AfD Alltagsrassismus Migration
Angst als Bestseller: Wie rechte Themen echte Sorgen verdrängen
Union und SPD ringen um die Regierungsbildung. Jetzt entscheidet sich, ob weiter Angst und Abschottung den Kurs bestimmen – oder ob soziale Gerechtigkeit und ein neuer demokratischer Kurs in den Mittelpunkt rücken. Im Wahlkampf übertönte das Migrationsthema alles. Doch eine aktuelle Studie zeigt: Die Ängste der Menschen liegen woanders.

Protest gegen Rechtsextremismus in Heidelberg. Foto:
IMAGO / imagebroker
Migration. Kriminalität. Kontrollverlust. Angst. Diese Schlagwörter bestimmten den Bundestagswahlkampf 2025 – forciert durch AfD und CDU, verstärkt durch viele Medien. Kaum eine Debatte, kaum ein TV-Duell, in dem nicht über Zuwanderung und deren Begrenzung gesprochen wurde. Themen wie Klimakrise, soziale Gerechtigkeit oder Bildung? Fehlanzeige.
Doch während sich Politik und Medien auf ein Thema eingeschossen haben, zeichnen repräsentative Umfragen ein anderes Bild: Die Ängste der Menschen in Deutschland sind vielfältiger und differenzierter, als es im Wahlkampf schien.
Klimawandel, soziale Spaltung und AfD bereiten größere Angst als Migration
Eine Langzeitstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung (die übrigens der CDU nahesteht) zeigt deutlich:
- Mit durchschnittlich 68 Prozent ist die größte Angst der Deutschen die vor Spannungen zwischen Europa und Russland.
- An zweiter Stelle steht mit 65 Prozent die Sorge vor den Folgen des weltweiten Klimawandels.
- Auf Platz drei liegt mit 64 Prozent die Angst vor steigenden Preisen.
- 62 Prozent der Befragten geben an, Angst vor einer Machtübernahme der AfD bzw. einem Rechtsruck der Gesellschaft zu haben.
- 60,5 Prozent haben Angst vor rechtsextremistischem Terror und wachsendem Extremismus im Land.
- 60,3 Prozent der Menschen fürchten die Verbreitung von Fake News und gezielter Desinformation.
- Mit 57,5 Prozent liegt die Angst vor „Fremdenfeindlichkeit“ zwar etwas niedriger, bleibt aber ein relevanter und ernstzunehmender gesellschaftlicher Faktor. (Anm. d. Red.: Wir verwenden an dieser Stelle den Begriff „Fremdenfeindlichkeit“, weil er in der Originalquelle so benannt wird. Treffender wäre jedoch „Rassismus“, denn Menschen werden aufgrund äußerer Merkmale oder zugeschriebener Herkunft rassistisch diskriminiert.)
Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: Das Problem ist nicht Migration. Und die AfD wird längst nicht mehr nur als Protestpartei wahrgenommen, sondern als reale Bedrohung für die Demokratie – trotz ihrer historisch hohen Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen im letzten Jahr und bei der Bundestagswahl.
Wahlkampf im Angstmodus: Wie rechte Narrative die Debatte bestimmten
Dass Migration im Bundestagswahlkampf 2025 alles überlagerte, war kein Zufall. Nach mehreren Gewalttaten – wie etwa in Aschaffenburg und Magdeburg – wurde das Thema politisch wie medial massiv instrumentalisiert. Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder spricht von einem kalkulierten „Angstwahlkampf“, insbesondere von Seiten der CDU, die in anderen Themenfeldern kaum Profil zeigte. Dabei zeigen aktuelle Daten des Bundeskriminalamts eindeutig: Migration führt nicht zu mehr Kriminalität. Der Zusammenhang von Zuwanderung und Sicherheit, der im Wahlkampf suggeriert wurde, entbehrt jeder sachlichen Grundlage – es ging um Angstmacherei, nicht um Fakten.
Wie wirkungsvoll Angst als politisches Werkzeug funktioniert, beschreibt auch die brasilianische Sozialwissenschaftlerin Esther Solano im Interview mit der Heinrich-Böll-Stiftung: „Der extremen Rechten gelingt es sehr gut, Angst in ein Gefühl von Hass zu übertragen – gegen den angeblichen Feind, den Einwanderer, die Linke, die Feministin.“ Zwar bezieht sie sich auf die brasilianische Politik unter Bolsonaro – doch mit Blick auf Deutschland lassen sich deutliche Parallelen erkennen. Auch hier verschieben rechte Kräfte den Fokus weg von Lösungen – hin zu Angst, Erregung und Feindbildern.
Während Angstdebatten Schlagzeilen machten, gerieten zentrale Alltagsfragen wie Armut, Pflege, Digitalisierung und leistbarer Wohnraum in den Hintergrund – dabei prägen genau diese Themen unser tägliches Leben und unsere Sorgen.
Die Zivilgesellschaft vermisste im Wahlkampf auch zentrale Zukunftsthemen wie Bildung, soziale Gerechtigkeit oder Klimaschutz. Auch wenn Parteien wie SPD und Grüne und Linke versuchten, diese Themen zu setzen, fanden sie medial kaum statt.
Koalitionsverhandlungen: Jetzt entscheidet sich, ob es einen Kurswechsel gibt
Nun wird in Berlin verhandelt – zwischen CDU/CSU und SPD. Bis Ostern soll eine neue Regierung stehen. Und es zeichnet sich bereits ab: CDU-Chef Friedrich Merz will Sparpolitik, Schuldenbremse und die Begrenzung von Migration ganz oben auf die Agenda setzen. Sozialverbände sind besorgt:
- Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt: „Soziale Sicherheit darf nicht zum Sparopfer werden.“ In seinem Sozialkompass fordert er Investitionen in Pflege, Bildung, Altersvorsorge und armutsfeste Sozialleistungen.
- Auch die AWO mahnt: „Soziale Sicherheiten dürfen nicht geopfert werden, nur weil sie kurzfristig nicht ins Budget passen” und fordert ein “Bekenntnis zum Sozialstaat.“
- Oxfam fordert: „Den Entwicklungspolitischen Kahlschlag verhindern und soziale Ungleichheit bekämpfen.“
Ihre Botschaft ist eindeutig: Die neue Regierung muss soziale Gerechtigkeit ins Zentrum ihrer Politik rücken – nicht Symbolpolitik betreiben.
Demokratische Parteien müssen das Narrativ zurückgewinnen
Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, erklärt in einem Interview mit der Taz: „Die politische Entscheidung, Migration zum zentralen Thema zu machen, hält es ganz oben im Sorgenspektrum. Wir wissen aus der Wahlforschung, dass die von Parteien gesetzten Themen die Bevölkerung framen können.“
Es ist also höchste Zeit, dass demokratische Parteien das politische Narrativ zurückgewinnen. Mutmaßliche Angst vor Migration und rassistische Ressentiments dürfen nicht länger das alles dominierende Thema sein. Die rechtsextreme AfD darf nicht länger die Debatte diktieren. Und CDU und SPD dürfen ihr nicht hinterherlaufen.
Demokratie braucht Mut – keine Angstmache
Wenn Politik und Medien vor allem auf Angst und rechte Narrative setzen, geraten die eigentlichen Herausforderungen aus dem Blick. Dabei zeigen Umfragen wie die der Konrad-Adenauer-Stiftung deutlich, worum es den Menschen wirklich geht: um ein Leben in sozialer Sicherheit, die Klimakrise und die wachsende Bedrohung durch die AfD.
Die neue Regierung steht in der Verantwortung, genau dort anzusetzen – bei den Themen, die den Alltag der Menschen prägen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken: bezahlbarer Wohnraum, faire Löhne, gute Bildung, konsequenter Klimaschutz und eine wehrhafte Demokratie.