Experte erklärt: So trickst Monsanto für die Zulassung von Glyphosat

Glyphosat steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Doch Monsanto sorgt mit zweifelhaften Methoden dafür, dass Glyphosat weiterhin als harmlos gilt.

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Der Unkrautvernichter Glyphosat ist für Monsanto ein Milliardengeschäft – auf unsere Kosten. Denn das Ackergift steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Doch der Agrarkonzern sorgt mit zweifelhaften Methoden dafür, dass Glyphosat weiterhin als nicht krebserregend gilt. Jetzt haben Dr. Peter Clausing und seine Kollegen vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) einen Bericht vorgelegt, der die dubiosen Praktiken des Agrar-Riesen entlarvt. Wie der Konzern für die Zulassung von Glyphosat trickst, erfahrt Ihr im Interview.

Warum habt Ihr die Studie mit dem Titel „Buying Science“ („Gekaufte Wissenschaft“) gemacht?

Wir wollen zeigen mit welchen Mitteln und Strategien Monsanto und andere Glyphosat-Hersteller darum kämpfen, ihr Herbizid vor dem Verbot zu retten.

Müssen die Hersteller das fürchten?

Eigentlich müssten sie das fürchten, denn gemäß der seit 2011 geltenden EU-Pestizidverordnung 1107/2009 dürfen Pestizidwirkstoffe wie Glyphosat nicht mehr vermarktet werden, wenn sie die in der Lage sind, Krebs hervorzurufen, die DNA zu schädigen oder reproduktionstoxisch zu sein. Dies ist der sogenannte “gefahrenbasierte Ansatz“. Ein Pestizid mit solchen Eigenschaften muss verboten werden. Allerdings hat die Europäische Chemikalienagentur Glyphosat gerade einen „Persilschein“ ausgestellt, nach unserer Einschätzung wider besseren Wissens. Außerdem wird damit das Vorsorgeprinzip mit Füßen getreten¹.

Die Argumentation, dass bei sachgemäßer Anwendung die Menschen nur „sicheren“ Dosierungen des betreffenden Pestizids ausgesetzt wären – der „risikobasierte Ansatz“ – ist für solche Stoffe nicht zulässig. Diese Gesetzesänderung konfrontierte Monsanto und andere Hersteller von Glyphosat mit einem ernsten Problem: Ihre Krebsstudien zeigen vor allem bei Mäusen statistisch signifikante Krebseffekte von Glyphosat, und zwar in mehreren Fällen mit deutlicher Dosisabhägigkeit.

Aber noch ist Glyphosat erlaubt und das, obwohl es diese Studien gibt?

Als Glyphosat das letzte Mal überprüft wurde, lagen nur zwei Krebsstudien an Mäusen vor. Die Genehmigung des Wirkstoffs stammt ja noch aus dieser über zehn Jahre zurück liegenden Zeit. Jetzt sind es fünf Mäuse-Studien und bei allen zeigen sich statistisch signifikante Krebseffekte. Mit einer sogenannten „gewichteten Wertung“ („weight of evidence approach“) entledigen sich die Behörden der Beweislast und begründen mit haarsträubenden Argumenten, warum diese Krebsbefunde angeblich bedeutungslos sein sollen². Ein generelles Problem ist, dass Industriestudien häufig über den grünen Klee gelobt und zuweilen trotz sichtbarer Mängel akzeptiert werden, während die Behörden Studien unabhängiger Wissenschaftler oftmals mit fadenscheinigen Argumenten als irrelevant abstempeln.

Zwei Jahre zuvor wurden die Glyphosathersteller, allen voran Monsanto schwer getroffen, als die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) bekannt gab, dass sie Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ einstuft, unterstützt von „starken Beweisen“ für Gentoxizität und oxidativen Stress, zwei Mechanismen, durch die die Entstehung von Krebs plausibel wird.

Aufgrund kürzlich im Rahmen eines Gerichtsverfahrens öffentlich gewordener Dokumente wissen wir, dass Monsanto das in gewisser Weise vorausgesehen hatte. Es gab bereits im Vorfeld eine strategische Planung, wie man – abhängig vom IARC-Urteil – reagieren wollte. Die Beauftragung und Finanzierung von Übersichtsartikeln, die dann in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht werden, haben bei Monsanto eine lange Tradition. Da bietet das Unternehmen schon mal – umgerechnet – 1.600 EUR Tageshonorar an oder offeriert, die Publikationen selbst zu schreiben, um zum Schluss nur die Namen der renommierten industriefreundlichen Wissenschaftler drauf zu setzen, wenn dadurch die Honorarkosten reduziert werden können. So nachzulesen in unserer Dokumentation, die aus den internen Monsanto-Papieren zitiert.

Aus den kürzlich an die Öffentlichkeit gedrungenen Monsanto-Dokumenten geht auch hervor, wie das Unternehmen mit Jess Rowland, einem leitenden Mitarbeiter der US-Umweltbehörde (EPA), völlig ungeniert die Strategie diskutierte, mit der Glyphosat durch die Wiedergenehmigung gebracht werden soll. Dem Mailtext zufolge wurde Monsanto von Rowland mit den Worten beruhigt, dass er „genügend“ habe, um die Monsanto-freundliche Schlussfolgerung (kein Krebseffekt) aufrecht zu erhalten. „Ich habe den Vorsitz im Komitee und meine Leute steuern den Prozess“ wird Rowland zitiert.

Derlei Enthüllungen bestätigen unsere Sorge bezüglich ähnlicher Einflussnahmen in anderen Gremien. Als der EFSA-Chef Bernhard Url renommierte unabhängige Wissenschaftler verunglimpfte, sie würden „Facebook Science“ betreiben, erinnerte das fatal an die Monsanto-Äußerung, die IARC würde „junk science“ produzieren.

Was sind Eure Schlussfolgerungen?

Nach unserer Einschätzung der Datenlage würde die Fortführung der Europäischen Genehmigung des Wirkstoffs Glyphosat gegen die geltende EU-Gesetzgebung verstoßen, das heißt gegen die so genannten cut-off Kriterien für krebserregende Substanzen und das Vorsorgeprinzip. Wir empfehlen dringend, Bewertungen von Glyphosat und Glyphosatpräparaten durch Personen und Institutionen, die durch Interessenkonflikte belastet sind, außer Acht zu lassen. Bis dahin sollten Glyphosatpräparate vorsorglich aus dem Verkehr gezogen werden. Wir unterstützen die Forderungen der EBI, auch jene zur Überarbeitung des Genehmigungsverfahrens und der Reduzierung des Pestizideinsatzes insgesamt.

 

Die Agrarindustrie kämpft mir unfairen Mitteln – wir halten dagegen: Schon über 500.000 Menschen haben sich der Europäischen Bürgerinitiative für ein Glyphosat-Verbot angeschlossen. Hilf mit!

Hier findet sich die Studie Titel „Buying Science“ der Autoren Dr. Peter Clausing vom Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN), Dr. Helmut Burtscher-Schaden von GLOBAL 2000 und Claire Robinson von GM Watch.

Quellen:
1http://www.pan-germany.org/deu/~news-1444.html
2http://www.pan-germany.org/download/The_Carcinogenic_Hazard_of_Glyphosate.pdf

6 Kommentare

  • von peter sikorsky

    Es gibt ein verfahren, um Glyphosat zu stoppen; Hersteller von Lebensmitteln, bei den Rohstoffe z.B. weizen eingesetzt werden, die im Verdacht stehen, gly-belastet zu sein, müssen diese hersteller von ihren rohstoff-lieferanten eine unbedenklichkeitsbescheinigung verlangen, daß ihr rohstoff auf gly getestet wurde und er nachgewiesenermaßen gly-frei ist. dies wird zwangsläufig zu einer verteuerung von lebensmitteln führen, aber wenn der verbraucher so massenhaft sich benimmt, ich beim kauf von brot oder gebäck nach so einer bescheinigung frage und ohne diese bescheinigung da nichts mehr kaufe, da wird sich etwas bewegen. nur, wer stößt so etwas an, wer stellt sich dahinter? ich habe einen bäcker, der macht so etwas!

    des weiteren: unterliegt nicht auch Glyphosat der Gefahrstoffverordnung für chemikalien? es gibt da einen komplexbildner, der in großem umfang – auch von mir – als zusatz für industrielle reinigungsmittel eingesetzt wurde – NTA. nitrilotriacetat – bei dem mäusetests den verdacht auf krebserregende wirkung aufkommen ließen. NTA ist auf der abschußliste und es gibt dafür einen unbedenklichen ersatz, den ich auch verwende. aufgrund der mäusetest-ergebnisse muß NTA gekennzeichnet werden, geschieht das auch bei gly?

  • von Dietmar

    Auch ich bin gegen den Einsatz von Glyphosat, aber welche folgen hat das für die jetztige Landwirtschaft ?
    Welche Alternativen gibt es ? Brauchen wir eine „Übergangsfrist“ bis wir ganz auf Glyphosat verzichten können ?
    Ich persönlich finde es immer gut wenn eine Alternative aufgezeigt wird, denn auch für die Landwirte bedeutet das bestimmt eine große Umstellung…

    • von Maria Lohbeck

      Hallo Dietmar,

      ja, das stimmt, für die Landwirte ist es nicht einfach. Darum braucht es politischen Wille und Unterstützung, denn es ist nicht so, dass es ohne Glyphosat nicht geht.

      Eine aktuelle Studie von französischen Agrarökologen zeigt, dass ohne Abstriche beim Ertrag auf einen Großteil der eingesetzten Pestizide verzichtet werden kann. Knapp 60 Prozent der untersuchten Betriebe könnten ihren Pestizidverbrauch ohne Verluste beim Ertrag um 42 Prozent senken.
      (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/landwirtschaft-viele-pestizide-sind-ueberfluessig-1.3398299)

      Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Julius-Kühn-Institut in einer Studie von 2016. Das dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstellte Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) zeigt darin, dass mechanische Methoden wie das Pflügen und der Einsatz des Grubbers die gleiche Wirkung haben wie Glyphosat. Und wenn Landwirte sowieso den Pflug nutzen, dann ergeben sich laut JKI auch keine ökonomischen Verluste.
      (Quelle: http://pub.jki.bund.de/index.php/JKA/article/view/6179)

      Die Autor/innen des Glyphosat-Reports des Pestizid-Aktions-Netzwerks PAN International betonen zudem, dass Wildkräuter auf dem Acker nicht grundsätzlich die Produktivität verringern. Im Gegenteil: Wildkräuter können eine wichtige Rolle dabei spielen, Schädlinge zu bekämpfen, die Qualität der Böden zu verbessern und die Ernteerträge zu erhöhen, geben die Autor/innen an.
      (Quelle: https://blog.campact.de/wp-content/uploads/2017/02/Glyphosate_monograph.pdf)

      Es geht uns nicht darum, mit dem Finger auf Landwirte zu zeigen. Wir klagen die Agrarkonzerne an und die Behörden, die die Industrie-Studien unkritisch übernehmen.

      Viele Grüße,
      Maria

  • von Daniela Antons

    Thanks for linking to our article!

    Best regards,
    Daniela

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