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Leben retten auf zwei Rädern

Fahrradfahren hält sportlich und gesund. Doch es ist vor allem eine selbstlose Art der Fortbewegung, deren Nutzen für die Gesellschaft oft unterschätzt wird.

Das Foto zeigt einen Mann, der auf einem blauen Fahrrad sitzt. Er trägt eine helle Short-Hose, ein gelbes T-Shirt, einen Mofa-Helm und ein rotes Superhelden-Cape.
Bist Du ein Superheld, nur weil Du Fahrrad fährst? Foto: IMAGO

Hoch, runter, hoch, runter – die durchgestreckten Arme pressen immer wieder auf den Brustkorb. Dann plötzlich Stopp. Mund drückt auf Mund. Zwei kräftige Atemstöße. Und weiter: hoch, runter, hoch, runter… Reanimationen habe ich in Film und Fernsehen schon dutzende Male gesehen; meistens mit gutem Ausgang. Im echten Leben erinnern uns oft nur Blaulicht und Martinshorn des Rettungswagens daran, dass im realen Leben tatsächlich solche Szenen passieren. Täglich. Nur ohne Zuschauer.

Ich bewundere Menschen, die einen Beruf gewählt haben, bei dem es um Leben und Tod geht. Egal ob sie mit einem Rettungswagen durch die Stadt rasen, mit einem Schlauchboot durch meterhohe Wellen steuern oder sich im Gebirge von einem Hubschrauber abseilen lassen. Ich habe in meinem Leben schon mehrere Erste Hilfe-Kurse absolviert. Trotzdem hoffe ich, dass ich nie in die Situation komme, das dort Erlernte auch schnell und korrekt anwenden zu müssen. (Bei dem Gedanken daran möchte ich ganz schnell wieder einen Kurs buchen.)

Doch spätestens seit einem Nachrichtenbeitrag letzte Woche ist mir klar: Auch ich rette Leben. Jeden Tag – ohne großen Aufwand oder besondere Ausbildung. Alles was ich tun muss: auf mein Fahrrad steigen statt in ein Auto.

Weniger Autos = weniger Feinstaub

240.000 Menschen sind 2020 in der EU vorzeitig durch Feinstaubbelastung gestorben. Nahezu jeder Stadtmensch atmet mehr Feinstaub ein, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für zumutbar hält. Ein großer Teil davon stammt von PKW-Abgasen und dem Abrieb von Autoreifen – egal ob Diesel, Benziner oder E-Auto. Vor allem alte und kranke Menschen leiden unter Feinstaub, doch Autos sind für jeden gefährlich.

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Allein 2021 gab es in Deutschland über 300.000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden. 2.562 Menschen kamen dabei ums Leben – die meisten davon waren mit dem Auto unterwegs. Leidtragende von Autounfällen sind aber viel zu oft auch nahezu schutzlose Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen. Die Teilnahme am Straßenverkehr ist für sie immer mit einem Risiko verbunden.

Doch nicht nur für Stadtbewohner*innen und Verkehrsteilnehmer*innen ist Autoverkehr potentiell tödlich. Die gesamte Menschheit ist in Gefahr. Der Verkehrssektor ist das Sorgenkind beim CO2-Einsparen. Obwohl schon seit Jahrzehnten klar ist, dass wir den CO2-Ausstoß reduzieren müssen, sind die Emissionen des PKW-Verkehrs zwischen 1995 bis 2019 sogar noch angestiegen. 148 Millionen Tonnen CO2 und andere Treibhausgase sind 2021 laut Bundesumweltamt mehr ausgestoßen worden als noch 2020. Damit übersteigt der Verkehrssektor die im Klimaschutzgesetz festgelegte Höchstmenge – und stürzt uns weiter in die Klimakrise.

Das Fahrrad: Der universelle Problemlöser?

Wenn Christian Lindner und andere FDP-Politiker*innen argumentieren, ein Tempolimit würde für das Klima kaum etwas bringen und sei darum nicht verhältnismäßig, kann ich nur sagen: Sie haben den Ernst der Krise noch nicht verstanden. Jede eingesparte Tonne CO2 ist wichtig und notwendig. Und darum ist auch jeder nicht gefahrene Autokilometer wichtig.

Kann Fahrradfahren alle die genannten Probleme lösen? Natürlich nicht. Dafür ist vor allem der Stimmzettel bei der nächsten Wahl da. Doch kann ich einen Beitrag leisten, um das Leben für mich und meine Mitmenschen besser zu machen? Natürlich! Radwege sind nicht immer gut, manchmal braucht man etwas mehr Zeit für den Weg und hin und wieder regnet es auch in Deutschland. Aber was schlägt schon das Gefühl, Lebensretter*in zu sein!? Und am besten natürlich mit Helm – damit das eigene Leben möglichst nicht abrupt endet.

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Autor*innen

Matthias Flieder

Matthias Flieder

Matthias Flieder ist studierter Geisteswissenschaftler und seit 2017 Campaigner bei Campact. Nachdem er zuvor für Greenpeace hauptsächlich für Klima- und Umweltschutz aktiv war, versucht er jetzt in allen Politikfeldern progressive Politik voranzubringen. Für den Campact-Blog schreibt er über die Freuden und Leiden des Fahrradfahrens und die deutsche Verkehrspolitik.

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