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Aus Fehlern lernen

Wir alle machen Fehler, kein Mensch kann immer richtig liegen. Doch wenn wir uns den Raum geben und an ihnen wachsen, ist ein wichtiger Schritt getan.

It‘s me, hi. I‘m the problem, it‘s me.

Taylor Swift

Es ist Sommer 2022, ein ungewöhnlich warmer Tag für deutsche Verhältnisse. Es ist sogar so warm, dass der schwarze Nagellack an meinen Zehen im Schuh schmilzt und sich an meiner Socke befestigt. Ich bin in der Altstadt auf einem feministischen Festival, die Sonne prallt auf uns, ich schütze mich im Schatten. Später werde ich auf dem Podium sitzen und mitdiskutieren. Das Thema: In Krisenzeiten die Hoffnung bewahren, Konflikte lösen.

Die Moderatorin hatte uns die Fragen im Voraus per Mail geschickt, eine davon war mir besonders wichtig: „Gab es einen konkreten Moment, in dem ein Konflikt um politische Themen innerhalb deiner Familie oder Community gut gelöst werden konnte?“ Ich dachte viel darüber nach und suchte eine Erinnerung, in der ich eine Person einer völlig anderen Meinung überzeugen konnte. Die Sache ist bloß: Ich diskutiere nicht wirklich mit Menschen, die „völlig andere“ Meinungen vertreten. Ich glaube nämlich, dass es in Bezug auf Ungerechtigkeit nur eine angemessene Meinung gibt, und zwar klar dagegen zu sein. Die Würde der Menschen ist nicht verhandelbar.

Verletzlich und angreifbar

Während dieses Nachdenkens und Suchens ist mir aufgefallen, dass ich einen einfachen Fehler machte. Ich suchte unbedingt einen Moment, in dem ich eine andere Person überzeugen konnte, anstatt eine Geschichte zu erzählen, in der ich mich von meinem Gegenüber überzeugen lies. Als mir diese Idee in den Sinn kam, wusste ich sofort, dass das für das Publikum greifbarer und für das Podium konstruktiver sein würde. Es gab allerdings ein kleines Problem: Ich hatte Sorge, mich verletzlich und angreifbar zu machen, also fragte ich eine Freundin nach ihrer Meinung. Sie fand die Idee wichtig und riet mir, es unbedingt so zu machen. Das wiederum hat mich ermutigt, vor dem Publikum die folgende Geschichte zu erzählen.

2020 wurde ich von einer Tageszeitung für eine regelmäßige Kolumne angefragt. Sie sollte von feministischen Themen handeln und einmal im Monat erscheinen. Sie sollte aber auch einen Namen haben, was nicht immer der Fall ist. Ich hatte in der Vergangenheit bereits darüber nachgedacht, wie ich eine Kolumne, die einen Namen haben sollte, nennen würde: „Scheide und Vorurteil“, notierte ich mir während der Erstellung eines früheren Konzeptes. „Scheide“ wegen misogyner Körperpolitik und gesellschaftlicher Feindseligkeit gegenüber bestimmten Intim- und Reproduktionsorganen; und „Vorurteil“ wegen der Geschlechterrollen, anlehnend an den Roman „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen.

Als die Zeitung die Kolumne mitsamt Kolumnennamen ankündigte, löste das nicht nur Neugier, sondern auch Kritik aus. Die konkrete Kritik konzentrierte sich auf „Scheide“, was mir überzogen und ungerechtfertigt erschien. Schließlich habe ich ja eine, dachte ich, und alleine das zu betonen könne niemandem wehtun. Die Reaktion spitzte sich allerdings zu, als ich nicht einsichtig wurde. Und irgendwann erreichte sie ein Ausmaß, mit dem ich nicht mehr umgehen konnte. Ich habe aufgehört, einzelne Argumente zu lesen und zu beantworten. Ich war überfordert, beleidigt und trotzig.

Und dann ging ich mit verschiedenen Menschen in den privaten Austausch. Hinter den Kulissen fragte ich sie nach ihrer Meinung und bat sie, mir beim Verstehen zu helfen. Ich konnte die Reaktionen teilweise nicht nachvollziehen, weil ich dachte: Ich rede nur über meinen Körper und meine Betroffenheit. Was ich allerdings nicht bedacht hatte war, welche Assoziation die Kombination „Scheide“ und „Feminismus“ für bestimmte Menschen hatte. Dass damit beispielsweise für trans Frauen enorme Gewalterfahrungen und Ausschlüsse verbunden waren. Während der Feminismus mit meinem Körper vielleicht nicht so ein großes Problem hat, nimmt er bestimmte andere Körper als Anlass, um Menschen aus feministischen Räumen und Diskursen auszuschließen und setzt sich sogar aktiv gegen ihre Gleichberechtigung ein. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich mit meinem Kolumnentitel eventuell zu diesen Ausschlüssen beitrage, und selbst wenn ich bei der Themenauswahl und in meiner Sprache inklusiver agiere, dieser Titel viele Menschen, die dieser bestimmten Art der Diskriminierung ausgesetzt werden, davon abhalten könnte, mir zu vertrauen.

Fehler nicht nur verstehen, sondern eingestehen

Dieser Prozess des Verstehens zog sich über mehrere Tage, wenn nicht über Wochen. Und er war nicht einfach, denn vor allem musste ich mich mit meinem Selbstbild auseinandersetzen. Ich dachte nämlich, dass ich bereits so viel verstanden und keine Belehrungen mehr nötig hatte. Dieses Selbstverständnis verhinderte mich am Anfang, die Kritik zu verstehen. Aber durch die Hilfe von wohlwollenden, begleitenden Freund*innen und nahestehenden Menschen, konnte ich meinen Fehler nicht nur verstehen, sondern auch eingestehen und den Schritt zur Behebung wagen. Ich sprach mit der Zeitung, dass ich mir den Titel anders überlegte, und schlug einen anderen Namen vor. Die Kolleg*innen reagierten verständnisvoll. Und ich lernte eben, dass man nie auslernt. Egal für wie cool sich ein Mensch selbst hält.

Es ist wichtig bei der Konsensfindung und Konfliktlösung zu verstehen, dass wir nicht jedes Mal in der Position sein können, unseren Gegenüber zu überzeugen, sondern unter Umständen auch mal uns selbst überzeugen lassen müssen. Dass ein Mensch unmöglich immer richtig liegen kann, egal wie viel er bereits weiß und versteht. Es gibt nämlich auch bestimmtes Wissen, über das wenn es um Ungerechtigkeit und Diskriminierung geht, vor allem Betroffene verfügen können. Wir sind nicht alle gleich, wir sind nicht gleichgestellt und selbst wenn wir in einer Nachbarschaft wohnen, können wir in unterschiedlichen Universen leben. Sich selbst den Raum zu geben, um darin zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, um aus den eigenen Fehlern zu lernen, um zur Diskriminierung anderer nicht beizutragen sondern solidarisch mit ihnen zu stehen, ist unverzichtbar.

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Autor*innen

Sibel Schick

Sibel Schick

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin, schreibt die Kolumne "In schlechter Gesellschaft" für die Tageszeitung "nd" und arbeitet als Social-Media-Redakteurin bei dem Leipziger Lokalmagazin "Kreuzer". Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie in jeder Ausgabe auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage.

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