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„Früher haben noch alle an unseren Gartentisch gepasst“

Vom Protest in Niedersachen zum Studium nach Den Haag: Die 21-jährige Luzi erzählt, wie es ist, mit Campact aufzuwachsen.

Luzi ist so alt wie Campact – und ist quasi mit Campact aufgewachsen. Auf dem Foto ist sie bei der Wir-haben-es-satt-Demo 2019 in Berlin zu sehen.
Luzi bei der „Wir haben es satt!“-Demo 2019 in Berlin. Foto: Paul Lovis Wagner / Campact

Luzi als kleines Kind bei einer Anti-Atomkraft-Demo. Foto: Privat

Ein Kind turnt durch die Anti-Atomkraft-Demo. Das Gesicht des Mädchens ist bunt geschminkt, zu ihrer Verblüffung wird sie es am nächsten Tag in der Zeitung sehen. Luzi ist noch nicht mal in der Schule, da gehören Proteste für eine bessere Welt längst zu ihrem Leben. Inzwischen ist sie 21 Jahre alt und setzt sich weiter ein: für das Klima, für geflüchtete Menschen und gegen den Rechtsruck und Politikverdrossenheit. Luzi und Campact teilen viel; sie sind ein bisschen wie Geschwister.

Gartenparty für das 10.000 Newsletter-Abo

2004 gründet sich Campact im Ökozentrum Verden. Hier wimmelt es nur so von Gruppen, die ökologisch und sozial arbeiten: Betriebe, Vereine, Initiativen. Und es ist der Ort, wo Luzi ihre ersten Ballettstunden nimmt. „Der Geruch des Strohbaus, von dem Holz der Handwerksbetriebe, das Essen aus dem Liekedeeler – das ist für mich das Ökozentrum.“ Während Luzi tanzt, plant ihre Mutter Anne im Büro nebenan Großdemos und Aktionen. „Es war ja ein sehr kleines Team. Früher haben noch alle an unseren Gartentisch gepasst“, hält Luzi heute fest. „Das 10.000te Newsletter-Abo haben wir bei uns im Garten gefeiert.“ Zum Vergleich: Heute abonnieren über drei Millionen Menschen den Campact-Newsletter. 

Englisch üben mit dem Übernachtungsbesuch

Überhaupt gibt und gab es oft Gäste in einer politischen Familie. „Unser Haus war schon immer offen für alle möglichen Leute – egal ob im Garten oder im Gästezimmer.“ Das konnten Menschen sein, die zur Castor-Aktion nach Niedersachsen kamen und eine Übernachtungsmöglichkeit suchten oder Teammitglieder von mit Campact befreundeten Organisationen. Mit den internationalen Besucher*innen, erinnert sich Luzi, konnte sie auch super ihr Englisch üben. Das kommt ihr inzwischen zugute. Sie studiert International Relations and Organizations in Den Haag. „Das ist vielleicht auch der größte Unterschied zwischen dem, was Campact tut, und was mir gerade wichtig ist“, erklärt Luzi. Zwar teile sie weiter die Werte, für die der Verein einsteht, „doch Campact ist auch stark an den deutschen Raum gebunden und ich interessiere mich im Moment viel stärker für den internationalen Bereich“.

Campact braucht keine Erklärung

Dass sich aus der kleinen Gruppe, die im Familiengarten wichtige Meilensteine feiert, etwas so Großes entwickelt hat – das macht auch Luzi ein wenig stolz. „Vor Kurzem habe ich einen Bericht gesehen, da wurde Campact erwähnt, einfach so, keine weitere Erklärung. Campact ist an einem Punkt, wo die meisten davon gehört haben und wissen, was der Verein macht. Ich finde das allein eine Riesen-Leistung.“

Und wie sieht Luzi die Zukunft von Campact und zivilgesellschaftlichem Engagement? „Ich habe schon den Eindruck, dass es schwerer wird, Leute zu bewegen. Zu einer Demo gehen die meisten ja nur, wenn sie etwas wirklich, wirklich aufregt. Es gibt zu viele, die das Gefühl haben: ‚Es ändert sich eh nichts.’ Keine Meinung – ich finde das fast am schlimmsten. Das ist so frustrierend.”

Enttäuscht von ihrer Generation 

Die Klimakrise ist für Luzi wohl das deutlichste Problem, das vor allem die junge Generation betrifft. Trotz aller Freude über das politische Engagement von Fridays for Future im ganzen Land, betont Luzi: „Nicht alle sind so. Es kommt so stark auf die soziale Blase an. Wenn man sehr aktiv ist, merkt man es ja erst einmal nicht.“ Doch in der Schule, wo sie einen enorm engagierten Politiklehrer hatte, sei das Desinteresse einiger Mitschüler*innen ziemlich auffällig geworden. „Er hat sich so viel Mühe gegeben, Rollenspiele mit uns gemacht und alles. Doch manche haben kaum reagiert, da hat mich meine Generation schon enttäuscht. Dabei bin ich mir sehr bewusst: Es ist nicht ganz normal, wie ich aufgewachsen bin.“

Um Menschen zu erreichen, die bislang kaum politisch aktiv sind, müsse man ganz neue Plattformen suchen, findet Luzi. Sie selbst sehe die meisten Neuigkeiten von Campact über Instagram. „Ich bin nicht die Generation Tiktok, aber wenn man da die Leute findet, dann muss man halt auch dorthin. Das ist sicher schwierig, denn es wird immer eine neue Plattform geben. Doch es lohnt sich auch und bietet eine große Chance: Hashtags und Themen verbreiten sich ungleich schneller, als es per E-Mail möglich ist. Wenn man es gleichzeitig schafft, weiter vor Ort zu sein und die großen Demos zu machen – dann ist das genau das, was wir jetzt brauchen.“ 

Ob Tiktok, Meta oder der altbekannte Newsletter: Campact stellt sich der Aufgabe und bringt auch nach 20 Jahren Hunderttausende auf die Straße, streitet für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und eine intakte Umwelt – mit Luzi als einer der ersten Unterstützer*innen.

Und immerhin: Für das Ende der Atomkraft muss die erwachsene Luzi nicht mehr auf die Straße. Ihre Proteste als Kleinkind zeigen 18 Jahre später Wirkung. Im Frühjahr 2023 ging der letzte deutsche Meiler vom Netz.

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