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Özdemirs Ackergifte

Gegen Ackergifte sein, das ist Teil der grünen DNA. Schaut man sich aber an, was für Zeug ein Amt unter grüner Aufsicht allein im letzten Jahr auf deutsche Felder gelassen hat, kommen mir da doch Zweifel. Über die – freundlich formuliert – ausgelassenen Chancen eines grünen Agrarministers.

Ackergifte auf Deutschen Feldern: 150 neue Pestizide zugelassen
Gift auf unseren Feldern: Das BVL hat allein in diesem Jahr 150 neue Pestizid-Mittel zugelassen. Foto: PublicDomainPictures, Pixabay

Wer in meiner Generation in Deutschland aufgewachsen ist, hat – neben etlichen Ausgaben „Wetten, dass…?“ – die irgendwie vage, aber dennoch unerschütterliche Erkenntnis mitbekommen: Das mit dem Umweltschutz machen wir im Vergleich schon ganz gut. Wir trennen den Müll. Man sieht ja auch irre viele Windräder. Und kannst Du es glauben, bei mir um die Ecke hat schon wieder ein neuer Biomarkt aufgemacht.

Gerade in der Debatte über die Agrarwende klopft man sich gern mal wild auf die Schulter (häufig eher auf die eigene). So jüngst wieder der Bauernverbands-Präsident von Sachsen-Anhalt, Olaf Feuerborn, den ich in einer Diskussionsrunde traf. Der Einsatz von Ackergiften – von ihm liebevoll in „Pflanzenschutzmittel“ umgetauft – sei ja zurückgegangen. Nun muss man leider feststellen: Das ist falsch. Seit den 90er Jahren ist sogar mehr Gift auf die Äcker ausgebracht worden. Allen Beteuerungen zum Trotz. Irgendwie schlägt auch hier der Mythos zu: Alles werde doch – wenn auch zu langsam – irgendwie besser.

Pestizide schaden Mensch und Umwelt

Aber im Gegenteil: Die Zulassungen für viele ältere Pestizide, die schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, werden einfach immer wieder erneuert. Obwohl wir heute wissen, wie sehr die Stoffe Mensch und Umwelt schaden.

Dabei sehen die Gesetze vor: Läuft eine Zulassung aus, braucht es eine neue Sicherheitsprüfung. Nur fällt die oft aus – weil offenbar niemand Zeit oder Lust hat, die Stoffe nochmal neu zu bewerten. Die zuständige Behörde, die europäische EFSA, schafft das nicht. Und die EU winkt die Substanzen dann einfach mal ohne erneute Sicherheitsprüfung für weitere fünf oder auch zehn Jahre durch.

Die daraus hergestellten Pestizid-Mittel kommen auch in Deutschland auf den Markt, wie foodwatch-Recherchen zeigen. Unter den neu genehmigten Mitteln sind beispielsweise gleich mehrere Insektengifte mit dem Wirkstoff Deltamethrin. Der Stoff schädigt Nerven und gefährdet Bienen und Hummeln. Seit fast zehn Jahren hängt er in der „Dauerschleife“ für die Zulassung und wurde noch nie abschließend durch die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde bewertet. Dabei könnte der Wirkstoff ohne weiteres durch weniger toxische Alternativen ersetzt werden.

Dimethomorph: Gift auf unseren Feldern

Ein anderes Beispiel ist das nachgewiesen hochgefährliche Dimethomorph. Der Wirkstoff ist nach EU-Zulassungsrecht „nicht genehmigungsfähig“, die Zulassung wäre eigentlich am 31. Juli 2022 ausgelaufen. Trotz der bekannten Gefahren wurde ein neues Mittel mit Dimethomorph zugelassen. Dimethomorph wird nach wie vor in großen Mengen auf Feldern versprüht, allein im Jahr 2021 wurden 61 Tonnen in Deutschland verkauft.

Ackergifte: Agrarminister hätte Zulassung stoppen können

Das Frappierende dabei: Das alles hätte ein grüner Minister stoppen können. Denn das Zulassungsverfahren hat zwei Stufen. Die EU befindet über den Wirkstoff. Das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) muss dann die konkreten Produkte zulassen, meist eine Kombination verschiedener Wirkstoffe. Die Aufsicht über dieses Amt führt der grüne Cem Özdemir. Er könnte schlicht festlegen: In Deutschland kommt nur aufs Feld, was gründlich geprüft wurde. Wie in Dänemark: Dort ist nur rund die Hälfte aller Pestizid-Wirkstoffe zugelassen, die in Deutschland erlaubt sind.

150 neue Pestizide auf dem Markt

Doch Özdemir – inzwischen ja schon ein Jahr im Amt – lässt sein Ackergift-Amt offenbar gewähren. Das BVL hat allein in diesem Jahr 150 neue Pestizid-Mittel zugelassen – obwohl einige dieser Mittel riskante Wirkstoffe enthalten, bei denen teilweise seit Jahren die Sicherheitsüberprüfung auf EU-Ebene verschleppt wird.

Agrarminister Özdemir spricht gern über die Agrarwende. „Wir retten Bienen!“ So stand es 2021 noch dick und fett auf den grünen Wahlplakaten. Ich finde: Wer diesen Anspruch formuliert, der sollte spätestens jetzt auch Ernst machen und gefährliche Ackergifte vom Markt nehmen. Sonst wird das „Bienenretten“ zu einer weiteren Teildisziplin des ökologischen Schulterklopfens.

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Autor*innen

Chris Methmann

Chris Methmann

Dr. Chris Methmann ist Geschäftsführer von foodwatch Deutschland. Vorher hat er bei Campact Kampagnen geleitet. Als langjähriger Aktivist und Campaigner in der Klimabewegung streitet er für ein Ernährungssystem, das die Grenzen unseres Planeten endlich respektiert – und setzt sich dafür ein, dass nur ehrliches, gesundes und zukunftsfähiges Essen auf unseren Tellern landet.

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