· von
mal gelesen · 9 Kommentare · Artikel kommentieren

Ehr‘ und Würde für die „Bild“ – für eine große Inszenierung?

Mit viel Pomp wird morgen Abend in Hamburg der renommierte Henri-Nannen-Preis vergeben – und die Bild-Zeitung könnte unter den Preisträgern sein. Mit dem Artikel „Wirbel um Privat-Kredit – hat Wulff das Parlament getäuscht?“ (erschienen am 13.12.2011) sind die Bild-Journalisten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch in der Kategorie Investigation für einen der wichtigsten Journalistenpreise des Landes nominiert. Bild würde sich sicher nur zu gern mit einem „Henri“ schmücken. Was könnte besser den selbst inszenierten Wandel vom „Schmuddelkind“ zu einer seriösen Zeitung belegen?

Die Bild-Berichterstattung in der Wulff-Affäre – Beweis eines Trends, ein einmaliger „Ausreißer“ journalistischer Qualität, oder lässt sie sich auch ganz anders erklären? Letzteres, sagen die Autoren einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung. In mühevoller Kleinarbeit haben Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz die Berichterstattung der Bild über Christian Wulff unter die Lupe genommen. Dazu haben sie Bild-Artikel über Wulff der letzten sechs Jahre ausgewertet – insgesamt über 1.500 Stück. Das Fazit der Autoren: Die Zeitung hat Wulff aus reiner Notwehr „geopfert“.

All die Jahre vorher hatte Bild kein einziges schlechtes Haar an Wulff gefunden. Im Gegenteil: Der Politiker, zunächst Ministerpräsident von Niedersachsen, dann Bundespräsident, wurde hofiert, glorifiziert und „in einer Endlosschleife als der wunderbarste und erfolgreichste Politiker gepriesen“. Die Autoren der Studie sprechen von einer „Geschäftsbeziehung“ auf Gegenseitigkeit: Bekanntheit und gute Presse für den Politiker auf der einen Seite, private Informationen als Stoff für „positive Sensationen“ auf der anderen.

Doch von einem Tag auf den anderen wurde diese Abmachung von Bild aufgekündigt. Am 12. Dezember 2011 um 22:02 wurde der Artikel „Wirbel um Privat-Kredit“ online veröffentlicht, am Tag darauf erschien er in der Print-Ausgabe. Die Autoren der Otto-Brenner-Studie interpretieren dies als einen rein strategischen Schachzug: Denn auch andere Medien hatten Recherchen über Wulffs Beziehungen zum Unternehmer Egon Geerkens laufen und standen kurz davor, Wulffs Fehltritte zu veröffentlichen. Die Bild hatte die Wahl: „andere Medien aufdecken zu lassen, dass sie einen moralisch zweifelhaften Politiker über Jahre hinweg als Symbolfigur der Integrität und der Moralität hochgeschrieben hat“ – oder selbst die ersten sein.

Dabei verhielten sie sich äußerst geschickt. Sie inszenierten sich selbst nicht als sensationsgierigen Jäger, sondern Beobachter des „Wirbels“. Dabei gab es am Tag der Veröffentlichung des ersten Artikels noch gar keinen „Wirbel“ – Bild war ja die erste Zeitung, die berichtete. Der eigentliche Wirbel entstand erst in Folge des Artikels. Aber auch in den folgenden Wochen hielt sich die Bild-Zeitung gespielt zurück, und bewies damit zumindest nach außen hin mehr Distanz und Vernunft als einige andere Medien, so die Autoren. Doch dies sei nur „Journalismus aus Notwehr“ gewesen. Alles andere hätte Bild völlig unglaubwürdig gemacht.

Das Fazit der Autoren: Bild kann journalistisch arbeiten – wenn es dem eigenen Zwecke nutzt. In der Berichterstattung über die Wulff-Affäre bediente sich Bild regelmäßig journalistischer Methoden. Doch „was als Enthüllungsjournalismus erscheint, ist die Nebentätigkeit einer substanziell nichtjournalistischen Arbeitsweise.“ Die Strategie dahinter sei gewesen, das eigene Image als „unabhängiger und unbestechlicher Akteur“ zu retten – und zwar so, „dass Bild selbst dabei am besten und prominentesten wegkommt.“ Das haben die Bild-Redakteur/innen äußerst geschickt gemacht. Aber ob man dafür gleich einen Journalistenpreis vergeben sollte?

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin stinksauer – auch auf meine Naivität. Bei Rechtsextremen habe ich ein besseres Gespür, wenn diese Gesinnungslumpen sich sozialer oder kritischer Themen bedienen; um Stimmen zu fangen. Nun wird auch bei Campact offenkundig, dass eine ideologielastige Partei wie die SED/PDS/ Linkspartei (nicht aufregen: Gysi ist Urheber dieser Umbenamungen im Sinne der geistigen Rechtsnachfolgerei!) sympatischer wirkende Vorzeigekader an die Front schickt. Klar, SPRINGER ist eine mediale, politische und soziale Seuche, die man gerade wegen BILD konfrontativ angehen muss. Aber eben auch die Macher dieser Kampagne hier, die „sich persönlich gut kennen“ und dem Ideologiemief der Linkspartei huldigen. Auch wenn das vielen Leuten nicht schmecken sollte: Linkspartei heisst, echte linke Alternativen (wie Attack, WASG oder Gewerkschaften) zu schwächen – im Namen einer Ideologie, die genauso verdorben und in das letzte Jahrtausend gehört wie der Faschismus: Kommunismus. Es gibt keine Alternative zur Demokratie! Die Linkspartei will jedoch – mit erstarkter Wagenknecht und Konsorten – laut Parteiprogramm „das System überwinden“. Nein, Danke! Demokratie ist nur so gut, wie Menschen dafür den Arsch heben – Diktatur leider auch. Nicht das System ist Schuld, sondern denkfaule Menschen und Gesellschaften die Propagande bevorzugen . . Also, Courage zeigen gegen JEDE Art von Verlogenheit, Propaganda und Ideologiescheisse des letzten Jahrtausends. Nun bin ich gespannt, ob Meinungsfreiheit zu den Prinzipien von Campact gehört oder Kritikunfähigkeit ein nächstes Indiz für extreme politische Denkart ist. Wirklich enttäuschte Grüße!

    • Hallo M.F.,
      Campact ist überparteilich und unabhängig – schon immer gewesen und wir sind es auch weiterhin. Die Stärkung der Demokratie ist die Grundidee von Campact. Wir tragen Demokratie sogar in unserem Namen: „Demokratie in Aktion“. Campact ermutigt Menschen, Politik auch jenseits von Wahlen selbst mitzudenken und engagiert mitzugestalten. Unser Protest zwingt Politiker/innen auf Bürgeranliegen zu reagieren. Dies stärkt unsere Demokratie als Ganzes.

      Wir sind weder „Vorzeigekader“ einer Partei, noch „huldigen wir Ideologiemief“. Bei der Entwicklung unserer Kampagnen orientieren wir
      uns an unseren Positionen (http://www.campact.de/campact/about/positionen) – und stärken z.B. auch
      schon mal der FDP den Rücken, wenn es gegen die Speicherung von Telekommunikationsdaten im Netz geht.

      Mit herzlichen Grüßen
      Susanne Jacoby

      • Liebe Susanne Jacoby,

        Sie schreiben Campact stünde für Demokratie und trüge mit „Demokratie in Aktion“ Demokratie sogar im Namen.
        Die Deutsche Demokratische Republik trug ebenfalls die Formulierung „demokratisch“ im Namen.
        Darauf würde ich also nicht allzu viel geben.
        Aber es klingt erst einmal sympathisch.

        Wenn durch das Aktionsbündnis Campact vor allem Themen der Linkspartei abgedeckt werden, ist das meiner Ansicht nach eher selektiv und klientelpolitsch denn primär demokratisch.

        Linkspolitische Themen sind wichtig, ein Mehr an Sozialer Gerechtigkeit ist wichtig – keine Frage.
        Doch nicht jedes Mittel zur Erlangung oder zu medialer Aufmerksamkeit sollte recht sein. Und Parteiennähe (wie im aktuellen Beispiel die Nähe zu Julia Bonk der Linkspartei und ihrer Initiative „Alle gegen Bild“) sollte vermieden werden.

        Zu demokratischen Aktionen könnte auch eine demokratisch organisierte Themenauswahl der Aktionen gehören.
        Und bitte kein Verweis auf Krautbuster…
        Denn es geht v.a. um den verantwortungsvollen Umgang mit der Campact Datenbank, also dem Aktionsverteiler von mittlerweile sage und schreibe 624.106 BürgerInnen.

        Herzliche Grüße,
        eine von Campact zutiefst enttäuschte
        Nesrin Cherrolait

      • Und warum meldete dann Vorzeigekader Julia Bonk die Domain an? Ich stelle mir gerade vor, dass ein NPD-Kader die Domain übergeben hätte. Mir stinkt hier die ideologische Nähe zur Linkspartei, also zu Julia Bonk. Sie ist alte genug und schon lange genug dabei um zu erkennen, dass die Linkspartei überwiegend aus Verantwortlichen der totalitären SED besteht. Aus den Unbelehrbaren und Hardlinern.

  2. Warum hat die Linken-Abgeordnete dann nicht bei der Registrierung der Domain ihre Privatadresse verwendet, wenn sie sich in der Initiative als Privatperson engagieren wollte/ will?
    Hat sie denn wenigstens ihr privates Bankkonto mit der Domain verknüpft?

    Ist Julia Bonk die Initiatorin der Initiative? Immerhin hat sie die Seite bereits im Januar angemeldet – und insgesamt nahm die Bewegung erst im April Fahrt auf.

    Mit nachträglichen Änderungen ist das immer so eine Sache…
    Könnte von Außenstehenden auch als Vertuschung empfunden werden.

    Beste Grüße,
    Nesrin

    • Die Kampagne ist erst Mitte April gestartet, die Idee dazu ist aber natürlich schon viel früher geboren. Zum einen hat die Umsetzung Zeit gebraucht, zum anderen sollte der Kampagnenstart zu einem günstigen Zeitpunkt und nicht zu früh stattfinden. Campact ist übrigens erst im April dazugestoßen, nachdem „Alle gegen Bild“ uns fragte, ob wir die Aktion nicht unterstützen wollen. Wir haben die Aktion dann am selben Tag gestartet, agieren aber unabhängig voneinander.

      Julia Bonk hat die Initiative „Alle gegen Bild“ mit der Anmeldung der Seite unterstützt. Dass sie dabei ihre Landtags-Adresse angegeben hat, ist etwas unglücklich, weil es den Eindruck einer Parteibeteiligung erweckt, die aber nicht besteht. Daher ist auch eine nachträgliche Änderung keine Vertuschung, sondern eine Richtigstellung – aber wie gesagt, ein Ummelden hat sich als schwieriger herausgestellt als gedacht.

      Viele Grüße
      Susanne Jacoby

  3. Hallo,

    Campact e.V. versteht sich doch als unabhängig und überparteilich…

    Hinsichtlich Eurer Kooperation mit „Alle gegen Bild“ werde ich da allerdings stutzig.

    Was für eine Initiative ist das – und wieso habt Ihr Euch dazu bereit erklärt, mit dieser Initiative zu kooperieren?

    Wieviel wisst Ihr über diese Initiative? Wen davon kennt Ihr persönlich?
    Im Netz ist wenig über „Alle gegen Bild“ zu finden. Laut Impressum operieren sie vom Kjosk in Berlin-Kreuzberg aus.

    Die Homepage alle-gegen-bild.de wurde laut Denic von der Landtagsabgeordneten der Linkspartei Julia Bonk angemeldet.
    Mitsamt Landtagsfraktionsadresse.

    DIE LINKE, die hier über die Initiative „Alle gegen Bild“ mit einem überparteilichen Aktionsbündnis kooperiert?
    Wie passt das denn?
    Demokratie sieht anders aus. Speziell Basisdemokratie.

    Gruß,
    Nesrin

    • Hallo Nesrin,

      „Alle gegen Bild“ ist ein loser Zusammenschluss von aktiven Menschen ohne feste Struktur. Dahinter steckt also kein Verein oder etwas ähnliches, und auch keine Partei. Die Initiatoren kennen wir in der Tat persönlich.

      Die Domain alle-gegen-bild.de wurde von Julia Bonk als Privatperson angemeldet, die Partei DIE LINKE hat mit der Kampagne nichts zu tun (leider konnte die Domain später nicht mehr umgemeldet werden).

      Beste Grüße
      Susanne Jacoby