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More than Honey – Ein Interview mit Regisseur Markus Imhoof

Im Dokumentarfilm MORE THAN HONEY geht der renommierte und Oscar-nominierte Schweizer Regisseur Markus Imhoof dem rätselhaften Bienensterben auf den Grund. Wir sprachen mit ihm über seinen Film – und über das Bienensterben.

Regisseur Markus Imhoof bei den Dreharbeiten in den Vereinigten Staaten – Foto: zero one film

Campact: Wie wurden Sie auf das Thema Bienensterben aufmerksam?

Imhoof: Das eine waren die Zeitungsberichte, aber wichtiger waren meine Tochter Barbara und mein Schwiegersohn Boris Baer. Die beiden sind Bienenforscher an der University of Western Australia. Durch sie habe ich immer über den Zustand der Bienen erfahren.

Außerdem wuchsen Sie in einer Imkerfamilie in der Schweiz auf…

Ja. Die Bienen haben unsere Familie ernährt – sie waren Teil der Konservenfabrik meines Großvaters. Er hat mir erklärt, warum seine Bienenhäuser in den Obst- und Beerengärten stehen: „Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es nicht ohne Bienen.“ Aber jetzt sterben sie, in der ganzen Welt. Die Nachrichten sprechen von einem Mysterium. Ich habe mich auf die Reise gemacht, um Lösungen des Rätsels zu suchen.

Und worauf stießen Sie auf ihrer Reise?

Verblüfft traf ich in China auf Regionen, wo die Zukunft der Agrarindustrie schon begonnen hat: vor lauter Chemie gibt es hier keine Bienen mehr und die Menschen müssen zum Bestäuben selbst auf die Bäume klettern.

Die größte Bedrohung der Biene kommt also aus der Landwirtschaft?

Pervers ist, dass die Landwirtschaft, die von den Bienen lebt, selbst eine der größten Bedrohungen für die Bienen ist. Wenn man effektiv arbeiten will, dann muss alles gerade sein und möglichst weit. Die ganzen Hecken und das so genannte Abfallland, was eigentlich der Rest Natur wäre, der wird mehr und mehr beseitigt und die Artenvielfalt wird wegrationalisiert. Mit der Ausrede, die Welt ernähren zu müssen, haben wir eine immer totalitärere Landwirtschaft. Und alles Totalitäre muss seine Feinde mit harter Hand bekämpfen, sonst funktioniert es nicht. Monokulturen sind ein Fest für Parasiten, die haben hier ein Schlaraffenland. Darum müssen Pestizide und Herbizide gesprüht werden. An den Einfahrten zu den Mandelplantagen stehen Plakate mit der Warnung: „Hier riskieren Sie, sich Krebs erzeugenden Chemikalien auszusetzen“. Der UNO Food Report sagt zwar, dass die Menschheit nur mit einer kleiner strukturierten lokalen Landwirtschaft zu ernähren sei, aber das Gegenteil wird gemacht.

Pestizide können den Bienen stark zusetzen. Haben Sie bei ihren Dreharbeiten dafür Beispiele finden können?

Ein ganz einfaches Beispiel bietet der Mais: da gibt es diesen Schädling, den Maiszünsler, der die Maispflanzen angreift und der mit einem Nervengift aus künstlichem Nikotin bekämpft wird: Die Samen werden damit gebeizt und beim Ausbringen – die Sämaschinen arbeiten mit Pressluft – wird das Pestizid auch in die Luft gewirbelt. Es gab 2008 einen großen Bienenunfall im Rheintal in Deutschland. Dort sind Unmengen von Bienen gestorben.

Jetzt muss das Pestizid gesetzlich verordnet besser am Samen haften und es muss beim Säen weniger Luftdruck verwendet werden. Das Nikotin wird aber von der Pflanze aufgenommen, so wehrt sie sich gegen den Schädling, und wenn die Pflanze schwitzt, und die Bienen davon Wassertropfen heim bringen, dann vergiften sie den Stock. Bayer sagt zwar auf seiner Homepage, es wäre unglaubhaft, dass die Bienen dort Wasser holen. Aber da wo Wasser ist, holen sie es. Und auch in den Pollen steckt das Gift. Neonikotinoide sind jetzt für Mais in Deutschland, Italien und Frankreich verboten. Aber beim Raps ist es seltsamerweise erlaubt. Bayer macht damit immer noch einen Jahresumsatz von über einer halben Milliarde und kämpft um Wiederzulassung für Mais. Wohl darum hat Bayer jeden Kontakt mit mir verweigert.

Was ist dann die Antwort auf das Rätsel des Bienensterbens?

Die Agrochemie schiebt alle Schuld für das Bienensterben auf die (aus Asien eingeschleppte) Milbe „Varroa destructor“, die seit 40 Jahren eines der größten Probleme für die Honigbiene darstellt. Darüber ist zwischen der Chemischen Industrie und den Imkern eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Das Bienensterben ist aber kein Mysterium: Die Bienen sterben nicht einfach an Pestiziden oder Milben oder Antibiotika oder Inzucht oder Stress: Es ist die Summe von allem. Die Bienen sterben am Erfolg der Zivilisation.

Dank neuester Technik werden wir im Film Zeugen von unglaublichen Aufnahmen von Bienen im Flug und Makroaufnahmen aus dem Bienenstock. Wie haben Sie das gemacht?

Es gibt an mehreren Stellen im Film Aufnahmen, in denen die Kamera einer Biene im Fluge folgt und ganz nah dran ist. Da werden viele Zuschauer sicherlich denken, das seien Trickaufnahmen…
Für die Flüge haben wir Minihelikopter eingesetzt, also motorisierte Drohnen mit einer kleinen Kamera. Viele Berater haben mir gesagt, das ist doch viel zu aufwändig, wir bauen Dir eine 3D-Biene, die kann alles und sticht nicht. Aber das wollte ich auf keinen Fall. Es sind alles echte Bienen, die man im Film sieht. Jeder Flohzirkusdirektor hat natürlich seine Geheimnisse, die einen Teil des Zaubers ausmachen. Wir haben viel mit Geruchsstoffen gearbeitet, also in der Sprache der Bienen kommuniziert und sie so überredet. Aber der wirksamste Trick war Geduld. Und wir hatten unseren ‚Bienenflüsterer’, der mitgereist ist.

Viele Menschen wollen jetzt den Bienen helfen. Was können sie selbst für die Bienen tun?

Ich glaube, jeder kann ein bisschen was an seinem ökologischen Fußabdruck machen. Es geht nicht nur um die Bienen, sie sind gleichsam die Stellvertreter oder die Chiffre für etwas Allgemeineres. Ich glaube, es geht um einen bewussteren Umgang mit uns und der Umwelt. Den Bienen jetzt einfach nur Blumentöpfe auf das Fensterbrett zu stellen, ist sicherlich nett – ich habe vor kurzem jemanden gesehen, der Erdbeeren auf dem Fensterbrett hat und ich habe mich gewundert, ob da wirklich was wächst. Tatsächlich wächst da jetzt eine Erdbeere. Also je mehr Pflanzen es gibt oder je mehr in den Gärten durchs ganze Jahr blüht, desto besser. Es müsste das ganze Jahr etwas blühen, denn die Bienen brauchen durchgehend Nahrung.

Man kann aber auch in seinem Garten oder auf dem Balkon dieselben Fehler machen wie die Agrarindustrie: die Pestizide, die für die Kleingärtner angeboten werden, auch für Balkonpflanzen, sind ja auch nicht ganz ohne, es ist im Kleinen das, was im ganz Großen geschieht. Inzwischen gebe ich meinem Hund ein harmloses Mittel gegen Zecken und Flöhe, und nicht mehr die Nervengifte, für die geworben wird. Das ist dasselbe Neonicotinoid, das die Bienen umbringt. Jeder kann in seinem eigenen Bereich etwas dazu beitragen.

Herr Imhoof, vielen Dank für dieses Interview.

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Astrid Goltz, Jahrgang 1983, hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert. Seit vielen Jahren ist sie ehrenamtlich in Umweltprojekten aktiv, zuletzt bei den Klimapiraten. Hauptamtlich hat sie für die BUNDjugend zum ökologischen Fußabdruck gearbeitet und für den BUND das Klimaforum Bonn 2010 mit organisiert. Ihre Schwerpunktthemen als Campaignerin bei Campact sind Gentechnik und Agrarpolitik sowie Flüchtlingspolitik.

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