Ein fliegendes Schwein und 750 Fahrradklingeln

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) wollte nicht mit uns über Billigfleisch reden. Aber der vielfältige Protest und unsere starke Fahrraddemo am Tag der Agrarministerkonferenz (AMK) zeigen: Die Auseinandersetzung um die Tierhaltung in Deutschland kommt in Bewegung.

Sie kam eine Dreiviertelstunde zu früh – aber nicht früh genug, um uns aus dem Weg zu gehen. Als Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) schnellen Schrittes auf den Tagungsort der Landwirtschaftsminister*innen zu eilte, standen die Umweltschützer*innen, ein großer Traktor und unser fliegendes Riesenschwein schon bereit. Klöckner blieb nicht stehen. Aber sie nahm unseren lauten Sprechchor mit durch die Tür: “Stoppt das Billigfleisch-System!”

Wir überreichen 300.000 Unterschriften

Zum Dialog bereit war hingegen der saarländische Minister Reinhold Jost (SPD), Vorsitzender der Agrarministerkonferenz. Er hörte sich unsere Kritik und Fragen an, und nahm die rund 300.000 Unterschriften unter unserem Appell entgegen. Ihm sei es wichtig, substantielle Verbesserungen in der Tierhaltung zu erreichen, erklärte er.

Eine Stunde später sammelten sich die ersten Teilnehmenden unserer Fahrraddemo zwischen Kanzleramt und Bundestag. Etliche hatten Schilder gemalt oder Fahnen an ihren Rädern befestigt. Mehrere Umwelt- und Tierschutzgruppen brachten geschmückte und mit Lautsprechern beladene Lastenräder mit. Unsere riesiges, in der Luft schwebendes Schwein setzte sich an die Spitze des Zuges.

Sonder-Treffen zum Tierwohl

Die Bund-Länder-Konferenz fand unter dem Eindruck der über 1.500 Corona-Infektionen beim Fleischriesen Tönnies vor rund zwei Monaten statt. Der Skandal hatte einmal mehr die miesen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie deutlich gemacht.

Erst im Februar hatte die von Klöckner eingesetzte “Borchert-Kommission” zahlreiche Maßnahmen für mehr Tierwohl und eine Fleischabgabe gefordert. Die Agrarministerin handelte nicht. Doch nun lässt sich der Druck, etwas zu verändern, nicht mehr weglächeln.

Wir bleiben Teil davon – auch mit unserem Appell, den Du hier noch unterzeichnen kannst:

„Lasst die Sau raus!“

Unsere Fahrrad-Demonstration führte unter anderem am Deutschen Bauernverband vorbei. Der Verband macht Lobbyarbeit vor allem für die ganz großen Betriebe, in enger Abstimmung mit Fleischkonzernen und der Lebensmittelindustrie. Da läuteten die 750 Fahrradklingeln, bis die Daumen schmerzten. Sprechchöre forderten laut das Ende des Billigfleisch-Systems. Laut wurde es auch vor Julia Klöckners Amtssitz in der Wilhelmstraße. Und noch einmal, als die Radtour – spontan mit der Polizei vereinbart – direkt an der saarländischen Botschaft vorbei fuhr.

Aktionsbilanz

Wir freuen uns, dass so viele Menschen mit ihren Fahrrädern zur Demo gekommen sind. Die Berliner Polizei schickte extra ihre Fahrradstaffel, um unsere Demo zu begleiten. Alle Teilnehmenden hielten sich an die Corona-Schutzauflagen und die Fahrräder erleichterten es, Abstand voneinander zu halten. Heftige Wind-Böen machten das Begleiten des mit Helium gefüllten Schweins zwar fast zu einem Segeltörn – aber auch das haben wir gemeistert.

Am Ende des Tages votierten die Agrarminister*innen für mehr Tierwohl in deutschen Ställen. Noch vor der Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres sollen konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen. Doch Julia Klöckner kündigte erst einmal eine „Machbarkeitsstudie“ an. Bleibt zu hoffen, dass das klare Votum der Agrarminister*innen der Länder endlich etwas voranbringt.

Die geplanten Maßnahmen bedeuten nur einen kleinen Fortschritt für das Tierwohl, und noch lange keinen Stopp des Billigfleisch-Systems. Aber: Ohne die Agrarwende-Bewegung und Aktionen wie unsere Fahrraddemo hätte sich Frau Klöckner gar nicht erst in Bewegung gesetzt. Deshalb bleiben wir auch weiterhin am Ball – denn das lohnt sich!

6 Kommentare

  • von Heinz Eulentrop

    Würde jeder Verbraucher
    3 Monate lang kein Billigfleisch aus der Haltung 1 und 2 kaufen hätte sich das Ganze auch ohne unsere Lobbypolitiker erledigt.

  • von Hans-Joachim Hauschild

    Es gab mal eine Zeit da wurde nur Sonntags
    einen Braten auf getischt sonst wurden
    Eintöpfe und Aufläufe gegessen heute zu
    Tage kann man jeden Tag Fleisch einkaufen
    mit denn Preisen die man dafür bezahlt
    kann was nich stimmen wenn man nur 59
    Cent für ein Schweineschnitzel bezahlen mus
    es gibt nun auch Menschen die sich kein teures
    Fleisch leisten können.

  • von Bärbel Michehl

    Ich habe es mehrmals geschrieben.Einfach nicht mehr kaufen, dieses Billigfleisch aus den grauenvollen Massentierhaltungen. Also generell Fleisch mit dem Tierlabel 1 und 2 liegen lassen…auf keinen Fall kaufen.
    Wenn das jeder Kunde machen würde hätte sich automatisch einiges geändert.

  • von Mäuse Obst

    Hätte mir mehr Teilnehmer gewünscht.
    Aber es war gut und stürmig!

  • von Astrid Brecheisen

    Tolle Aktion!
    Hätte ich vorher davon gewusst, wäre ich mitgefahren. Wo kann man sich über weitere Aktionen informieren?

  • von Achim Urban

    Super Aktion!
    Macht bitte weiter so, denn „Wir haben es satt!“

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Veröffentlicht von Jutta Sundermann

Jutta Sundermann ist seit dem Abitur Vollzeitaktivistin. Sie gründete Attac in Deutschland mit und war acht Jahre im bundesweiten KoKreis des globalisierungskritischen Netzwerks aktiv. Außerdem entwickelte und begleitete sie Kampagnen mit Medico international und Aktion Agrar. Seit März 2019 ist sie bei Campact.