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5 Fragen zum Gedenken in Rostock-Lichtenhagen

Das brennende Sonnenblumenhaus wurde 1992 zum düsteren Sinnbild rassistischer Gewalt. 31 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen haben wir mit Menschen gesprochen, die sich für die Betroffenen einsetzen und die Politik in die Verantwortung nehmen.

Gedenken am Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Foto: IMAGO / xcitepress

Es zählt zu den größten Pogromen in der Geschichte der Bundesrepublik: Vom 22. August 1992 an attackierten Neonazis im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen Asylbewerber*innen und ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam, die im Sonnenblumenhaus lebten. Bis zu 1.000 Rechtsextreme waren an den Ausschreitungen beteiligt. Rund 3.000 Menschen schauten der Gewalt zu, applaudierten und behinderten den Einsatz der Feuerwehr. Die Polizei zog sich zeitweise völlig zurück.

Am Abend des 24. August setzten die Angreifer*innen das Haus mit Molotowcocktails in Brand; über 100 Menschen waren über Stunden hinweg in dem brennenden Haus eingeschlossen, bevor die Einsatzkräfte den Brand löschen konnten.

Zur gleichen Zeit beschloss die Bundesparteispitze der SPD unter Björn Engholm einen Wechsel ihrer Asylpolitik. Im Mai 1993 verschaffte die SPD schließlich der Regierungskoalition aus CDU und FDP die notwendigen Stimmen im Bundestag für eine Änderung des Grundgesetzes: das Asylrecht wurde extrem eingeschränkt. Wenige Tage nach dem Bundestagsbeschluss starben in Solingen bei einem rechtsextremen Brandanschlag fünf Frauen und Mädchen.

Anlässlich des 31. Jahrestags der Pogrome haben wir mit Menschen gesprochen, die das Gedenken in Rostock-Lichtenhagen aufrechterhalten und Forderungen an die Politik richten. Lies hier das Gespräch mit Johann Henningsen vom „Dokumentationszentrum Lichtenhagen im Gedächtnis“ und Hanna Berth von „Pro Bleiberecht Mecklenburg-Vorpommern“.


Die Menschen, die damals im „Sonnenblumenhaus“ lebten und angegriffen wurden, sind heute größtenteils nicht mehr in Rostock. Viele können oder wollen nicht von der Gewalt erzählen. Wie haltet ihr die Erinnerung an die Pogrome trotzdem am Leben?

Johann Henningsen: Die meisten Betroffenen wollen über das sprechen, was sie erlebt haben. Es wurde ihnen in den letzten 30 Jahren allerdings meistens unmöglich gemacht. Betroffene Asylsuchende wurden einfach abgeschoben, also quasi aus Deutschland weggeschafft. Und auch ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam, die in Rostock blieben, wurden oft von Veranstaltungen und öffentlichen Diskussionen ausgeschlossen. Trotzdem gibt es ganz viele Stimmen von Betroffenen, auch in Büchern und Filmen festgehalten. Und die können wir für die Bildungsarbeit nutzen. 

Rom*nja ist der (gegenderte) Sammelbegriff für alle Roma-Gruppen. Manche deutschsprachigen Rom*nja bezeichnen sich selbst als Sinti*zze. Die gemeinsame Sprache ist Romanes. Gadjé ist das Wort für Nicht-Rom*nja in Romanes. Rassismus gegen Rom*nja heißt offiziell „Antiziganismus“, wird aber auch als „Gadje-Rassismus“ bezeichnet, um das diskriminierende Z-Wort zu vermeiden.

Wir halten es für extrem wichtig, die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, wenn sie es möchten. In diesem Jahr haben wir deshalb einen Besuch von Zeitzeug*innen aus Rom*nja-Communities in Rumänien organisiert. Als Asylsuchende mussten sie das Pogrom in Lichtenhagen erleben. In diesem Jahr kommen die Rom*nja das erste Mal nach Rostock, um hier zu sprechen.

Zum 30. Jahrestag des Pogroms im vergangenen Jahr gab es eine große Demo. Was ist dieses Jahr geplant?

Hanna Berth: Es gibt verschiedene Veranstaltungen von unterschiedlichen Gruppen aus der Zivilgesellschaft. Es gibt das bereits erwähnte Gespräch mit Zeitzeug*innen im Rathaus. Wir machen außerdem eine Kundgebung zusammen mit „Rostock hilft“ zum Thema Rassismus in den Asylgesetzen. Wir wollen die Verbindung ziehen von dem sogenannten „Asylkompromiss“, der 1992 verabschiedet wurde, bis zur Asylpolitik heute, von Bund bis Kommune. In Rostock sagen wir ganz klar: Es kann nicht sein, dass Geflüchtete hier seit einem Jahr in einer Industriehalle leben müssen! Das ist keine angemessene Unterkunft für Menschen. Auch die Pläne für die sogenannte Gemeinsame Asylpolitik der EU kritisieren wir natürlich, weil sie das individuelle Recht auf Asyl abschaffen will, genauso wie den Reflex Geflüchtete durch „sichere Drittstaatenregelungen“ abzuschotten.

Henningsen: Die Gedenkarbeit ist seit dem vergangenen Jahr vielfältiger geworden. Und von Seiten der Stadt Rostock gibt es inzwischen mehr Anerkennung für die Stimmen der Betroffenen. Wichtig ist aber, dass die Betroffenen nicht nur zum Jahrestag im Rathaus sprechen dürfen. Es braucht Angebote für konkrete materielle Unterstützung. Bis heute hat es beispielsweise keine Entschädigungszahlungen gegeben.

Bei den Ausschreitungen waren Tausende Menschen vor Ort. Sie beschimpften die Opfer und behinderten die Rettungskräfte. Wie geht ihr damit um, dass viele Menschen, die heute noch in Lichtenhagen leben, vermutlich die Pogrome unterstützt haben?

Henningsen: Die Täter*innen und Zuschauer*innen des Pogroms leben nicht nur in Lichtenhagen, sondern auch in ganz Rostock, in ganz Mecklenburg-Vorpommern und in ganz Deutschland. Es gab Medienberichterstattung, alle wussten, was sich da zusammenbraut. Nach den Ausschreitungen gab es dann sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit und auch viele pädagogische Angebote für die Täter*innen – während die Opfer einfach verdrängt und oft sogar abgeschoben wurden. 

Anlässlich des Jahrestags der Pogrome sind im Rathaus von Rostock drei Ausstellungen zu sehen. Infos vom Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“

Wir als Dokumentationszentrum fokussieren unsere Arbeit deshalb ganz klar auf die Betroffenen. Nicht, weil wir Täterarbeit nicht wichtig finden, aber da wurde eben schon viel gemacht.

Berth: Als Initiative „Pro Bleiberecht“ sind wir vor allem mit Geflüchteten in Kontakt und versuchen diejenigen zu unterstützen, die aktuell in diesem rassistischen Asylsystem feststecken. Wir sehen unsere Aufgabe aber auch darin, auf diejenigen zuzugehen, die für den institutionellen Rassismus heute verantwortlich sind, also Politiker*innen und Institutionen, und politische Forderungen an sie zu richten.

Auf die rechte Gewalt in Lichtenhagen und zuvor Hoyerswerda folgten weitere Brandanschläge in Westdeutschland – erst in Mölln, dann in Solingen. Ist das eine große Herausforderung: Aufmerksamkeit nach Rostock zu lenken, ohne den Eindruck zu erwecken, gewaltbereite Neonazis seien ein „ostdeutsches Problem“?

Henningsen: Analytisch ist es schon wichtig, die Brandanschläge in West- und Ostdeutschland zu unterscheiden und die rassistische Gewalt jeweils in ihrem konkreten Kontext zu verstehen. In Westdeutschland folgten die Brandanschläge einer Tradition von Rassismus gegen Arbeitsmigrant*innen aus der Türkei. In Lichtenhagen wurden ja ziemlich zeitgleich die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam und die Asylsuchenden in der Zentralen Aufnahmestelle angegriffen, wobei letztere dann ja geschlossen wurde. Triebfeder war hier auf jeden Fall Gadje-Rassismus, also Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja.v. Gadje-Rassismus hat auch bundesweit in der ganzen Debatte um die Asylpolitik eine große Rolle gespielt. Aber wie genau das Zusammenspiel war zwischen anti-asiatischem und Gadje-Rassismus, das ist noch nicht ausreichend erforscht.

Wir versuchen in unserer Gedenkarbeit, den größeren Kontext darzustellen. Wir vernetzen uns ganz viel mit Initiativen aus anderen Städten in Ost- und Westdeutschland. Im vergangenen Jahr beispielsweise hat bei unserer Demonstration in Lichtenhagen Çetin Gültekin gesprochen, dessen Bruder Gökhan 2020 in Hanau ermordet wurde und es gab einen Redebeitrag von Ibrahim Arslan, der 1992 den Brandanschlag in Mölln überlebt hat.

Berth: Lichtenhagen war kein Einzelereignis. Deswegen machen wir auch auf weitere Opfer rassistischer Gewalt aufmerksam. Denn dahinter steht ja die gleiche Ideologie und oft die gleichen rassistischen Strukturen. Im vergangenen Jahr haben wir den Jahrestag mit dem Gedenken an Mehmet Turgut begonnen. Er lebte in Rostock. 2004 ist er vom rechten Terrornetzwerk NSU ermordet worden. Die Kontakte des NSU nach Mecklenburg-Vorpommern lassen sich bis 1993 zurückverfolgen. In genau dieser Stimmung von „Die Täter werden nicht bestraft für die Gewalt und die Pogrome, sondern sogar von der Politik dafür belohnt mit rassistischer Gesetzgebung“ sind die späteren NSU-Leute politisch sozialisiert worden.

Die politische Reaktion der Bundesregierung auf die Ausschreitungen 1992 war, das Asylrecht extrem auszuhöhlen und viele Menschen, die bereits in Deutschland lebten, abzuschieben.

Aktuell plant die EU weitere Einschränkungen des Asylrechts, die SPD-Bundesinnenministerin will Menschen ohne Vorankündigung abschieben lassen. Was wäre eine bessere Reaktion der Politik auf Rassismus in der Bevölkerung?

Im Juni hat sich die Konferenz der EU-Innenminister*innen auf Pläne für eine Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) geeinigt. Die Bundesregierung stimmte zu. Mehr Gewalt, mehr Lager, mehr Pushbacks – warum die Reform hochproblematisch ist, hat Menschenrechts-Expertin Lena Rohrbach im Beitrag „Asylreform: Die tödlichste Außengrenze noch tödlicher machen“ zusammengefasst.

Berth: Rassismus mit rassistischer Gesetzgebung zu belohnen ist einfach eine dumme Logik. Das war 1992 dumm und das ist es heute immer noch. Denn man reagiert ja dann, indem man ihre Forderungen erfüllt. Das stärkt die Faschist*innen. In Mecklenburg-Vorpommern haben die Nazis in den 90er Jahren viele Strukturen aufgebaut und haben Jugendarbeit gemacht. Das „Blood-and-Honor-Netzwerk“ ist so beispielsweise gestärkt worden, quasi in Sichtweite des Sonnenblumenhauses. 

Was gegen Rechtsextremismus hilft, ist gute Sozialpolitik, eine klare Haltung, Demokratieerziehung und politische Bildung. Aber vor allem muss die Politik den Faschos auch zeigen, dass das, was sie machen, nicht korrekt ist.

Und an die Adresse der aktuellen Bundesregierung: Liberale Parteien sollten liberale Politik machen, nicht einfach die konservative Politik von Seehofer weiterführen. Liberale Politik würde bedeuten, Menschen grundlegende Rechte nicht vorzuenthalten: Bildung, Arbeit, eine eigene Wohnung. Und natürlich darf das Recht auf Schutz nicht wieder in Frage gestellt werden, wie damals in den 90ern. 

„Erinnern heißt verändern“ ist das Motto unserer Kundgebung am kommenden Dienstag. Aufs Verändern kommt es an. Es hilft nichts, wenn, wie im letzten Jahr, der Bundespräsident zum 30. Jahrestag des Pogroms nach Rostock kommt und beteuert, wie sehr sich die Bundesregierung gegen Rechtsextremismus einsetzt – wenn er selbst vorher jahrelang die rassistischen Gesetze aus dem Hause Seehofer unterschrieben hat, die das Leben für Geflüchtete zur Hölle machen.


 Johann Henningsen arbeitet als Historiker beim Verein Soziale Bildung e.V. im Projekt „Dokumentationszentrum Lichtenhagen im Gedächtnis“, das seit 2015 von der Hansestadt Rostock gefördert wird.

Hanna Berth ist bei „Pro Bleiberecht Mecklenburg-Vorpommern“ aktiv. Die Initiative unterstützt Geflüchtete in Mecklenburg-Vorpommern. Anlässlich des Gedenkens an das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen zieht Pro Bleiberecht die Verbindungslinie zwischen dem institutionellen Rassismus in den 1990ern und heute.

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