Wie Juwelen

Gefährdet wie der Panda, der Steinadler oder der Eisbär - mehr als 90 Prozent aller Saatgutsorten sind bereits verschwunden. Biotech-Konzerne wie Syngenta und Bayer/Monsanto kontrollieren den Saatgutmarkt und vergiften die Vielfalt.

Wegen einer Kartoffel starben in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen Menschen. Die Lumperkartoffel sollte große Erträge bringen – beinahe ganz Irland baute sie an. Resistent gegen Kartoffelmehltau war sie nicht. Millionen Menschen starben, weil es zwei oder drei anfällige Sorten gab, sagt Will Bonsall vom Scatterseed-Project.

Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen

Der Farmer aus dem US-Staat Maine besitzt mehrere hundert Kartoffelsorten: mit schwarzer Haut und gelbem Fleisch, violette mit pinken Streifen, große und kleine. Hunderte. Die Vielfalt ist riesig, bekannt sind nur die wenigsten.

„Als ich das erste mal eine Kollektionen Bohnen sah, war das wie im Juwelengeschäft, ich war Feuer und Flamme.“ (Will Bonsall, Scatterseed-Project)

Will Bonsall ist der Großvater der Samensammler. Jedes Jahr pflanzt er hunderte Sorten Gemüse, Obst und Getreide an – nur um ihre Saaten am Leben zu erhalten. „Als ich das erste mal eine Kollektionen Bohnen sah, war das wie im Juwelengeschäft, ich war Feuer und Flamme.“

Mit Will Bonsalls Faszination für Saaten beginnt die Dokumentation „Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“, die am 11. Oktober in die Kinos kommt.

Saatgutvielfalt: So bedroht wie der Panda

Saaten könnten ein langweiliges Thema sein. Doch die Regisseure Taggart Siegel und Jon Betz schaffen es, die Faszination der Protagonisten mit Interviews und starken Bildern zu transportieren.

Dabei wird eins klar: Saaten sind eine Rarität. Ihre Diversität ist genauso gefährdet wie der Panda, der Steinadler oder der Eisbär. Im 20. Jahrhundert haben wir 94 Prozent der Saatgutvielfalt verloren. Von den ehemals 544 bekannten Kohlsorten, sind noch 28 verblieben. Von 55 Sorten Kohlrabi gibt es heute noch 3. Die Zahlen stammen von der letzten Zählung der Saatgutdiversität in den USA im Jahr 1983.

Pharma- und Chemiekonzerne besitzen 90 Prozent der Saaten

Statt Lebensmittelvielfalt gibt es nur noch eine Handvoll Massenprodukte: Bohnen, Mais, Weizen, Gerste und Reis. „Wir haben die größte Sortenknappheit der Geschichte“, sagt der Molekularbiologie Dr. Ignacio Chapela.

90 Prozent der Saaten ist heute in Besitz von Pharma- und Chemiekonzernen. Konzerne wie Syngenta und Bayer/Monsanto kontrollieren den Saatgutmarkt. Sie vergiften die Zukunft der Saatgutvielfalt und machen Bauern abhängig von ihren Saaten und Chemikalien.

Pestizide töten

Und auch genau diese Geschichten erzählt „Unser Saatgut“. Von der Abhängigkeit der Bauern – von Minnesota bis Madhya Pradesh in Indien. In Indien hat Monsanto innerhalb einer Saison eine komplette Saatgut-Diktatur etabliert. Aus Bauern wurden wirtschaftliche Sklaven – hoch verschuldet, verzweifelt, hoffnungslos. In den letzten zehn Jahren begangen mehr als 270.000 Bauern Selbstmord.

Chemiekonzerne vergiften Menschen – auch in Waimea in Hawaii. Dort besitzen Unternehmen wie Dow, Syngenta und Co. riesige Felder und testen jede beliebige Chemikalie. Die giftigsten Pestizide – ohne Zulassung des Agrarministeriums. Mit Folgen: In der kleinen Stadt Waimea häufen sich Geburtsfehler und Krankheiten. Schülerinnen und Schüler der Middle School mussten schon zweimal evakuiert werden, weil die Pestizide zur Schule verweht wurden.

Schatz der Menschheit in Gefahr

Doch in Waimea regt sich Protest. Und nicht nur dort: Ob in Washington, London, Paris oder Berlin – gegen Monsanto und Co. demonstrierten tausende Menschen in mehr als 400 Städten und in über 50 Ländern.

Wir müssen die Vielfalt, Integrität und Freiheit des Lebens schützen“, sagt die Globalisierungskritikerin und Aktivistin Vandana Shiva. Und so ist die Dokumentation der Filmemacher Taggert Siegel und Jon Betz auch ein Appell an die Menschheit – ein Appell aufzustehen und sich gegen Monsanto und Co. zu wehren.

Bitte sei auch Du dabei!

3 Kommentare

  • von H.

    @Andrea
    Was nutzen Ansätze, Vorschläge und Lösungen, wenn die Aufklärung und überhaupt das Problembewusstsein in den Köpfen der Allgemeinheit fehlt, dass etwas nicht so läuft, wie es sein könnte/sollte/müsste?
    Wenn z.B. niemand weiß (außer einigen Experten), dass es ein Bienensterben/Insektensterben gibt und was die Ursachen dafür sind, interessiert sich auch niemand dafür, wie man das verhindern kann.

    Ich spekuliere jetzt mal -da ich den Film noch nicht gesehen habe- dass der Film genau beschreibt, was das Problem ist:
    Dass es früher viel mehr Saatgut gab. Und dann die Kritik an den Konzernen, die sich die Saatgute patentieren lassen, dadurch die Bauern abhängig machen und damit viel Geld verdienen! Gleichzeitig verschwinden immer mehr die alten Saatgutmischungen…
    Passiert ja auch hier in Europa, wenn das Europäische Patentamt mal wieder Patente auf Saatgut erteilt und die Folgen ignoriert… Ergo: keine Patente auf Saatgut!

    Viele Grüße

  • Kritik ist immer schön und gut. Ansätze und Vorschläge wieso das was die machen schlecht ist und was man anders machen kann und wie sind Lösungen. Sonst kommt man nicht weit.

  • von Hans-Joachim Hauschild

    Die Vielfalt der Saaten zu erhalten wie will man das machen?
    wen große Konzerne ihre Hand auf Saatgutpatente haben,nur
    mit Demos und Unterschriftensamlungen wirt das nichts werden
    sebst wen ein Landwirt ökologisch wirtschaftet kan es zu übertragung
    von Pestiziden durch Wind vom Nachbarn auf sein Feld kommen,ich
    vermisse von den Kritikern vorschläge wie man das ändern soll.

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Veröffentlicht von Vera Kuchler

Redakteurin Newsletter/Online – Vera Kuchler, Jahrgang 1988, studierte Sozialwissenschaften und Soziologie mit Fokus auf Sozialpsychologie und „Arbeit und Geschlecht“ in Marburg und Frankfurt. Nach Stationen in der Öffentlichkeitsarbeit und der Programm- und Kulturarbeit absolvierte sie ein Volontariat beim „Journal Frankfurt“ und arbeitete danach als Online-Redakteurin. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte: nachhaltiger Konsum, Geschlechtergerechtigkeit sowie soziale Ungerechtigkeit. Bei Campact ist sie seit April 2017.