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Heinrich XIII. Prinz Reuss: Der Adelswahn der Reichsbürgerszene

Der versuchte Staatsstreich der "Patriotischen Union" um Heinrich Reuss zeigt auch eines: die wahnhafte Beschäftigung der Reichsbürgerszene mit dem Adel. Lies hier mehr dazu.

Das Foto zeigt einer Person, die mit dem Rücken zu uns gewandt ist. Sie trägt einen roten Mantel mit weißem Fell am Kragen. Auf dem Kopf trägt die Person eine blech-farbene , schmale Krone.
Foto: Paweł Furman / Unsplash

Aus aktuellem Anlass erscheint in meiner Rubrik der „AfD-Notizen“ zunächst nicht der Teil 3 zur Sozialfeindlichkeit der AfD. In der letzten Woche sind 3.000 Sicherheitskräfte gegen das Reichsbürger-Netzwerk „Patriotische Union“ vorgegangen, welches „noch vor Weihnachten“ aktiv werden wollte. Als Oberhaupt des nach dem Staatsstreich errichteten Gebildes sollte der Aktivist Heinrich XIII. Prinz Reuss gekürt werden. Ich werde hier jetzt also in meiner Analyse zur Sozialfeindlichkeit der drei Strömungen der AfD, Propriertarismus (extremer „Neoliberalismus“), Antisäkularismus (christlicher Fundamentalismus/ Aristokratismus) und Faschismus, noch ein wenig beim zweiten Teil, dem antisäkulärem Netzwerk, bleiben. Höcke muss warten, ich verweile noch bei Storch.

Patriotische Union und Heinrich XIII. Prinz Reuss

Dankeswerterweise erschien im Campact-Blog zur Patriotischen Union ein Beitrag des Reichsbürger-Experten Andreas Speit, „Extremisten aus der Mitte“, auf den ich gerne verweisen möchte. Ich spare mir so die Ausführungen, was die Patriotische Union als Reichsbürgerorganisation vorhatte und kann konkret auf deren Adelswahn eingehen. Andreas Speit machte bereits darauf aufmerksam, dass „einer der größten Antiterroreinsätze in der Bundesrepublik sich gegen Personen aus der Mitte der Gesellschaft richtete – teilweise auch aus der vermeintlich besseren Gesellschaft.“ Von der „Mitte“ zu sprechen macht bei diesem Personal (Ex-Oberst, Richterin, „Prinz“, renommierter Chefkoch) weder sozialstrukturell noch politisch Sinn, denn es handelt sich um privilegierte Reaktionäre. Und die Besser’gestellten‘ sind nicht „die Mitte“, allerdings sind die herrschenden Gedanken oftmals die Gedanken der Herrschenden und so erscheinen die Privilegierten als Repräsentanz der Mitte.

Zum Adelswahn, auch der Medien

Verfolgt man die Berichterstattung zu den Festnahmen der Patriotischen Union, so fällt auf, dass plötzlich nicht mehr nur die Gala oder andere Regenbogenblätter von einem „Prinzen“ sprach, sondern die gesamte Medienlandschaft von der ZEIT bis Anne Will. Tatsächlich wurde der Adel aber in Folge der Novemberrevolution von 1918 in Deutschland abgeschafft. Was es gibt, ist ein deutsch-österreichisches Adelsmilieu, welches zum Teil mit eigenen Hausgesetzen für eine kommende Thronfolge ein wenig wahnhaft untereinander heiratet, um morganatische Ehen (Verunreinigung durch bürgerliches Blut) zu vermeiden.
Leider ist es aber eben nicht nur die Springer-Presse, die beispielsweise eine Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis als „Fürstin“ (Poschardt, Reichelt) betiteln. Von Regensburg bis Schleswig-Holstein werden noch immer Lokal-„Adelige“ mit Einfluss auf die Stadtpolitik entsprechend geframet.

Tatsächlich lebt ja ein Teil des Feudalismus im alltäglichen bürgerlichen Familismus weiter. Dies wird deutlich bei Familienunternehmen, welche vom Nachwuchs, zumeist den Söhnen geerbt werden, also ähnlich wie einst die Grafen und Barone die Ländereien vererbten. Und dies wird deutlich mit der bürgerlichen Vehemenz der Verteidigung eines selektiven Schulsystems, in dem bei gleichen Kompetenzen und Leistungen Zehnjährige aus privilegierten Elternhäusern mehr als dreimal so oft eine Gymnasial-Empfehlung durch Lehrkräfte erhalten als Zehnjährige aus der Arbeiter*innenklasse (Kinder von Arbeitslosen gar nicht erst eingerechnet). Dieser klassistische Familismus ist vom Grundgedanken eher feudalistisch als demokratisch und impliziert eine heimlich Neid-Bewunderung für den sogenannten „Adel“: Man wäre gerne Kalif anstelle des Kalifen.

Keine BRD GmbH, aber Monaco GmbH

Die Nichtanerkennung der Verfassung des deutschen Staates durch die verschiedenen Reichsbürger-Netzwerke wird mit dem Schlagwort der „BRD GmbH“ begründet. Deutsche Staatsbürger seien in Wirklichkeit nur das Personal eines Unternehmens BRD, darum heißt es ja auch „Personalausweis“. Interessanterweise streben diese Reichsbürger*innen aber etwas an, was viel eher die Zuschreibung „BRD GmbH“ verdient als die Bundesrepublik Deutschland.

Schauen wir uns echte Monarchien in Europa an, also Verfassungen, in denen Fürsten mehr zu sagen haben als parlamentarisch legitimierte Regierungen, so fallen Monaco und Liechtenstein ins Auge. Der Fürst von Liechtenstein trat zusammen mit dem Privatstadt-Unternehmer Titus Gebel während einer Tagung des Mises-Instituts auf und kündigte an, sein Fürstentum in den nächsten Jahren zu einem Dienstleistungsunternehmen umzuwandeln. Und schaut man sich das Fürstentum Monaco mit seiner dominierenden fürstlichen Unternehmen an, so macht es viel mehr Sinn, von einer Liechtenstein GmbH oder einer Monaco GmbH zu sprechen, weil hier die Grenzen zwischen Unternehmertum und Fürstentum viel eher verschwimmen als in der demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland (bei aller wichtigen Kritik am viel zu großen Einfluss der Kapitalinteressen). Die Übergänge zwischen Reichsbürger-Utopien und reinen Privatrechtsgesellschaften, die demokratisch verfasste Staaten komplett durch Privatunternehmen ersetzen sollen, sind fließend.

So fand die Privatstadtkonferenz „Liberty in our Lifetime“ von Titus Gebel im letzten Jahr im Modelhof in der Schweiz statt. Der Gastgeber Daniel Model erkennt die Schweiz als Staat nicht an und hat den Modelhof als Regierungssitz des Scheinstaates „Avalon“ aufgebaut. Zugleich war dies mindestens zwischen 2016 und 2018 der Sitz einer militanten Gruppierung aus dem Umfeld der „One People’s Public Trust“, die ähnlich wie die „Patriotische Union“ die europäischen Staaten nicht anerkannte. Allerdings haben die selbsternannten Sheriffs dieser Organisation tatsächlich bei einem Abgeordneten aus Österreich an der Haustür geklingelt, um diese abzuführen und vors Volksgericht zu stellen. Der erste Vortrag im Modelhof wurde vom dezidierten Demokratiefeind Hans-Hermann Hoppe gehalten, dem Vordenker der reinen Privatrechtsgesellschaften, der der Monarchie dem Vorzug vor der Demokratie gibt.
Wenn Staaten als Unternehmen gedacht werden und Unternehmen als Familienunternehmen, in denen der Sohn (notfalls die Tochter) das Unternehmen erbt, dann verschwimmen die Unterschiede zwischen Unternehmertum und Fürstentum. Diese Form von Neoliberalismus hat mit der Grundidee des Liberalismus nichts mehr gemein, hier wird der Neoliberalismus zum Neofeudalismus der demokratiefeindlichen Reichsbürger- und Privatstadtbewegung.

Heinrich XIII. und Benedict XVI.

In meinem letzten Beitrag bin ich auf die Verbindung des Ehepaares Sven und Beatrix von Storch mit dem katholisch-reaktionärem Aristokraten-Netzwerk „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) eingegangen. Sven von Storch, seine spätere Frau Beatrix Herzogin von Oldenburg und deren Cousin Paul Herzog von Oldenburg, hatten 1996 mit den „Studenten für den Rechtsstaat“ einen Verein gegründet, der sich dafür einsetze, die nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten Besitze des „Adels“ wieder vollständig zurück zu erhalten. 2004 gründeten die Storchs zusammen mit dem Vater von Beatrix von Storch, der in dem Jahr die Schirmherrschaft einer Tagung mit deutschen Antisemiten und Reichsbürgern in Petersburg hatte (bei einer Vereinigung, die die Oldenburger als Rechtsnachfolger des russischen Zarentums propagieren), die Zivile Koalition. Während einer Veranstaltung der Zivilen Koalition wurde erstmals öffentlich über die Gründung einer neuen Partei diskutiert, das Resultat haben wir mit der AfD vor uns. Im selben Jahr 2004 begann Paul Herzog von Oldenburg seine Karriere bei der TFP und koordiniert heute deren Interessen in Brüssel.
Interessanterweise gibt Paul von Oldenburg an, dass ihn der Gottesdienst in Form der „Alten Messe“, in der in lateinischer Sprache und mit dem Rücken zur Gemeinde gepredigt wird, zum begeisterten Anhänger des (Rechts)Katholizismus und dann der katholisch-aristokratischen TFP werden ließ.

Hier zeigen sich nun Parallelen zur Familie von Heinrich XIII. Prinz Reuss. Auch Prinz Reuss scheint sich im Begehren auf die enteigneten Fürstengüter radikalisiert zu haben. Dabei gab es sogar Entschädigungen, aber 3,5 Millionen Euro – eine Summe, von der Normalsterbliche nur träumen können – für die Familie scheint nicht gereicht zu haben. Er dachte, ihm stünde qua Geburt mehr zu.

Die Rolle der Kirche

Diese gefährliche aristokratische Denkweise scheint familienübergreifend zu sein. So ließ sich seine Nichte Benigna Prinzessin Reuss 2010 nicht mit einfachen Priester trauen, sondern es musste ein Kardinal sein. Und dieser überbrachte sogar ein Grußwort des Papstes Benedict. So etwas scheint bei den Päpsten üblich zu sein. Auch als die Cousine von Beatrix von Storch, Eilika von Oldenburg Georg Habsburg heiratete, sandte der Papst Johannes Paul II. seine Glückwünsche, obwohl es weder in Österreich noch in Deutschland einen Adel gibt und Eilika von Oldenburg nicht einmal katholisch war. Die katholische Kirche ist also an dieser Hybris, dieser Selbstüberschätzung bestimmter Teile des Adels, die sich für etwas Besseres halten, durchaus mitschuldig.

Schauen wir uns diese Heirat genauer an, so finden wir heraus, dass auch Benigna Prinzessin Reuss die „Alte Messe“ bevorzugte. Mit dem Rücken zur Gemeinde und der toten Sprache Latein ist dies nicht nur eine spirituelle Weltabgewandheit, sondern hier spiegelt sich auch die aristokratische Demokratie-Abgewandheit. Und dies um so deutlicher, wenn wir uns klar machen, dass der sie trauende Kardinal jener Darío Castrillón Hoyos gewesen ist. der unmittelbar dafür sorgte, dass Papst Benedict 2009 die Pius-Bruderschaft zurück in den Schoß der Katholischen Kirche holte – zusammen mit dem bekannten antifeministischen und verschwörungsideologischen Holocaust-Leugner Richard Williamson.

Kleiner Exkurs AfD und Pius-Bruderschaft

Williamson musste sich später vor einem deutschen Gericht wegen der Leugnung der Shoa verantworten und wurde vom späteren AfD-Europaabgeordneten Maximilian Krah verteidigt. Krah hatte zudem in Österreich und der Schweiz Organisationen angemeldet, die dazu führten, dass die Pius-Bruderschaft in Deutschland weniger Steuern zahlen musste. Krah ist nicht der einzige AfDler mit Nähe zur Pius-Bruderschaft. Auch der ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann, der wegen einer als antisemitisch gewerteten Rede aus der CDU ausgeschlossen wurde, erhielt einen Preis des Civitas-Instituts der Pius-Bruderschaft. Das Civitas-Institut hat sich mittlerweile aufgelöst mit der Begründung, dass sie fortan die Arbeit der „Demo für alle“, die mit der Trägerschaft von Beatrix und Sven von Storch gegründet wurde, unterstützen werden.

Fortsetzung: Heinrich XIII. und Benedict XVI.

In den Verhandlungen um den Wiedereintritt der Pius-Bruderschaft in die Katholische Kirche ging es zentral auch um die Predigt in der alten Form, die seit 1962 nicht mehr üblich ist. Um der Pius-Bruderschaft entgegenzukommen hatte Benedict XVI. 2007 und 2008 sogar die Karfreitagsfürbitte in ihrer antisemitischen Form leicht entschärft wieder zugelassen.
Im Mai 2009 meldete sich sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort und forderte öffentlich vom Papst Benedict XVI. eine Klarstellung hinsichtlich der von Kardinal Hoyos empfohlenen und Benedict XVI. durchgeführten Aufhebung der Exkommunikation von Richard Williamson. Aufgrund dieser öffentlichen Diskussion ist eine Heirat in Form der Alten Messe unter Kardinal Hoyos nichts anderes als ein politisches Statement.

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Dass dies kein einmaliger Ausrutscher war, kann man an der Unterzeichnung von Benigna Prinzessin Reuss 2015 unter das Papier „Eine ergebene Bitte“ an Papst Franziskus erkennen. „Eine sexuelle Revolution, die vom Zusammenschluss mächtiger Organisationen, politischer Kräfte und Medien vorangetrieben wird, bedroht die Existenz der Familien“, heißt es dort verschwörungsideologisch. Es wird davor gewarnt, Geschiedenen eine Wiederverheiratung zuzugestehen und gleichgeschlechtliche Ehen anzuerkennen. Dieser Brief ist vor allem von „Adligen“ unterschrieben worden und stammt aus dem Umfeld der dezidiert „konterrevolutionären“ TFP, jenem aristokratischen Netzwerk, welches Paul von Oldenburg in Brüssel koordiniert, und welches gesellschaftspolitisch das katholische Mittelalter unter Vorherrschaft von Adel und Kirche zurück will.
Wenn ich darauf hinweise, geht es mir nicht um eine „Kontaktschuld“ oder „Sippenhaftung“, weil die Nichte vom mutmaßlich rechtsterroristischen Reichsbürger Heinrich XIII. Prinz Reuss „einen Brief an den Papst“ schrieb, wie Don Alphonso für das Springerblatt „WELT“ schrieb. Sondern es geht mir um die Frage, in welcher Welt, in welchem geistigen Umfeld Heinrich XIII. Prinz Reuss lebt, die es ihm legitim erscheinen lässt, sich mit einem Staatsstreich zum Regenten von Deutschland putschen zu lassen.

Es ist wichtig, sich dieses radikalisierte Adelsmilieu genauer anzuschauen, es in seiner Gefährlichkeit ernst zu nehmen, statt mit im besten Fall ironischem Unterton von „dem Prinzen“ zu sprechen.

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Autor*innen

Andreas Kemper

Andreas Kemper

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Seine kritischen Analysen zu Klassismus/Neoliberalismus (klassismus.de), Rassenbiologie und organisiertem Antifeminismus (diskursatlas.de) führten bereits im Juli 2013 zu seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ zur AfD als Sammelbecken dieser Strömungen. Es handelte sich hierbei um die mit Abstand erste kritische Buchpublikation zur AfD. Kemper warnte hier nicht nur vor der Entstehung einer rechten Partei, sondern konnte auch als erster die Anschubfinanzierung durch die Finck-Gruppe genau bestimmen. Nicht zuletzt seine profunden Recherchen zu Björn Höcke (alias Landolf Ladig) führten zur Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz. Aktuell ist Kemper Mitherausgeber des 'Dishwasher-Magazins' für Arbeiter*innenkinder und recherchiert zu totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten.

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