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Böses Blut

Um Blut spenden zu können, habe ich gelogen. Immer wieder. Das hat sich seltsam angefühlt. Falsch war es aber nicht. Davon bin ich überzeugt.

Blutspende-Verbot für schwule Männer – auf dem Bild ist eine Hand zu sehen, die während der Blutspende einen kleinen roten Ball zusammendrückt.
Blut ist Blut? Männer, die mit Männern Sex haben, werden bei der Blutspende in Deutschland immer noch diskriminiert. Foto: IMAGO

Ein kleiner Piks, 500 Milliliter Blut – Leben retten kann ziemlich einfach sein. Doch in meinem Fall war es illegal, streng genommen habe ich wohl das Delikt der Täuschung erfüllt. Ich studierte noch und vom Hörsaal war es nicht weit bis zur Uni-Medizin. Zugegeben, ich wusste beim ersten Mal gar nicht, dass schwule und bisexuelle Männer kein Blut spenden durften. Und als ich es erfahren habe? War ich erst irritiert, dann empört – und habe schließlich doch gespendet. Auch wenn das bedeutete, meine Sexualität im Fragebogen zu verheimlichen. Kein gutes Gefühl. Aber ich lebte in einer festen Beziehung und konnte nicht erkennen, warum mein Blut gefährlicher sein sollte als das meiner Freund*innen und Bekannten.

Heute weiß ich, dass schwule, bisexuelle und andere Männer, die Sex mit Männern haben, bis vor wenigen Jahren gar nicht Blut spenden durften. Ein Verbot aus den 1980er-Jahren, als die Angst vor Aids grassierte und Blutspenden tatsächlich mit dazu beigetragen haben, dass sich das Virus verbreiten konnte. Doch die Wurzeln liegen tiefer: Das rigorose Verbot war Ergebnis einer jahrzehntelangen Homosexuellenfeindlichkeit, die durch das Aufkommen von Aids zeitweilig absurde Züge annahm.

Der Umgang mit Aids und HIV änderte sich in den folgenden Jahren; Aufklärung und Forschung verdrängten Ängste und Vorurteile. Doch das absolute Blutspendeverbot blieb. Erst 2017 lockerten sich die Regeln ein wenig. Schwule und bisexuelle Männer durften nun – zumindest auf dem Papier – auch in Deutschland offiziell spenden. Doch die Sache hatte eine Haken: Sie mussten mindestens ein Jahr keinen Sex gehabt haben. Dabei war es egal, ob sie in einer Beziehung lebten oder nicht. Ein völlig realitätsferner Vorschlag also, der weiterhin einen kompletten Ausschluss bedeutete – sofern man nicht wie ich auf eine Notlüge zurückgreift.

Befürworter*innen eines rigorosen Ausschlusses argumentieren gerne damit, dass rund zwei Drittel aller HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern festgestellt werden. Der Grund ist aber eben nicht ihre Sexualität, sondern ihr individuelles Sexualverhalten. Und das kann – wie bei Heteros auch – eben risikoarm oder risikoreich sein.

Auf dem richtigen Weg – aber noch nicht am Ziel

Während der Corona-Krise wuchs der Druck weiter: Während deutschlandweit Blutkonserven knapp wurden, erschien es noch absurder, potentielle Spender weiter an der Blutspende zu hindern. Im September 2021 veröffentlichte die Bundesärztekammer dann endlich eine neue Richtlinie. Dieses Mal hatte sich tatsächlich etwas mehr getan: Wer in einer dauerhaften, monogamen Beziehung lebt, darf seitdem Blut spenden – und zwar unabhängig von der sexuellen Orientierung. Der de-facto-Ausschluss von Schwulen und Bisexuellen war damit vom Tisch. 

Alles gut also? Nicht ganz. Ein genauer Blick in die Bestimmungen zeigt: Männer, die mit Männern Sex haben, werden immer noch anders behandelt. So dürfen sie nicht spenden, wenn sie in einer neuen Partnerschaft sind oder in den letzten vier Monaten Sex mit einem Mann hatten, der nicht ihr fester Partner war. Für sie gelten also weiterhin andere Regeln als für heterosexuelle Männer (und Frauen). Hier braucht es schon „häufig wechselnde Partner/Partnerinnen”, bevor es zum Ausschluss kommt. Damit lebt – wenn auch in abgeschwächter Form – der Grundgedanke weiter, dass schwule Männer pauschal als Hochrisikogruppe einzustufen sind.

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Das kritisiert auch die Deutsche Aidshilfe. Sie hält die Ausschlussfrist von vier Monaten für zu lang und nicht ausreichend begründet – dank hochentwickelter Testverfahren lässt sich HIV weitaus früher ausschließen. Hinzu kommt, dass sich weiterhin die stigmatisierenden Begriffe „sexuelles Risikoverhalten“ und „Risikogruppen“ durch die Richtlinie ziehen. Das sei „ein weiterer Schlag ins Gesicht der betroffenen Gruppen”, die so nicht nur diskriminiert, sondern eben auch pauschal als Risikofall eingestuft werden.

So geht Blutspende ohne Diskriminierung

Aber was ist der richtige Weg? Ein tatsächlich diskriminierungsfreier Ansatz wäre, nur das persönliche Verhalten eines jeden Einzelnen als Grundlage zu nehmen – und nicht die sexuelle Orientierung. So könnten alle Spender*innen ganz unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung beantworten müssen, ob sie in den letzten Zeit ungeschützen Sex mit verschiedenen Partner*innen gehabt haben. 

Diskriminierung beim Blutspenden beenden! Jetzt WeAct-Petition unterzeichnen, damit schwule Männern Blut spenden können.

Diskriminierung beim Blutspenden beenden! Das fordert auch eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact. Unterzeichne hier.

Das ist ein Weg, den in Europa immer mehr Länder gehen. In England etwa werden schwule und bisexuelle Männer seit 2020 nicht mehr anders behandelt als andere Spender*innen, Frankreich und Litauen haben die Regeln in diesem Jahr geändert. Auch Spanien und Italien sind längst weiter als Deutschland.

Ob sich die Bundesärztekammer so schnell zu einer weiteren Reform der Richtlinie durchringen wird, ist unklar. Doch der Weg ist klar: Nur das individuelle Verhalten der potentiellen Spender*innen sollte darüber entscheiden, ob Menschen spenden dürfen – und nicht die Frage, wen sie lieben oder mit wem sie ins Bett gehen. Ich muss jetzt schon nicht mehr lügen, um zur Blutspende zugelassen zu werden. Das fühlt sich ziemlich gut an. Doch viele andere sind immer noch ausgeschlossen. Dabei wollen sie doch nur helfen.

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Autor*innen

Henrik Düker ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Bei Campact arbeitet er als Redakteur, im Blog beschäftigt er sich vor allem mit LGBTQIA+-Themen. Alle Beiträge

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