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5 Fragen an … Sara Flieder, Aktivistin für Kinderrechte

Krank im Bett, auf dem Weg zur Kita oder im Urlaub: Influencer*innen verbreiten im Netz Bilder ihrer Kinder und machen damit Geld. Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, fordert Sara Flieder, dass Kinderrechte im Netz besser geschützt werden.

Kinderrechte im Netz schützen: Schon 50.000 Menschen haben Sara Flieders Petition unterzeichnet
Sara Flieder, Foto: Gina Kühn

Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre, auch und gerade im Netz – dafür streitet Sara Flieder mit ihrer Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact. Schon über 50.000 Menschen unterstützen ihre Petition. Wir haben Sara gefragt, wie Kinder im Internet besser geschützt werden können.

Sara, sehr viele Influencer*innen, die mit ihrem Account Geld verdienen, zeigen ihre Kinder. Häufig in privaten Situationen. Was genau ärgert Dich daran? 

Es gibt Influencerkinder, da kenne ich die gesamte Kindheit. Und nicht nur ich, sondern mit mir Hunderttausende, teilweise Millionen Follower. ES fängt an mit der Schwangerschaft, die sich schon super vermarkten lässt, geht weiter mit der Verkündung des Geschlechts und oft folgt das erste Bild schon direkt aus dem Kreißsaal.

Über 50.000 Menschen fordern: Kinderrechte auf Instagram wahren

Sara Flieder (rechts im Bild) überreicht ihre Petition vor dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an Ekin Deligöz.
Sara Flieder (rechts im Bild) überreicht ihre Petition vor dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an die Parlamentarische Staatssekretärin Ekin Deligöz. / Foto: Campact e.V.

Je kleiner die Kinder, desto besser lassen sie sich in Klickzahlen umwandeln. Deswegen schrecken viele Influencer*innen vor nichts zurück. Es gibt Roomtouren durchs Kinderzimmer, inklusive Blick in den Kleiderschrank und das Bett. Jedes Detail wird erzählt: Wie das Kind schläft, was es isst, was es gerne spielt, was es täglich trägt, wo und wann es im Urlaub ist, wann es krank ist und was es hat, wie anstrengend es gerade mit dem jeweiligen Kind ist. In letzter Zeit wird sogar vermehrt auf Accounts thematisiert, dass man sie am liebsten gar nicht bekommen hätte („Regretting Motherhood“), was sie aber nicht davor zurückschrecken lässt, sie für Werbung und Reichweite vor die Kamera zu zerren.

In vielen Fällen werden Kinder auch halbnackt oder sogar ganz nackt gezeigt. Solche Bilder landen vielfach im Darknet, auf Pädophilen-Plattformen.

Es gibt Videos, in denen Eltern ihre Kinder erschrecken und sie auslachen, wenn sie vor Angst weinen. Es gibt auch Accounts, die Millionen Follower haben und deren einziger Inhalt Videos sind, in denen Kinder sich – teilweise auch ernsthaft – verletzen. 

Wie sieht denn die Gesetzeslage bislang dazu aus?

Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre, auch und gerade im Netz. Bisher geschieht das Vorführen der Kinder zwar eigentlich nicht im rechtsfreien Raum, aber die Gesetze sind entweder nicht auf das Internet angepasst oder die Einhaltung wird überhaupt nicht kontrolliert. 

Recht am eigenen Bild

Die DSGVO etwa hat das Recht am eigenen Bild nochmal deutlich verschärft und in den UN Kinderrechtskonventionen heißt es in Artikel 16: 

„(1) Kein Kind darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung oder seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.

(2) Das Kind hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Außerdem gilt für Kinder ein generelles Beschäftigungsverbot mit engen Ausnahmeregelungen. Kinder von Influencer*innen sind aber nicht nur täglich Teil der Insta-Show, die die Influencer*innen ja selbst als Arbeit bezeichnen. Sie machen auch in den täglichen Werbespots mit. Und das IST Arbeit, wie es das Gesetz formuliert: „Eine Beschäftigung liegt vor, soweit das Kind eine Arbeit im wirtschaftlichen Sinne leistet. (…) So ist beispielsweise nicht in jedem Fall ein Arbeitsvertrag oder ein Entgelt für das Kind / den Jugendlichen selbst eine zwingende Voraussetzung.“

Aber niemand kontrolliert die Arbeitszeiten der Kinder im Internet – im Gegensatz dazu gibt es längst Gesetze, die Kinder, die etwa in Werbespots oder Filmen mitspielen, schützen. Unter drei Jahren dürfen sie gar nicht arbeiten und danach nur unter besonderen Bedingungen. Das Jugendamt muss zustimmen, die Schule muss informiert werden, ein*e Kinderärzt*in muss eine Stellungnahme abgeben. Nichts davon passiert bei der täglichen Werbeshow von Influencerkindern. Sobald Kinder in Pose gesetzt werden und einen beworbenen Schokoriegel essen oder ein Spiel spielen, müssen diese Regeln gelten, wie auch in anderen Medien. Idealerweise sollte es (wie in den USA gerade diskutiert wird) auch so sein, dass das Geld, das damit verdient wird, auf ein Treuhandkonto der Kinder gehen muss.

In Deiner Petition forderst Du, dass Kinder im Netz besser geschützt werden müssen. Was genau schlägst Du vor?

Ich habe versucht, meine Forderungen in einer Petition zusammenzufassen. Da geht es vor allem darum, zum einen die Privatsphäre der Kinder besser zu schützen, sie also nicht mehr halbnackt oder in entwürdigenden Situationen zu zeigen und vor allem keine privaten Details mehr preiszugeben. Ich denke, einiges lässt sich auch gar nicht explizit gesetzlich regeln, aber durch die Petition ist auf jeden Fall eine mediale Diskussion entstanden und somit viel mehr Bewusstsein dafür, was geht und was eben nicht. Zum anderen, und das macht es für Influencer*innen wirklich deutlich unattraktiver, ihre Kinder zu vermarkten: Kinder sollen nicht mehr für Werbung herhalten müssen. Es sei denn, es ist gesetzlich geregelt und kontrolliert wie bei öffentlichen Werbedrehs und Shootings. Da greifen dann die Absprachen mit Jugendamt, Schule und Kinderarzt sowie strenge Zeitvorgaben, die ich vorhin angesprochen habe.

Was User*innen auch selbst tun können: Folgt solchen Accounts nicht mehr, schreibt sie an, wenn sie Kinderrechte verletzen und kauft nichts von Accounts, die ihre Reichweite nur durch das Zeigen der Kinder bekommen haben. Man kann auch Firmen anschreiben, die mit solchen Influencer*innen zusammenarbeiten und sie darauf hinweisen. Ich glaube, da gibt es noch viel zu wenig Bewusstsein seitens der Firmen. 

Du gehst immer wieder sehr direkt auf Influencer*innen zu. Wie reagieren sie auf Deine Petition?

Das kann man kurz zusammenfassen: Blocken, löschen, ignorieren. Dafür, dass Influencer*innen ja immer wieder betonen, wie viel Arbeit das alles sei, finde ich so einen Umgang mit konstruktiver Kritik tatsächlich enorm unprofessionell. Wenn dann doch mal reagiert wird, dann kommen wirklich hanebüchene Argumente wie das, ich sei unfeministisch, weil ich Frauen kritisiere. Nun, ich kritisiere ja auch männliche Influencer, die sowas mit ihren Kindern machen und zum anderen darf man natürlich auch Frauen kritisieren, wenn diese etwa illegale oder ethisch fragwürdige Dinge tun. 

Starte Deine eigene Petition

Kinderrechte im Netz, giftige Pestizide oder kein Platz für Fahrräder: Es gibt viele gute Gründe, eine Petition zu starten. Du hast ein Thema, für das Du Dich mit einer Petition einsetzen möchtest, weißt aber nicht, wo und wie das gehen kann? Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, kannst Du selbst Politik bewegen.

Ein Argument gibt es aber, dass ich gerechtfertigt finde: Kinder gehören zur Gesellschaft und sollten auch auf Social Media stattfinden. Das sehe ich auch so, aber die Frage ist ja, wie. Und da bin ich wieder bei meinen Forderungen. Die beinhalten ja überhaupt nicht, keine Kinder mehr zu zeigen oder nicht mehr über familienpolitische Dinge zu reden. Im Gegenteil. Ich finde Sichtbarkeit richtig und wichtig, deswegen schreibe ich ja selbst darüber. Man kann auch über die Müdigkeit der Babyphase berichten, ohne jeden Tag auf die Minute genau das Schlafprotokoll des Kindes zu veröffentlichen. Man kann über Vereinbarkeit schreiben, ohne das Fieberthermometer des Kindes in die Kamera zu halten. Und ich glaube, ganz besonders wichtig und zugleich sensibel ist der Umgang mit (chronischen) Krankheiten, Behinderungen oder Verhaltensmerkmalen der Kinder. Aufklärung ist wichtig, ja. Aber wer möchte schon, dass zukünftige Partner*innen, Arbeitgeber*innen oder Vermieter*innen diese Infos finden können?

Sara, Du bist selbst Mutter von zwei Kindern. Zeigst Du Bilder Deiner Kinder auf Instagram?

Ich persönlich zeige meine Kinder gar nicht mehr, aber ich würde nicht sagen, dass das nun der goldene Weg ist. Man kann auch die Kinder zeigen und weiß trotzdem nichts Privates. Trotzdem bleibt auch hier immer das Risiko, dass die Bilder in falsche Hände geraten. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile einige Accounts, die die Kinder nur noch von hinten zeigen. Erkennen würde ich sie trotzdem auf der Straße. Und ich kenne eben ihre komplette Kindheit, oft besser als die meiner Freund*innen. Und im Zweifel bin ich oder andere, die das kritisieren, natürlich immer nur neidisch. Ich denke, sie sollten einfach später die Kinder fragen, wie die dazu stehen.

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Autor*innen

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