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Hebammen: „Wir holen das Beste aus Euch raus!“

Kanzleramt, kurz vor Neun heute morgen. Das Aktionsbild: Eine Schwangere braucht dringend Hilfe, hält sich ihren kugelrunden Bauch, die Geburt steht kurz bevor. Verzweifelt irrt sie zwischen 23 lebensgroßen Hebammen-Silhouetten umher, denn immer mehr Hebammen geben die Geburtshilfe auf. Durchschnittlich 23 freiberufliche Geburtshelferinnen steigen seit 2007 pro Monat aus den Kernbereich ihres Berufes aus. Der Grund: Ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Vergütung ihrer Leistung und den immer weiter steigenden Prämien für ihre Berufshaftpflicht.

Über 80 Aktive waren unserem Aufruf gefolgt und protestierten stellvertretend für über 140.000 Unterzeichner/innen unseres Appells vor dem Amtssitz der Regierungschefin. Ziel der Aktion, die wir gemeinsam mit verschiedenen Hebammenverbänden durchführten, war es, einen Minister aus dem Kabinett Merkel mittelfristig zum Einlenken zu bewegen. Daniel Bahr, seines Zeichens Gesundheitsminister der FDP, weigert sich bislang, ein Regierungsversprechen aus dem Jahr 2007 wahr zu machen und die Vergütung der Hebammen endlich etwas ihren realen Bedürfnissen anzupassen.

Zum 1. Juli steigen die Haftpflicht-Prämien für Hebammen zur Absicherung von Fehlern bei der Geburt erneut von 3.700 auf 4.200 Euro. Grund dafür ist nicht etwa ein Anstieg der „Schadensfälle“. Diese nehmen langsam aber stetig ab. Die Ursache liegt vielmehr in immer umfangreicheren Schadensersatzleistungen, die Gerichte im Einzelfall bewilligen. Würden der Verdienst analog zu den Versicherungskosten steigen, würden die hohen Prämien kein Problem darstellen. So aber drängen sie immer mehr Geburtshelferinnen an den Rand des finanziellen Ruins.

Diese Problematik fand sich auf den Papp-Silhouetten wieder: Jede hatten wir mit einem Grund für die Aufgabe der Geburtshilfe beschriftet, die von „Als Hebamme konnte ich meine Familie nicht durchbringen“ bis „Geburt für 7,50 Euro die Stunde?! Ich bin dann mal weg.“ reichten.

Auch in kurzen Redebeiträgen von Jitka Weber vom Berliner Hebammenverband und von Susanne Schäfer vom Bund freiberuflicher Hebammen stand die Problematik des wachsenden Missverhältnisses zwischen Vergütung und Versicherungsprämien im Mittelpunkt. Sie streiften aber auch andere Probleme der freiberuflichen Hebammen und beschäftigten sich intensiv mit den Chancen und Vorteilen außerklinischer Geburten.

Von diesen Vorteilen handelten auch die Statements von fast 200 Müttern – und auch einigen wenigen Vätern – die uns im Vorfeld der Aktion erreichten. 15 ausgewählte Statements verlasen Aktive zum Abschluss der Aktion. Zwei hiervon wollen wir kurz dokumentieren.

Gerlinde K.: Mein Arzt war gegen eine Hausgeburt und hat mir immer nur angst gemacht. Die Hebamme gab mir Mut und Vertrauen. Bei der 1. Hausgeburt hat der Arzt nur gestört. Die 2. Hausgeburt habe ich dann nur mit einer Hebamme gemacht und es ging alles gut.

Susanne B.: Ich verdanke zwei der wichtigsten und vor allem selbst bestimmtesten Tage meines Lebens Hebammen. Ohne sie wäre dies nicht möglich gewesen. Ohne Hebammen werden Frauen im Krankenhausalltag als Gebärende entmündigt. Für mich einer der wichtigsten Berufe der Welt!!!

Weitere 130 Kommentare zur Leistung der Hebammen finden Sie auf unserer Facebook-Seite. Dieses überwältigende Feedback mit zum Teil sehr persönlichen Schilderungen bestärkt uns in unserer Kampagne.

„Wir holen das beste aus Euch raus“ stand auf dem handgeschriebenen Schild einer Hebamme. Campact wird Minister Bahr auf keinen Fall aus seiner Verantwortung entlassen und seinerseits versuchen, das beste für die Hebammen herauszuholen.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Feuerwächter » Hebammen unverzichtbar?

  2. Spiegelt das Gesundheitssystem wider. Insgesamt beherbergt es derzeit katastrophale Zustände für alle Berufsgruppen und dementsprechend auch für die Patienten. – Und das schlimmste: es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.

  3. Geburt 7,50 Euro pro Stunde?! –
    DAS wäre ja Hebammenleistung zu DISCOUNTERPREISEN!
    Aberwitzig …
    Wenn es nicht zu ernst wäre, könnte man darüber laut auflachen. – – –