· von
mal gelesen · 2 Kommentare · Artikel kommentieren

10.000 sagen: Mein Verdi ist keine Kohlegewerkschaft

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi trommelt gegen den Klimaschutz – und bekommt Gegenwind von den eigenen Mitgliedern. Schon 10.000 fordern Gewerkschafts-Chef Frank Bsirske mit einer Petition zum Umsteuern auf. Warum es sich dabei nicht einfach um Gewerkschafts-Bashing handelt, erklärt der Initiator der Aktion im Interview.

Teile diesen Blogbeitrag und zeige damit Verdi, dass der Kohlekurs viele Mitglieder irritiert!


Share-Grafik Verdi

Dass die Kohlegewerkschaft IG BCE gegen Sigmar Gabries Plan wettert, die schädlichsten Kohlekraftwerke mit einer Klimaschutzabgabe vom Netz zu bekommen – das war zu erwarten. Aber Verdi? Zur Pro-Kohle-Demo vor zwei Wochen in Berlin trommelte auch die Dienstleistungsgewerkschaft.

Viele Verdi-Mitglieder sind fassungslos, was den Verdi-Vorsitzenden und RWE-Aufsichtsrat Frank Bsirske da reitet. Auch das Verdi-Mitglied Hendrik Huyskens ist empört und fordert Herrn Bsirske auf, seinen Kohlekurs zu korrigieren – mit einem Appell bei WeAct, der neuen Petitionsplattform von Campact.

Bereits über 10.000 Verdi-Mitglieder haben die Petition unterzeichnet – bei einem „normalen“ Appell, der sich an die gesamte Wahlbevölkerung richtet, vergleichbar mit 300.000 Unterschriften. Zum Vergleich: Verdi vertritt nur einen kleinen Teil der bundesweit 20.000 Arbeiter/innen in der Braunkohle. Ein deutliches Warnsignal für Bsirske, dass er mit seinem Kohlekurs die eigenen Mitglieder zu verprellen droht.

HennerWir haben Hendrik Huyskens gefragt: Was hat Dich an der Pro-Kohle-Stellungnahme von Verdi-Chef Frank Bsirske so geärgert, dass Du diese Petition gestartet hast?

Dass mich die Kohleposition der Verdi-Oberen stört, wusste ich bereits bei meinem Eintritt in die Gewerkschaft. Ich bin dennoch Mitglied geworden, weil ich die Arbeit von Verdi in den öffentlichen Tarifverhandlungen unterstützenswert finde. Die Aussagen von Bsirske in der Debatte um Kohleausstieg und Klimaabgabe haben jetzt aber eine rote Linie überschritten. Ich glaube, dass Bsirskes Position viel mehr mit seiner Aufsichtsratmitgliedschaft bei RWE zu tun hat als mit seiner Rolle als Verdi-Chef. Bsirske spricht nicht für mich und ich glaube auch für viele andere Verdi-Mitglieder nicht. Der Erfolg der Petition gibt mir Recht.

Aber ist es nicht die Aufgabe von Gewerkschaften, für die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder einzutreten?

Sicher ist es das. Aber es kann auch nicht sein, dass wir eine veraltete Industrie künstlich am Leben halten, nur um Arbeitsplätze zu retten. Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger, den es gibt und deshalb brauchen wir den geordneten Kohleausstieg. Ein Ausbremsen der Energiewende gefährdet auch Arbeitsplätze, denn die Kohle ist auf Dauer eben nicht kompatibel mit den Erneuerbaren, die ganz andere Anforderungen an das Netz stellen. Anstatt sich mit Vattenfall und RWE zu verbünden, sollten die Gewerkschaften lieber jetzt anfangen, den Strukturwandel in den Kohlerevieren aktiv zu gestalten. Denn die Energiekonzerne werden ganz schnell weg sein, wenn die Rendite mal nicht mehr stimmt…

Warum liegt Dir das Thema Klimaschutz so sehr am Herzen?

Der Klimawandel ist für mich in erster Linie eine Frage globaler und sozialer Gerechtigkeit. Wasserknappheit, Dürren und Überschwemmungen treffen weltweit immer vor allem diejenigen, die am wenigsten zu dem Problem beigetragen haben. Ich finde es erschreckend, dass wir es mit dem kapitalistischen Wachstumsmodell geschafft haben, die Erde innerhalb von zwei Jahrhunderten so „runterzurocken“. Wenn man sich Luftaufnahmen anschaut von Tagebauen oder Fracking-Bohrtürmen, von Maisfeldmonokulturen oder gerodetem Regenwald, dann ist klar, dass wir die Art, wie wir leben und wirtschaften, radikal ändern müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!