben stimmen. Dann müssen wir zugeben, dass wir wegen unserer Unfähigkeit, in unserer Zeit anzukommen, nicht nur unwichtige Impulskaufentscheidungen tätigen, sondern auch wichtige politische Entscheidungen (zum Beispiel Wahlen und Abstimmungen) davon eingefärbt sind. 

Wie kommen wir da jetzt raus? Aus meiner Sicht: ohne Hilfe gar nicht. Wir wählen weiter Parlamente, die zum großen Teil nur aus Akademiker*innen bestehen. Die zwar viel juristisches Wissen, aber wenig Menschenverstand und Lebenserfahrungen aus anderen Bereichen in die Parlamente bringen. Wir werden damit leben müssen, dass unsere Entscheidungen, die wir treffen, in einer immer komplexeren Welt zwar sicher nicht ganz falsch sind, aber immer von dem „Anteil des Steinzeitmenschen“ in uns mitbestimmt werden. Allein das Wissen darüber hilft bei wichtigen Entscheidungen weiter, oder? Sich selbst immer mal wieder zu fragen: Welcher Anteil in mir entscheidet hier eigentlich gerade? 

Künstliche Intelligenz als Beratungsinstanz

Die nächste Stufe ist, sich als Menschen und Menschheit externe Beratung zu suchen. Und zwar nicht bei anderen Menschen, die denselben Bias haben. Sondern bei einer Künstlichen Intelligenz, die um die Schwächen und Anpassungsschwierigkeiten unseres kognitiven Systems weiß und diese relativ gut erforschten Einschränkungen kompensieren kann. Wer diese Einschränkungen besser verstehen will: Der israelische Ökonom Daniel Kahneman bekam 2002 für seine Arbeit über „Kognitive Verzerrungen, die Entscheidungsfindung beeinflussen“ einen Nobelpreis

Die EU verhandelt gerade über Künstliche Intelligenz. Damit sie Gutes bewirken kann, müssen ihr Grenzen gesetzt werden. Lies hier den Beitrag von Lena Rohrbach von Amnesty International:

Doch spätestens jetzt wirds gruselig, oder? Nein, eigentlich nicht! Was wäre, wenn uns eine KI nicht nur im Auto warnt, wenn wir Gefahr laufen, von der Strecke abzukommen oder versehentlich ein Hindernis übersehen haben. Was wäre, wenn uns eine KI auch sonst vor Gefahren im 21. Jahrhundert warnt, die wir nicht sehen oder wahrnehmen können? Und als Co-Pilot keine Entscheidungen für uns fällt, aber auf mögliche Missverständnisse oder Fehlinterpretationen hinweist? 

Künstliche Intelligenz und Demokratie

Im Digtial-Democracy-Summit von Mehr Demokratie, der vom 20. bis 23. Juni stattfindet, werden wir nicht nur die konkreten Gefahren besprechen, die von einer Künstlichen Intelligenz (KI) auf unsere Demokratie ausgehen. Sondern auch darüber diskutieren, wie wir als Gesellschaft Künstliche Intelligenz in unserer Demokratie gemeinwohlorientiert nutzen können. Die Zeit der Debatte ist jetzt! 

Ich glaube, durch den Einsatz von KI könnten wir, ohne auf die langsame Evolution zu warten, schon morgen in die nächste Stufe von besseren, „gemeinwohlorientierten“ Entscheidungen kommen. Doch dafür müssten wir erst einmal einsehen und anerkennen, dass wir als Menschen hier tatsächlich Hilfe benötigen. 

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Autor*innen

Anselm Renn ist Kommunikations- und Politikwissenschaftler. Er ist Bundesvorstand von Mehr Demokratie e.V. und setzt sich seit Jahren als Pressesprecher und Campaigner für stärkeren Bürger:inneneinfluss in der Politik auf allen Ebenen ein. Im Campact-Blog schreibt er zu den Themen Direkte Demokratie und Volksentscheide. Alle Beiträge

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