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Mit Riesenhuhn gegen Antibiotika

Im Morgengrauen ragt ein riesiges, aufblasbares Brathähnchen vor dem Bundestag in die Höhe. Zwei Agrarfabrikanten machen sich an ihm zu schaffen: Mit einer 4 Meter langen Spritze wollen sie dem Hähnchen Antibiotika injizieren. Schon beginnt das Hähnchen mit resistenten Keimen um sich zu spucken. Doch was ist das? Hinter dem grünen Nebel kommen Campact-Aktivisten zum Vorschein. Mit Mundschutz gewappnet fordern sie: „Keine Keime auf meinem Teller!“

Aktion gegen gegen massive Verwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung – Fotos cc-by-nc: Jakob Huber für Campact

Wenige Meter entfernt im Bundestag beginnt die öffentliche Anhörung zum Thema Antibiotika in der Tierhaltung. Das Arzneimittelgesetz soll geändert werden. Dazu hat Landwirtschaftsministerin Aigner im Sommer einen Vorschlag gemacht, dem der Bundestag und der Bundesrat noch zustimmen müssten, damit er in Kraft tritt. Die Debatte über das Gesetz beginnt jetzt – aber sie wird außerhalb des Sitzungssaals geführt, in den heute die Experten zur Anhörung geladen sind.

Denn die Debatte im Saal ist dünn und konservativ besetzt. Nicht einmal einen Umweltverband hat der Agrarausschuss geladen. Dafür vertreten drei Tierärztevertreter eine einhellige Meinung: Die über 1.700 Tonnen Antibiotika, die pro Jahr in unsere Nutztiere gepumpt werden, haben nichts mit der Massentierhaltung zu tun, jedenfalls könne man das nicht so genau sagen. Ob es einen Zusammenhang gebe zwischen der Stallgröße sowie der Besatzdichte der Tiere und dem Antibiotika-Einsatz, das müsse erst noch erforscht werden. Einzig der von den Grünen eingeladene Herr Knitsch aus dem Landwirtschaftsministerium Nordrhein-Westphalen macht deutlich, dass mit einer veränderten Tierhaltung der Verbrauch rapide gesenkt werden könnte.

Davon, dass eine Senkung von Antibiotika in das Arzneimittelgesetz hineingeschrieben werden muss, ist in der Anhörung nur am Rande die Rede. Dabei ist dies für uns der größte Kritikpunkt an Aigners Vorschlag. Er hat zum Ziel, Antibiotika zu senken, gibt aber kein konkretes Ziel an und setzt keine Anreize für Landwirte, weniger Antibiotika als den heutigen Durchschnittgebrauch einzusetzen. Dabei wäre es so einfach: Jedes Jahr soll nach dem Vorschlag ein Wert pro Tierart gebildet werden, den die einzelnen Betriebe nicht überschreiten sollen. Dieser Wert ist allerdings der Durchschnitt des Gesamtverbrauchs des Vorjahrs. Würde man diesen Wert jährlich senken, dann könnte man den Antibiotika-Verbrauch im Stall bis 2015 halbieren und danach weiter senken.

Vom Agrarausschuss des Bundestags ist nach dieser Anhörung kaum zu hoffen, dass er den Gesetzesvorschlag signifikant zum Schutz der Verbaucher/innen ändern wird. Der einzige Punkt, der auch von konservativer Seite angesprochen wurde, ist dass neben der Therapiehäufikgeit auch weitere Faktoren erfasst werden müssen. Der Bundesrat hatte in einer Stellungnahme gefordert, dass auch die Menge an Antibiotika erfasst werden muss und dass die Länderbehörden einen größeren Spielraum für Sanktionen bekommen müssen. Wenn es zu Nachbesserungen kommt, werden sie wohl auf Druck der Bundesländer geschehen.

Wenn wir aber wollen, dass Antibiotika in der Tierhaltung minimiert wird, dann müssen wir diese Debatte wohl außerhalb der Agrarausschüsse, auf der Straße und über die Medien führen. Nur wenn Bürger/innen mit Vehemenz einfordern, die Gefahr resistenter Keime in den Griff zu bekommen und der Massentierhaltung eine Absage erteilen, besteht eine Chance, dass die politischen Rahmenbedingungen wirksam geändert werden. Bleiben wir also dran!

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Astrid Goltz, Jahrgang 1983, hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert. Seit vielen Jahren ist sie ehrenamtlich in Umweltprojekten aktiv, zuletzt bei den Klimapiraten. Hauptamtlich hat sie für die BUNDjugend zum ökologischen Fußabdruck gearbeitet und für den BUND das Klimaforum Bonn 2010 mit organisiert. Ihre Schwerpunktthemen als Campaignerin bei Campact sind Gentechnik und Agrarpolitik sowie Flüchtlingspolitik.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  3. Was meinen Sie, warum ich kaum noch Fleisch und Wurst esse – mich ganz vegetarisch oder vielleicht sogar vegan zu ernähren, habe ich (noch) nicht geschafft?!
    Nicht nur, weil mir die Tiere in (Bio-)Massenbetrieben, den sogenannten Agrarfabriken,
    leid tun, sondern, weil ich auch vielmehr befürchte, dass ich z.B. mit dem Verzehr tierischer Erzeugnisse noch Reste von Bestandteilen der dort wahrscheinlich vorhandenen und wirksamen (?) Antibiotika in meinen Körper aufnehme!
    Vielleicht wird dadurch – mit regelmäßigem Fleisch- und Wurstverzehr – allmählich eine Resistenz gegenüber den krankmachenden Bakterien gefördert (?), was – auf die Dauer gesehen – absolut schädlich für die Gesundheit sein könnte und auch
    wäre.
    Eine tatsächliche und sicherlich deutliche Verringerung von Gebrauch der Antibiotika in der Nutztierhaltung
    würde für meine Begriffe dann eintreten, wenn die Betriebe nicht mehr als Agrarfabriken angelegt werden, was auch dem allgemeinen Wohlbefinden der Tiere im Sinne des Tierschutzes zugute käme …
    Denken Sie bitte daran, unsere tierischen Mitgeschöpfe haben schließlich auch eine Würde!
    Warum verankert man deren Unantastbarkeit z.B. nicht im Grundgesetz?