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Aufgedeckt: 10 antisemitische Mythen

Judenhass ist immer noch tief verwurzelt in unserer Gesellschaft – und oft verbunden mit uralten antisemitischen Mythen und Vorurteilen. Zehn dieser Mythen decken wir hier für Dich auf.

22.10.2023, Berlin, Deutschland, Europa - Mehrere Tausend Teilnehmer bekunden ihre Solidaritaet und Anteilnahme und nehmen an einer pro-israelischen Solidaritaetskundgebung unter dem Motto Aufstehen gegen Terror, Hass und Antisemitismus - in Solidaritaet und Mitgefuehl mit Israel vor dem Brandenburger Tor im Berliner Bezirk Mitte teil.
IMAGO / Olaf Schuelke

Seit dem brutalen Angriff der Hamas auf israelische Zivilist*innen am 7. Oktober dieses Jahres hat sich auch die Lage in Deutschland zugespitzt. Juden und Jüdinnen fühlen sich nicht mehr sicher, auf der Straße eine Kippa zu tragen oder Hebräisch zu sprechen. In vielen Kommentaren zu dem neu entfachten Krieg zwischen Israel und der Hamas finden sich uralte antisemitische Mythen und Vorurteile wieder. Hier findest Du zehn dieser Mythen und was hinter ihnen steckt. Mit einem Klick auf den jeweiligen Mythos landest Du direkt bei den entsprechenden Hintergründen.


  • Mythos 1: „Es ist schlimm, dass die Jüd*innen hier solche Angst haben, aber man muss halt auch sehen, was Israel macht.“
  • Mythos 2: „Vielleicht sollten sie einfach keine Kippa tragen.“
  • Mythos 3: „Die sollen sich mal nicht so beschweren, die Jüd*innen, die haben doch so viel Geld und Macht.“
  • Mythos 4: „Jetzt konsequent abschieben, dann ist das Antisemitismus-Problem gelöst!“
  • Mythos 5: „In Deutschland darf man Israel nicht kritisieren.“ 
  • Mythos 6: „Jetzt muss auch mal Schluss sein mit dem Schuldkult.“
  • Mythos 7: „Free Palestine from German guilt“
  • Mythos 8: „Die Zionist*innen nehmen den Palästinenser*innen das Land weg.“
  • Mythos 9: „Die Israelis sind genauso schlimm wie die Nazis.“
  • Mythos 10: „Die Israelis töten absichtlich Kinder.“

„Es ist schlimm, dass die Jüd*innen hier solche Angst haben, aber man muss halt auch sehen, was Israel macht.“

Juden und Jüdinnen sind nicht für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich. Genauso sind sie nicht selbst für den Antisemitismus verantwortlich, den sie erfahren. Nichts rechtfertigt judenfeindliche Angriffe – doch in Deutschland ist die Zahl antisemitischer Übergriffe im Vergleich zum Vorjahr um 320 % gestiegen. Ein dramatisches Rekordhoch!

Wenn Jüd*innen diesen Satz hören, verletzt sie das nicht nur. Sie fühlen sich auch alleingelassen in einer Situation, in der es für sie persönlich immer gefährlicher wird, ihre Religion offen zu zeigen.

„Vielleicht sollten sie einfach keine Kippa tragen.“

In Deutschland gilt die Religionsfreiheit. Niemand sollte diskriminiert werden, nur weil er oder sie religiöse Symbole offen trägt. Gerade in Deutschland sollte kein Jude und keine Jüdin jemals Angst haben, mit Kippa auf die Straße zu gehen. Wer das Ablegen religiöser Symbole fordert, macht Juden und Jüdinnen selbst für die Angriffe verantwortlich. Eine Täter-Opfer-Umkehr!

Die Lösung kann nicht sein, dass Juden und Jüdinnen ihr Jüdischsein verstecken, sondern dass wir gemeinsam ihre Rechte verteidigen und gegen antisemitische Einstellungen eintreten.

„Die sollen sich mal nicht so beschweren, die Jüd*innen, die haben doch so viel Geld und Macht.“

Juden und Jüdinnen sind in allen sozialen Gesellschaftsschichten vertreten. In Deutschland ist sogar ein Großteil der Juden und Jüdinnen von Armut betroffen: 65.000 bis 70.000 der etwa 225.000 jüdischen Menschen in Deutschland leben heute in Armut. Übrigens: Die drei reichsten Männer der Welt kommen aus christlichen Familien – gibt es deshalb eine christliche Weltverschwörung?

„Jetzt konsequent abschieben, dann ist das Antisemitismus-Problem gelöst!“

Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Aussage legt nahe, dass nur migrantisierte Menschen – oft sind hier Muslim*innen gemeint – antisemitisch seien. Sie pauschalisiert Muslim*innen auf rassistische Weise und entbindet gleichzeitig den Rest der Deutschen von jeglicher Verantwortung. Dabei hat mehr als jede*r fünfte Deutsche antisemitische Einstellungen. Die Aussage lenkt davon ab, dass Antisemitismus seit Jahrhunderten in der deutschen Gesellschaft virulent ist.

Richtig ist, dass Antisemitismus in vielen Formen und allen Teilen der Gesellschaft existiert. So gibt es unter anderem sowohl muslimischen Antisemitismus als auch Antisemitismus von Rechtsextremen. Alle Varianten des Antisemitismus müssen wir gemeinsam bekämpfen.

„In Deutschland darf man Israel nicht kritisieren.“ 

Über israelische Politik wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Zu behaupten, es gäbe ein Sprechverbot, ist falsch. Wer unsicher ist, was angemessene Kritik und was antisemitisch ist, dem hilft eventuell diese Liste:

Was unter anderem geht:

  • Israels Regierung für ihre Politik oder Ansichten kritisieren
  • Die Besatzung des Westjordanlands, die Blockade des Gazastreifens oder die illegalen Siedlungen kritisieren
  • Das militärische Vorgehen im Gazastreifen kritisieren

Was antisemitisch ist:

  • Klassisch antisemitische Chiffren benutzen, wie „Blutsauger“ und „Kindermörder“ oder Vergleiche zum Nationalsozialismus ziehen („Die Israelis sind schlimmer als die Nazis“)
  • Israel das Existenzrecht absprechen
  • Juden und Jüdinnen dazu auffordern, sich von Israel zu distanzieren

Was verboten ist:

  • Die Leugnung des Holocausts
  • Gewaltaufrufe, Hassrede und Beleidigungen
  • „From the river to the sea“: Die Parole erkennt Israel das Existenzrecht ab

„Jetzt muss auch mal Schluss sein mit dem Schuldkult.“

Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind ein Teil unserer Geschichte, von dem man sich nicht reinwaschen kann. Wer einen Schlussstrich fordert, sehnt sich dabei vielleicht nach einem patriotischen und stolzen Nationalgefühl. Deswegen wird diese Parole auch oft von Rechtsextremen benutzt – und ein „Schlussstrich“ unter dem Erinnern gefordert. Wir sind jedoch moralisch dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Shoa sich nicht wiederholt. Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer sagte: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Für die Überlebenden des Holocaust und die Familien, deren Familienmitglieder von den Nazis ermordet wurden, ist diese Aussage extrem schmerzhaft.

„Free Palestine from German guilt“

Die Aussage legt nahe, Deutschland würde aufgrund einer vermeintlichen Besessenheit mit dem Holocaust die Augen vor dem Leid der Palästinenser*innen verschließen. Das stimmt nicht: Sowohl in den Medien als auch der Politik wird die dramatische Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung wahrgenommen und diskutiert. Deutschland bekennt sich gleichzeitig zur Existenz Israels und will für seine Sicherheit sorgen. Das hat nichts damit zu tun, eine Schuld zu begleichen, sondern bedeutet, Verantwortung wahrzunehmen: Juden und Jüdinnen sollen im Nahen Osten – und überall auf der Welt – sicher leben können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.  

„Die Zionist*innen nehmen den Palästinenser*innen das Land weg.“

Der Staat Israel ist als Reaktion auf den Holocaust entstanden und soll Juden und Jüdinnen Schutz bieten. Diese leben bereits seit Jahrtausenden in der Region. Die UN hat die Gründung des Landes Israel völkerrechtlich anerkannt. Darunter fallen nicht die illegalen Siedlungen im Westjordanland, welche man mit gutem Recht kritisieren kann. 

Israel anzuerkennen bedeutet auch nicht, das Leid der Palästinenser*innen wegzuwischen: die Vertreibung von 700.000 Palästinenser*innen im Jahr 1948 aus ihren Dörfern, die Gewalt gegen die Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen und der unerfüllte Wunsch nach einem eigenen Staat.

Immer häufiger kommt der Vorwurf auf, dass es sich bei Israel um ein europäisches, weißes Kolonialprojekt handeln würde. Es ist historisch nicht richtig, Jüd*innen mit weißen europäischen Kolonialisten gleichzusetzen. Im Gegensatz zu europäischen Kolonialherren war es nie das Ziel der Zionist*innen, andere Menschen zu versklaven und lokale Ressourcen auszubeuten. Nach Israel kamen außerdem nicht nur europäische Jüd*innen, sondern auch viele Jüd*innen aus arabischen Staaten, die vor antisemitischen Pogromen flohen.

Wichtig ist aber auch: Die Hamas ist keine antikoloniale Befreiungsorganisation, sondern eine autoritäre Terrororganisation, die den Staat Israel und seine jüdische Bevölkerung vernichten möchte.

„Die Israelis sind genauso schlimm wie die Nazis.“

Diese Aussage ist aus mehreren Gründen falsch. Das militärische Vorgehen Israels mit der massenhaften, systematischen und industriellen Ermordung durch die Nationalsozialisten zu vergleichen, ist unhaltbar und relativiert den Holocaust. Darüber hinaus möchte eine solche Behauptung Deutsche von ihrer historischen Verantwortung für den Holocaust freisprechen, indem sie vorgibt, die damaligen Opfer seien nun selbst zu Täter*innen geworden.

„Die Israelis töten absichtlich Kinder.“

Einer der ältesten antisemitischen Mythen behauptet, dass Juden und Jüdinnen ritualisiert Kinder töten würden, um das Blut zur Herstellung von religiösen Speisen zu verwenden. Der Mythos dämonisiert jüdische Menschen. 

In dem Krieg, den die Hamas mit dem Terroranschlag vom 7.10. begonnen hat, sind Tausende Kinder ums Leben gekommen. Jedes tote Kind ist eines zu viel. Es ist eine tragische Wahrheit: Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinenser*innen erfahren Kinder großes Leid, auf beiden Seiten. Das wird von israelischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen zu Recht scharf kritisiert. 

Dennoch ist es falsch, der israelischen Regierung vorzuwerfen, das Töten von Kindern sei ihre Absicht gewesen. Die Behauptung ist klar antisemitisch und schürt weltweit Hass gegen Juden und Jüdinnen.


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