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Katar: Gerechtigkeit, ein Werbe-Gag?

Am 20. November startet die Fußball-WM in Katar. Im Vorfeld wurde viel über Menschenrechtsverletzungen gegenüber Arbeitsmigrant*innen diskutiert - aber die Berichterstattung lässt nach. Projekte wie die "Cards of Qatar" wollen da gegensteuern.

Das Foto zeigt eine Protestaktion vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Eine grauhaarige Person steht im Vordergrund und hat viele Geldscheine in der Hand. Auf ihrer Jacke ist ein Aufkleber, auf dem FIFA steht. Im Hintergrund ist eine Wäscheleine gespannt, auf der weiße T-Shirts hängen. Darauf stehen die Begriffe Diskriminierung, Justizwillkür und Zwangsarbeit.
Eine Protestaktion der Menschenrechtsorganisation Amnesty im Oktober vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen anhaltende Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern in dem Golfstaat Katar. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar hat Amnesty erneut die Menschenrechtslage in dem Golfstaat kritisiert. Foto: Christian Ditsch / IMAGO

„Ihre Hochzeit war eine Ausnahme“, berichten Journalist*innen über Lal Bing Tamang und seine Frau. Im ländlichen Nepal sind arrangierte Hochzeiten die Regel, aber die beiden heirateten aus Liebe. Sie konnten ein kleines Unternehmen gründen und ihren Söhnen ein Studium finanzieren. Doch ein herabstürzender Stahlträger auf einer Baustelle in Katar beendete 2013 Lal Bing Tamangs Leben. Knapp zwei Wochen vor dem Anpfiff der Herren-WM in Katar lese ich seine Geschichte auf der Webseite des berührenden Projekts „Cards of Qatar“. In Form von Sammelkarten, wie man sie eigentlich mit Fußballer*innen kennt, porträtieren das Fußballmagazins 11 Freunde und die Journalismus-Plattform Blankspot dort verstorbene Arbeiter*innen in Katar.

„Kommt nicht hierher. Ihr wisst nicht, wie es hier ist, und ihr wollt es auch nicht wissen“ – das sagte Bolumalla Gangadhar immer wieder zu seinem Sohn Kiran. Auch der Inder arbeitete in Katar. 2019 starb er an einem Herzinfarkt. Eine weitere Sammelkarte.

Ich klicke noch eine dritte an. „Er ist gestorben, während er für die Arbeit gefahren ist. (…) Ich hatte gehofft, dass sie die Familie von jemandem, der sein Leben für das Unternehmen gegeben hat, unterstützen würden. Aber bisher haben sie nichts gezahlt“, berichtet dort Maya Bayalkoti, Witwe eines weiteren Arbeiters aus Nepal.

Pay up, FIFA!

Gerechtigkeit für Menschen wie Lal Bing Tamang, Bolumalla Gangadhar und Bishnu Bahadur Bayalkoti. Entschädigung für ihre Familien und alle anderen Betroffenen. Das ist die Forderung von #PayUpFIFA, einem Bündnis von Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und Fan-Organisationen. Sie fordern Katar und die FIFA auf, mindestens 440 Millionen US-Dollar in einem Entschädigungsfonds zur Verfügung zu stellen. Die Petition kann auf der Webseite von Amnesty International unterschrieben werden. 440 Millionen Dollar – das entspricht den Preisgeldern der WM.

Einer repräsentativem Umfrage zufolge befürwortet die überwältigende Mehrheit der Befragten, dass die FIFA Einnahmen aus der Fußballweltmeisterschaft für die Entschädigung der Arbeitsmigrant*innen verwendet. Einnahmen, die es ohne die Arbeiter*innen schließlich auch nicht gäbe, die die Stadien bauten, Sicherheitsdienste leisten, Transporte erledigen und Hotelzimmer reinigen.

Unsere Autorin Lena Rohrbach arbeitet in Berlin für Amnesty International in Deutschland.

Doch noch letzte Woche lehnte Katar die Forderung nach einem Entschädigungsfonds öffentlich ab. Das sei ein reiner „Werbe-Gag“, sagte Katars Arbeitsminister Ali bin Samich Al Marri der Nachrichtenagentur AFP. Gerechtigkeit für Lal Bing Tamang, Bolumalla Gangadhar und Bishnu Bahadur Bayalkoti – ein „Werbegag“? Der Minister sagte weiter: „Es gibt keine Kriterien, um diese Fonds einzurichten. Wo sind die Opfer? Haben Sie die Namen der Opfer? Wie kommen Sie an diese Zahlen?“

Über Todesfälle wird bewusst hinweggeschaut

Als ich das las, ist mir erstmal die Spucke weggeblieben. Es stimmt, dass es kaum Informationen über die genauen Umstände der Todesfälle gibt. Aber wer ist denn, bitte schön, dafür verantwortlich, die Todesfälle untersuchen zu lassen, ihre Namen und Zahlen zu dokumentieren? Das ist natürlich die Regierung Katars – inklusive ihres Arbeitsministers. Doch die hat weggeschaut. Über 15.000 migrantische Arbeiter*innen sind in Katar seit der WM-Vergabe verstorben, aber über die Umstände ihres Todes wissen wir kaum etwas. Stattdessen wird regelmäßig eine nichtssagende Ursache wie „Herzstillstand“ auf den Totenschein geschrieben. War die Person schwer herzkrank und ihr Tod unvermeidlich? Oder war die zu harte, zu lange Arbeit in sengender Hitze tödlich? Bei einem arbeitsbedingten Todesfall würde den Angehörigen eine Entschädigung zustehen. Doch fast immer fehlen (in einem reichen Land mit hervorragend ausgebildeten Mediziner*innen!) diese Informationen – und das ist das Versagen der katarischen Regierung. Wegschauen und dann behaupten, man habe ja leider nicht genug gesehen: Damit dürfen wir Katar und die FIFA nicht durchkommen lassen.

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Auch die FIFA hat sich lange vor ihrer Verantwortung gedrückt. Meine Kollegin Katja Müller-Fahlbusch berichtet, die FIFA habe Amnesty gegenüber zugegeben, lange der Meinung gewesen zu sein, dass die Situation der Arbeiter*innen nur Angelegenheit Katars sei – und nicht auch ihre Verantwortung. Doch nach den UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte ist sie verpflichtet, negative Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf die Menschenrechte zu identifizieren, zu vermeiden und, wo sie bereits geschehen sind, für Wiedergutmachung zu sorgen. Dazu hat sich die FIFA in ihrer eigenen Menschenrechts-Policy 2017 auch ausdrücklich bekannt und sich selbst verpflichtet, „bei negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte (…) Wiedergutmachung zu leisten (…).“ Was wäre diese Selbstverpflichtung wert, wenn sie nicht mal im Falle Katars umgesetzt würde?

Eine WM ist ein Brennglas, das Menschenrechtsverletzungen für kurze Zeit in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt. Das ist eine Chance. Und eine Gefahr, denn wer wird noch hingucken, wenn die WM wieder vorbei ist? Die Fußballer fliegen nach Hause. Die Weltöffentlichkeit wendet sich ab. Doch die Toten sind immer noch tot, die Folgen von Zwangsarbeit, ausstehendem Lohn oder sexualisierter Gewalt bleiben.

Und in einem Jahr – alles vergessen?

Der ehemalige Profi-Spieler Neven Subotić hatte im Instagram-Talk mit meiner Kollegin Katja eine schöne Idee: Trage Dir eine Erinnerung im Handy oder Kalender ein. Heute in einem Jahr. Wie präsent ist die Situation der Arbeiter*innen noch? Weißt Du, was aus ihren Anliegen geworden ist? Berichten die Medien noch?

Tatsächlich hat Katar seit 2017 einige Reformen angestoßen, die zu spürbaren Verbesserungen für die zwei Millionen im Land arbeitenden Arbeitsmigrant*innen geführt haben – zum Beispiel die Einführung eines Mindestlohns. Doch die Reformen werden nicht effektiv genug umgesetzt. Oft gibt es keine Konsequenzen bei Verstößen. Weil die Bildung von Gewerkschaften nur Staatsangehörigen Katars, nicht aber migrantischen Arbeiter*innen erlaubt ist, haben diese oft wenig Möglichkeiten, sich für ihre Rechte einzusetzen. Juma, der an einem Flughafen arbeitet, berichtet: „Es gibt keine Möglichkeit, es anzufechten. Ja, wir kennen die Regeln und was das Arbeitsrecht sagt, aber wie kann man es anfechten? Man ist nicht in der Position, das zu tun.“

Es ist also wichtig, weiter genau hinzusehen. Die Menschenrechtsorganisationen, das können wir versprechen, werden bleiben und die weitere Umsetzung der Reformen genau beobachten. Auch nach dem Abpfiff.

Zum Abschluss ein paar Fußballmetaphern: Wir bleiben am Ball. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der Kampf um Gerechtigkeit hat gerade erst begonnen.

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Autor*innen

Lena Rohrbach ist Referentin für Menschenrechte im digitalen Zeitalter und Rüstungsexportkontrolle bei Amnesty International. Sie hat als Campaignerin für Campact und im Journalismus gearbeitet und war Sprecherin der Piratenpartei. Lena hat Philosophie, Kulturwissenschaft und Geschichte in Berlin und International Human Rights Law an der University of Nottingham studiert. Auf Twitter ist sie als @Arte_Povera unterwegs. Alle Beiträge

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