Fracking: Ein Arzt packt aus

Dort wo besonders viel gefrackt wird, gibt es eine auffällig hohe Krebsrate. Dr. Matthias Bantz, Umweltmediziner aus Rotenburg/Wümme, kämpft für eine unabhängige wissenschaftliche Studie. Denn auch in seiner Heimat wird gefrackt - und immer mehr Menschen erkranken an Krebs.

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Dort wo besonders viel gefrackt wird, gibt es eine auffällig hohe Krebsrate. Kann das wirklich nur Zufall sein? Dr. Matthias Bantz, Umweltmediziner aus Rotenburg/Wümme, kämpft für eine unabhängige wissenschaftliche Studie. Denn auch in seiner Heimat wird gefrackt – und immer mehr Menschen erkranken an Krebs.

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Dr. Bantz, wie kann Fracking Krebs auslösen?

Dr. Matthias Bantz – Vorweg: Es geht mir gar nicht nur um Fracking. Ich denke, es ist grundsätzlich problematisch, wenn einer Industrie erlaubt wird, hochtoxische Substanzen in die Umwelt zu bringen. Das ist eine Gefährdung von allen Menschen, die in der betroffenen Region leben. Rotenburg, wo ich lebe und mich engagiere, ist sehr eng besiedelt. Das heißt, dass die Menschen zwangsläufig mit den Substanzen in Kontakt kommen.

Zu der Frage, wie Fracking Krebs auslösen kann: Es wurden hier in der Region Substanzen nachgewiesen, die hochgiftig sind. Zum Beispiel Benzol und andere giftige Kohlenwasserstoffe. Diese Substanzen lösen Leukämie und Tumore des lymphatischen Systems aus. Leukämie, das ist genau die Krebsform, an der überdurchschnittlich viele Menschen hier erkranken. Das ist übrigens kein deutsches Phänomenen. Wir sind mit Ärzten und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vernetzt, alle berichten von den gleichen Mustern: Dort wo gefrackt wird, gibt es auffällig viele Krebserkrankungen.

Und diese Erkenntnis ist nicht neu: Schon eine alte Studie von 1972 von den Hamburger Gaswerken stellt fest: Menschen, die in den Hamburger Gaswerken mit diesen Substanzen in Kontakt gekommen sind, erkrankten auffällig häufig an Krebs.

Ist Radioaktivität auch ein Thema?

Oh ja, allerdings ein oft vernachlässigtes. Beim Bohren nach Öl- und Gas werden die aufgebrochenen Gesteinsschichten mit Flüssigkeiten versetzt und über das Bohrgestänge nach oben gepumpt. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass diese Bohrabfälle radioaktive Stoffe enthalten können. Wenn diese radioaktiven Stoffe in den Körper gelangen, wird es gefährlich. Sie reichern sich im Körper an.

Im Umweltbericht von Exxon von 2010 ist zu lesen, dass 114 Tonnen radioaktives Material zu entsorgen waren, dass aber „bedauerlicherweise nicht mehr in die Bohrlöcher verpresst werden darf, da das zur Zeit politisch ungeschickt ist“ – Stellen Sie sich das mal vor! So darf man erwarten, dass auch weitere Funde gesichert werden können. Der Verweis auf „Grenzwerte“ ist im Bereich Radioaktivität nicht zu akzeptieren.

Sie und eine Gruppe von Ärzten haben etwas unternommen

Genau. 2015 haben wir einen Brief geschrieben an die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD). Wir und über 200 andere Ärzte haben sie aufgefordert, Geld zur Verfügung zu stellen, um eine unabhängige wissenschaftliche Studie durchzuführen. So eine betriebsunabhängige Studie muss den Zusammenhang von den Krebserkrankungen und Fracking erforschen. Dann haben wir es schwarz auf weiß.

Wie hat die niedersächsische Sozialministerin reagiert?

Sie hat uns nur geschrieben, dass sie keine Zeit hätte, sich mit uns zu treffen. Wir haben dann eine Pressekonferenz gemacht, die recht viel Medienresonanz bekam. Und daraufhin hat uns dann der niedersächsische Ministerpräsident, Stephan Weil (SPD), empfangen. Er hat uns im Gespräch sogar zugesichert, das es finanzielle Mittel geben wird für eine solche wissenschaftliche Arbeit, wie wir sie im Brief fordern.

Was er allerdings nicht wollte war, in irgendeiner Weise gegen die Industrie aktiv zu werden. Wir kritisieren nämlich auch, wie hier bestimmte Grenzwert-Messungen durchgeführt werden. Da bestimmt ExxonMobile praktisch selber, wann, wie und wo gemessen wird. Außerdem: Grenzwerte, das sind ja keine Naturgesetze. Das sind nichts anderes als Werte, die von der Politik festgelegt wurden. Und die wurden so festgelegt, dass die Industrie arbeiten kann. Ich bin also auf jeden Fall auch für eine Verschärfung. Diese Substanzen werden unterhalb der Grenzwerte aber dadurch natürlich nicht unschädlich.

Wie ist jetzt der Stand bei der von Ihnen geforderten Studie?

Bisher ist noch nicht viel passiert, alles dauert immer unheimlich lange. Der Stand ist so: Das Landesgesundheitsamt in Hannover hat 7000 Fragebögen an Bewohner von Bothel (besonders betroffene Region) geschickt. Tatsächlich sind 5000 davon zurückgekommen, ausführlich ausgefüllt. Jetzt werden diese Daten erst mal ausgewertet, also: Welche Menschen sind wo wie schwer betroffen, welche Symptome haben die, und so weiter. Das ist aber eine Routinesache, das hat noch nichts mit einer Studie zu tun, wie wir sie fordern. Ob so eine Studie zustande kommt, ist dann abhängig von den Ergebnissen aus dieser Befragung. Aber das ist alles noch unklar. Bis jetzt ist noch niemand mit einer solchen Studie beauftragt worden. Wir verfolgen den Prozess aber weiter und machen Druck, dass eine solche Studie zeitnah zustande kommt.

Ist der Zusammenhang denn so schwer zu beweisen?

Naja, wie man es nimmt. Einerseits ist es ein statistisches Problem: Es sind ja relativ wenige Fälle, zumindest statistisch gesehen. Da könnte man immernoch behaupten: Der Krebs hätte auch von etwas anderem ausgelöst werden können, beispielsweise Glyphosat. Allerdings gibt es ja zahlreiche wissenschaftliche Artikel, die den Zusammenhang herstellen. Auf die stützen wir uns.

Ein weiteres Problem ist natürlich, den Zusammenhang im Einzelfall zu beweisen. Es ist sehr aufwändig und teuer diese Substanzen im biologischen Material nachzuweisen. Genau aus dem Grund brauchen wir dringend diese Studie.

Allerdings, die Tatsache, dass wir überhaupt eine solche Studie fordern müssen, ist doch absurd. In Deutschland gilt das Vorsorgeprinzip, das heißt: Wenn das Risiko besteht, dass diese Substanzen den Krebs in der Region auslösen, dann müssten sie verboten werden. In diesem Fall scheinen wir, als Bürger und Betroffenen, in einer Art Bringschuld zu stehen. So sollte es, angesichts des Versorgungsprinzips, nicht laufen.

Wir haben jetzt ja ein neues Fracking-Gesetz. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Es ist eine Verbesserung hinsichtlich der Trinkwassersicherung. Denn es sind umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgesehen. Was wir kritisieren: In dem Gesetz ist keine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung vorgesehen. Das heißt, die vielen Krebsfälle und die vielen Indizien die es gibt, werden einfach nicht berücksichtigt. Ich finde: Egal ob Fracking oder nicht, und egal welche Art von Fracking: Giftige Substanzen dürfen nicht von der Industrie mutwillig in die Umwelt entlassen werden. Darum kritisieren wir das Gesetz.

Welche Aktivitäten haben Sie geplant?

Wir arbeiten an einem Projekt. Im Moment ist es so, dass alle Krebsfälle der Region im niedersächsischen Krebsregister aufgeführt werden. Das ist aber nur eine Art Datensammlung, aus den Ergebnissen folgt erstmals gar nichts. Darum wollen wir eine zweite Datenbank aufbauen, die allerdings bei der Ärztekammer angesiedelt ist. Denn so wissen wir Ärzte sofort, wenn irgendwo auffällig viele Krebserkrankungen sind. Wir können dann direkt reagieren.

Außerdem werden wir mit unseren politischen Forderungen weiter Druck machen. Wir fordern die Entscheidungsträger auf, auf die wissenschaftlichen informationen, die ja vorliegen, zu reagieren und Konsequenzen zu ziehen. Es gibt ja schon Studien, die belegen, dass in Regionen, in denen gefrackt wird, Krebs ausgelöst werden kann. Hier muss das Rad also nicht neu erfunden werden.

Außerdem fordern wir eine vernünftigere personelle Ausstattung der Aufsichtsbehörden. Bisher haben die zu wenig Personal, um umfangreiche Messungen und Prüfungen durchzuführen. Um die Industrie stärker zu kontrollieren, ist es unumgänglich mehr Aufsichtspersonal zu haben. Es ist doch zu kritisieren, dass alle Unregelmäßigkeiten und Probleme nur durch recherchierende Journalisten und Anwohner aufgedeckt wurde. Die Behörden wurden immer erst danach aktiv.

Unterzeichne hier, damit Fracking richtig verboten wird!

Zur Person:

zitatgrafik_matthiasbantz-1200x630-v02Dr. Matthias Bantz ist Internist und Umweltmediziner. Als solcher beschäftigt er sich unter anderem damit, welchen Einfluss Schadstoffe aus der Umwelt auf die menschliche Gesundheit haben. Nach seiner Zeit als praktizierender Arzt arbeitet er nun als Betriebsarzt für arbeitsmedizinische Betreuung im Diakoniekrankenhaus Rotenburg.

Bürgerinitiativen aus der Region haben Bantz zum Fracking-Aktivist gemacht: Da in der Region die Krebsrate auffällig hoch ist, gibt es schon lange eine heftige Debatte über den Zusammenhang von Fracking und Krebs. Die Bürgerinitiativen sprachen Dr.Bantz an mit dem Wunsch, dass Ärzte sich stärker in die Fracking-Debatte vor Ort einbringen sollten. Zusammen mit Ärzte-Kollegen aus der lokalen IPPNW-Gruppe wurde er darauf hin aktiv: 2015 verfassten er und über 200 seiner Ärzte-Kollegen einen Brief an die niedersächsische Sozialministerin. Darin forderten sie Sie auf, Geld für eine Studie zur Verfügung zu stellen, die den Zusammenhang zwischen Gasbohrungen und Krebs wissenschaftlich belegt.


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Diese Petition wurde auf WeAct, der neuen Petitionsplattform von Campact, gestartet. Es ist also keine Kampagne von Campact. Da Campact aber die Ziele der Petition unterstützt, möchten wir Dich auf die Kampagne hinweisen.

10 Kommentare

  • von Volker Fritz

    Der Titel „Fracking: ein Arzt packt aus“ ist etwas mißverständlich. Denn es werden, wieder
    einmal, die Dinge verwechselt. Was dort im Gebiet ROW an „Bohrlochbehandlungen“, wie es
    im Bergamtsdeutsch heißt, durchgeführt wurde, war nur formal das „Fracking“, von dem heute so viel gesprochen wird. Faktisch handelte es sich aber nur um das „Stimulieren“ der Tight Sand
    Förderbohrungen, damit sie anfangen zu fördern. Es sind die Gefahr- und Giftstoffe der ganz
    normalen Öl- und Gasförderung, die bei der Förderung, der Aufbereitung, der Verpressung und bei verschiedenen Service- und Wartungsarbeiten freigesetzt werden, die eine hohe Gesundheitsgefährdung darstellen. Wir fordern seit langem, hier verlässliche und sinnvolle
    Messungen durchzuführen. Davor hat sich das Land bisher gedrückt. Die vom LBEG veranlassten Messungen spiegeln nicht die Realität, denn es gibt stoßweise hohe Emissionen, die bei Langzeit-Mittelwertbewertungen „verschluckt“ werden. Das sollte doch jedem klar sein.

  • Ich gehe mal davon aus, dass in der Region um Rotenburg keine Bundestagspolitiker wohnen, wir wollen doch nicht das diese an Krebs erkranken. Das gemeine Volk dagegen, da muß man halt damit leben, zu gegebener Zeit wird die Beschwichtigungspolitik eingesetzt. Man kennt das doch zu Genüge.

  • von die Wahrheit sagt

    vielen dank für den artikel und dank auch dem herrn dr. bantz für seine courage und ehrlichkeit, das unermüdlich aufzudecken, was (nicht nur bei) punkto fracking immer unter den „teppich“ gekehrt wird und wir vorsätzlich belogen werden. all die werden eines tages vor dem tribunal stehen. ich denke, es dauert nicht mehr lange, bis alle die schnauze voll haben. alles führt sich schon ad absurdum. die welt liegt im argen, und alle schlaraffenlandschlafschafe interessieren sich vorwiegend für: smartphone, tv, fressen, saufen, shoppen, den kopf in den sand stecken, etc. aber immer mehr wachen auf! es geht jetzt schon viel schneller… gnade ihnen gott.

  • von Joachim Schmidbauer

    „Da in der Region die Krebsrate auffällig hoch ist, gibt es schon lange eine heftige Debatte über den Zusammenhang von Fracking und Krebs.“

    Das ist schlichtweg gelogen! Statistisch signifikant sind ausschließlich Blutkrebserkrankungen ausschließlich bei (älteren) Männern ausschließlich in der Stadt Rotenburg und der Samtgemeinde Bothel. Nachbargemeinden mit Erdgasförderung sind nicht betroffen. Es ist widerwärtig, Krebskranke für Anti-Fracking-Propaganda zu instrumentalisieren.

    • von Janine Behrens

      Lieber Joachim,
      in dem Interview geht Dr. Bantz bereits in der ersten Frage auf die Blutkrebserkrankungen ein: „Leukämie, das ist genau die Krebsform, an der überdurchschnittlich viele Menschen hier erkranken. Das ist übrigens kein deutsches Phänomenen. Wir sind mit Ärzten und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vernetzt, alle berichten von den gleichen Mustern: Dort wo gefrackt wird, gibt es auffällig viele Krebserkrankungen.“ Dort findest du auch den Verweis auf die internationale Statistik. Von Instrumentalisierung krebskranker Menschen kann keine Rede sein.

  • von Gabriele Strahler

    Warum ist die Seite nicht mit der Petition seiten verlinkt, damit man die Petition unterzeichnen kann?

  • von Thomas Teichmann

    Vielen Dank für dieses Engagement.
    Es braucht sicher noch viel Mut und Zähigkeit, um so eine fachliche Arbeit in bürgerlicher Initiative zum Ziel zu bringen.
    Ich wünsche gutes Gelingen
    Thomas Teichmann

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