7 Tage auf Lesbos

In überfüllten Schlauchbooten fliehen Menschen von der türkischen Küste über das Meer nach Lesbos - nicht alle erreichen die griechische Insel lebend. Jeannette Hagen ist Anfang Februar für eine Woche dorthin gereist, um die Hilfsorganisation Schwizerchrüz bei der Versorgung der Geflüchteten zu unterstützen. Nicht mehr nur aus der Ferne zugucken, sondern vor Ort helfen – das war ihre Motivation.

In überfüllten Schlauchbooten fliehen Menschen von der türkischen Küste über das Meer nach Lesbos – nicht alle erreichen die griechische Insel lebend. Mehr als 44.000 Geflüchtete haben seit Anfang Januar laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) die lebensgefährliche Überfahrt zur griechischen Ägäis-Insel Lesbos gewagt. Jeannette Hagen ist Anfang Februar für eine Woche dorthin gereist, um die Hilfsorganisation Schwizerchrüz bei der Versorgung der Geflüchteten zu unterstützen. Nicht mehr nur aus der Ferne zugucken, sondern vor Ort helfen – das war ihre Motivation.

Geflüchtete erreichen die griechische Insel Lesbos. Foto und Copyright: UNHCR/Achilleas Zavallis
Geflüchtete erreichen die griechische Insel Lesbos. Foto und Copyright: UNHCR/Achilleas Zavallis

Was waren Ihre Aufgaben als Flüchtlingshelferin auf Lesbos?

Jeannette Hagen: Wir haben Tag- und Nachtwachen gemacht, also 24 Stunden rund um die Uhr. Es gibt jemanden, der Kontakt zur türkischen Seite hat, der weiß, wann welche Boote starten und wo sie eventuell ankommen, wenn sie nicht vorher von Patrouillen aufgegriffen werden. Dorthin werden die Freiwilligen geschickt, um den Menschen zu helfen, wenn sie auf Lesbos ankommen. An zwei Tagen haben wir von morgens bis abends Strände sauber gemacht. Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Müll es dort gibt. Allein die Schwimmwesten, die liegen bleiben, Reste von Schlauchbooten, Wasserflaschen. Lesbos ist eigentlich eine Ferieninsel, aber die Strände sind im Moment kaum nutzbar. An zwei weiteren Tagen bin ich mit einem Auto über die Insel gefahren, mit dem Auftrag für die Hilfsorganisation Pressearbeit zu machen. 

Wie war Ihr Eindruck von den Flüchtlingen, die auf Lesbos ankommen, in welchem Zustand befinden sie sich?

Viele stehen unter Schock, sind traumatisiert, vom Krieg und von der Flucht. Wenn man die Kinder sieht, die aus einem Boot steigen oder rausgeholt werden, die morgens um sechs drei Stunden dunkles Wasser hinter sich haben, die wahrscheinlich die ganze Nacht nicht geschlafen haben – diese Kinder starren einfach nur. Sie haben einen ganz leeren Blick. Das hat mich sehr berührt. Die Menschen kommen an und haben wirklich nichts. Sie kommen mit ihrem kleinen Bündel, einem Rucksack, das ist das einzige. Die Geschichten, die sie erzählen, ähneln sich alle. Alle haben eine höllische Flucht hinter sich. Sie sind alle aus Kriegsgebieten, ob es aus Syrien oder Irak ist. Sie haben dort alle kein lebenswertes Leben mehr.

Wie hat Ihr Einsatz auf Lesbos Ihre Sichtweise auf die Flüchtlingspolitik der EU und Deutschlands verändert?

Was mich beeindruckt hat, ist der Wille, mit dem die Menschen unterwegs sind, um in Deutschland oder irgendwo anders anzukommen. Ich glaube, wenn du so etwas wie sie erlebt hast, dann kann dich nichts mehr stoppen. Da können wir uns unsere Obergrenzen sonst wohin schmieren. Diese Menschen werden ihren Weg finden. Die hält auch kein Stacheldrahtzaun auf. Wenn man eine alte Frau sieht, bei der man denkt, wie will sie diesen noch Weg schaffen? Sie wird ihn schaffen. Andererseits sind diese Leute entwurzelt, sie haben ihre Heimat verloren. Für die Integration, die in Deutschland geleistet werden muss, wird das eine richtig große Aufgabe, die wir schultern müssen. Der Weg ist vor allem, vor Ort zu arbeiten, für Frieden zu sorgen, damit die Menschen nicht fliehen müssen. Die Weltgemeinschaft muss sich zusammensetzen und dafür sorgen, dass dieser verdammte Krieg aufhört, und da scheitert sie im Moment gnadenlos. Wir brauchen eine langfristige Lösung des Konflikts in Syrien.

Berge von Rettungswesten auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: Jeannette Hagen
Berge von Rettungswesten auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: Jeannette Hagen

Gibt es ein Erlebnis während Ihrer Zeit auf Lesbos, das einen besonderen Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?

Es war kein besonderes Erlebnis, sondern die Stimmung auf Lesbos, die jetzt noch in mir nachklingt. Ich fand diesen Gegensatz zwischen der Schönheit dieser Insel, diesem Urlaubs-Feeling, und dann dem anderen, was da ist, sehr stark. Das hat mich sehr bewegt. Das Spannungsfeld fand ich schwer auszuhalten: Man sieht einerseits Delfine im Wasser und weiß andererseits, dass darin schon so viele Menschen ertrunken sind.

Was raten Sie denjenigen, die sich für Flüchtlinge engagieren möchten?

Der erste Weg ist, vor Ort zu gucken, im eigenen Umfeld. In jeder Stadt gibt es mittlerweile Initiativen, bei denen man sich einbringen kann. International gibt es so viele Helfergruppen, denen man sich anschließen kann. Man sollte gucken, bei welcher Organisation man sich am meisten wieder findet und in welcher Form man sich am besten einbringen kann. Organisiere ich gerne? Will ich direkt an die Menschen ran? Diese Fragen sollte man für sich vorher klären.

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Zur Person
Jeannette Hagen. Foto: Maya Meiners
Jeannette Hagen. Foto: Maya Meiners

Jeannette Hagen ist gelernte Sport- und Gymnastiklehrerin, seit 2001 arbeitet sie als freie Autorin und Coach. Sie engagiert sich in Berlin in der Flüchtlingshilfe. 2015 hat sie das Buch „Die verletzte Tochter – wie Vaterentbehrung das Leben prägt“ veröffentlicht. In ihrem Blog berichtet sie auch über ihren Aufenthalt auf Lesbos: www.diespaziergaengerin.com.

8 Kommentare

  • Unglaublich diese Berge von Schwimmwesten. Obwohl es ja nur eine Randerscheinung des ganzen Elends ist, ist dieses Bild schon imposant

  • Das die Strände kaum nutzbar sind, entspricht nicht der Wahrheit. Dank dem Effort der Griechen und Freiwilligen Helfer sind alle Strände, die zugänglich sind, bereits gereinigt.

    In Lesbos Ferien zu machen ist also kein Problem. Im Gegenteil, es ist ein Gebot der Solidarität mit der Inselbevölkerung, welche sich ihrerseits seit Monaten soldiarisch mit den hunderttausenden Flüchtlingen zeigt.

    Michael Räber, 165 Tage Lesbos

  • von Susanne Kück

    Es ist unendlich wichtig, das wir neben der Flüchtlingsproblematik nicht die Einheimischen vergessen. Lange bevor die Welt wusste, das es Lesbos und andere Orte dieser Art gibt, wurden die armen Seelen aus dem Wasser gezogen und mit Kleidung, Essen usw. versorgt. Menschen, die größtenteils vom Tourismus leben stehen nun dem nächsten Problem gegenüber. Durch die Berichterstattung entsteht der Eindruck, das hier niemand mehr Urlaub genießen kann. Aber tatsächlich landen an nur wenigen Stellen die Flüchtlinge an, und dort wird mit aller Kraft immer wieder auch aufgeräumt, nun auch mit Tauchern im Wasser. An den übrigen Stränden ist alles „Urlaub“, und nach wie vor eine Reise wert. Es ist doch schon schlimm genug, das Reiseveranstalter die „Flüchtlingsinseln“, aus Ihren Programm nehmen. Wovon sollen die Menschen mit Ihrer uneingeschränkten „Willkommenskultur“ und Hilfsbereitschaft denn noch leben ? Bilder mit Bergen von Rettungswesten sind da kontraproduktiv.

    • von Janine Behrens

      Liebe Susanne, das ist ein ganz wichtiger Blick auf die Situation vieler griechischer Urlaubsorte und auf die Menschen, die dort leben – vielen Dank für Deinen Kommentar!

  • von Hildegard Indenhock

    Gut dass es solche Menschen gibt. Wie können die Schreihälse weiter wir sind das Volk schreien, wenn an den Grenzen mit Tränengas auf die Flüchtlinge geschossen wird.

  • von Gerhard Rüth

    ich denke, das Beste, was wir tun können, ist praktische Hilfe in jeder Form, um so einen „Kontrapunkt“ zu setzen – und natürlich auch Aufklärung/Richtigstellung der Fakten und Unterstellungen, denn der Kampf wird zuerst in den Köpfen entschieden – immer wieder aufs neue – das Wort ist mächtig, denn es leitet die Gedanken und damit das Tun

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Veröffentlicht von Campact Team