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Mit Babybrei das Klima retten

Der Klimagipfel in Ägypten galt vielen als gescheitert, die Ampel schwächelt. Doch Rettung vor der Klimakrise naht an anderer Stelle: im Supermarkt. Immer mehr Hersteller werben mit klimafreundlichen Produkten. Lautet die Lösung also: Mehr shoppen, weniger protestieren?

Sind Babybrei, Volvic-Wasser oder Granini-Saft wirklich so klimafreundlich? Lies hier alles über die neuen Klimasiegel der Hersteller
Wie klimafreundlich ist Hipp-Babybrei wirklich? Foto: Imago

Was haben folgende Produkte miteinander gemein?

  • Volvic-Mineralwasser, in Einweg-Plastikflaschen verpackt und zu großen Teilen hunderte Kilometer per LKW aus Frankreich importiert,
  • Granini-Saft aus exotischen Früchten,
  • Milch vom Discounter Aldi,
  • Gustavo-Gusto-Pizza, belegt mit lecker Salami und Käse,
  • Hipp-Babybrei mit Rindfleisch.

Volvic, Granini, Babybrei – der große Klimaschwindel

Die ausführlichen Untersuchungen und Belege sowie noch viel mehr Beispiele findest Du im foodwatch-Report : „Der große Klimafake: Wie Konzerne uns mit Greenwashing täuschen und so die Klimakrise verschärfen“.

Was diese Produkte teilen? Sie retten das Klima. Zumindest, wenn man ihren Herstellern glaubt. Mit schönen Siegeln versprechen sie, diese Produkte seien „klimaneutral“. Oder sogar, wie bei Hipps Babybrei, „klimapositiv“. Man könnte meinen: Je mehr Rindfleisch-Brei ich in mich reinstopfe, desto besser geht es dem Klima. Ich ahne schon den 24-Stunden-Hipp-Marathon, bei dem Schauspieler:innen rund um die Uhr Rindfleisch-Brei fürs Klima futtern. Spätestens hier bin ich an einem Punkt, wo die Sache für mich – gelinde gesagt – unglaubwürdig wird.

Klimasiegel sind fragwürdig

Meine foodwatch-Kolleg:innen haben sich die Sache in den letzten Monaten genauer angeschaut. Sie haben die Versprechen der Hersteller untersucht, Siegel geprüft, Recherchen in Südamerika angestoßen. Herausgekommen ist ein Report, dessen Titel „Der große Klima-Fake“ schon sanft verrät, zu welchem Urteil wir kommen:

  1. Die meisten Hersteller investieren kaum in die Reduzierung ihres eigenen CO2-Ausstoßes. Hersteller schrauben sich nicht etwa massenhaft Solarpaneele aufs Dach, reduzieren ihren LKW-Verkehr. Stattdessen verrechnen Unternehmen ihren Treibhausgas-Ausstoß schlicht mit zwielichtigen Waldschutzprojekten in Südamerika – und fertig ist die Klima-Täuschung.
  2. Der Nutzen vieler Klimaschutzprojekte ist fragwürdig: Laut einer Studie des Öko-Instituts halten nur zwei Prozent der untersuchten Projekte ihre versprochene Klimaschutzwirkung „sehr wahrscheinlich“ ein. foodwatch-Recherchen zu Projekten in Peru und Uruguay belegen, dass selbst zertifizierte Projekte eklatante Mängel aufweisen.
  3. Trotzdem kann man viel Geld damit verdienen: Eins der „Klimaschutz“-Projekte, das Tambopata-Waldschutzprojekt in Peru, hat laut unseren Schätzungen mehr als 55 Millionen US-Dollar eingenommen. So kauften Rewe, dm und Wiesenhof sich mit diesem Projekt frei und rechneten sich „klimaneutral“. Insgesamt viel Geld – für heiße Luft.

Den das Projekt hält nicht, was es verspricht. Es basiert auf der Annahme, dass die im Projektgebiet ansässigen Paranuss-Bäuer:innen zu wenig Einnahmen erwirtschaften. Sie holzen den Regenwald daher für Weideflächen ab. Verdienten sie aber mehr am Paranussanbau, hätten die Bäuer:innen ein Interesse am Erhalt des Waldes. Paranüsse wachsen nur in intakten Wäldern. Das Projekt will die Bäuer:innen nun also sowohl finanziell als auch durch den Bau einer Paranuss-Aufbereitungsanlage unterstützen. Und sie sollen 30 Prozent der Erlöse aus dem Verkauf von Klima-Gutschriften erhalten.

foodwatch-Recherche zeigt: Entwaldung nimmt zu

Solche Klimaschutz-Versprechen zerrinnen also bei genauer Betrachtung. Und ich finde die Masche echt frech: Immer mehr Menschen sorgt die Klimakrise. Als in den letzten Jahren immer mehr Schüler:innen am Freitag nicht zur Schule gingen, trugen sie den Protest so nicht nur in Massen auf die Straße. Die Fridays for Future machten die Klimakrise auch zum Thema an den Esstischen ihrer Familien.

Fragen, Anmerkungen oder Feedback? Dann schreib uns gerne eine E-Mail an blog@campact.de!

Eine von uns in Auftrag gegebene Recherche zeigt aber: In den ersten zehn Projektjahren erhielten die Bäuer:innen gar kein Geld. Viele Projektmaßnahmen wurden in dieser Zeit nicht umgesetzt. Die versprochene Paranuss-Aufbereitungsanlage, Mehreinnahmen durch Bio- und FSC-Zertifizierungen: Fehlanzeige. Nach Projektbeginn hat die Entwaldung nicht ab-, sondern sogar zugenommen. Der Projektbetreiber argumentiert, dass ohne die Maßnahmen des Kompensationsprojekts noch mehr Wald zerstört worden wäre – doch woher wollen wir das eigentlich wissen?

Klimasiegel: Mit Angst Geld verdienen

Genau dort, auf diesen Tischen, stehen nun immer mehr Lebensmittel, die vorgeben, das Klima zu schützen. Mit Siegeln, die wenig mehr sind als ein Marketing-Gag. Mit der Angst vor der Klimakrise befeuern die Unternehmen nur ihr Geschäft. Was ist eigentlich schlimmer? Ein Unternehmen, das offen sagt: Klimaschutz ist für uns kein Thema? Oder eines, das so tut, als wäre das Problem schon gelöst, wenn man im Supermarkt nur zum richtigen – zufälligerweise: zu ihrem – Produkt greift.

Manchmal wird unsere Kritik missverstanden: Ob und wie viel Fleisch und Käse Verbrauchende essen, wie viel Flaschenwasser sie kaufen sollten, dazu sagen wir ja gar nichts (auch wenn klar ist: weniger!). Was wir kritisieren: Wir sollten dabei nur nicht so tun, als wäre das kein Problem fürs Klima.

Lebensmittelsektor verantwortlich für ein Drittel der deutschen Emissionen

foodwatch hat eine Petition an Danone gestartet. Fordere hier mit Deiner Unterschrift: Hört auf, LKW-Plastikflaschen-Wasser als klimaneutral zu bezeichnen!

Denn der Lebensmittelsektor ist für ein Drittel der Emissionen in Deutschland verantwortlich. Viele Verbrauchende glauben der irreführenden Werbung und halten den Inhalt ihres Einkaufskorbs für klimafreundlich. So stiehlt sich die Lebensmittelindustrie leise aus ihrer Klimaverantwortung. foodwatch fordert daher: Irreführende Klimawerbung muss verboten werden.

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Autor*innen

Chris Methmann

Chris Methmann

Dr. Chris Methmann ist Geschäftsführer von foodwatch Deutschland. Vorher hat er bei Campact Kampagnen geleitet. Als langjähriger Aktivist und Campaigner in der Klimabewegung streitet er für ein Ernährungssystem, das die Grenzen unseres Planeten endlich respektiert – und setzt sich dafür ein, dass nur ehrliches, gesundes und zukunftsfähiges Essen auf unseren Tellern landet.

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