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Too hot to handle.tv – ist Trash-TV der neue Tatort?

„Temptation Island“, „Bachelor“ oder „Dschungelcamp“: Trash-TV boomt. Und macht Fernseh-Klassikern wie dem Tatort Konkurrenz. Nicht nur bei den Quoten, sondern auch in Sachen Bürgerlichkeit.

Eine Person sitzt auf einem Sofa, das Foto ist aus ihrer Perspektive aufgenommen, ihre Füße liegen auf einem Tisch. Sie schaut auf einen Fernseher, auf dem das Netflix-Logo zu sehen ist.
Ob Netflix, RTL oder Vox – Trash-TV ist aktuell enorm erfolgreich. Foto: Mollie Sivaram auf Unsplash

Realityshows und sogenannte Trash-Formate erleben in den letzten Jahren einen Boom wie nie zuvor. Ich bin schon lange keine Fernsehguckerin mehr, doch selbst an mir geht das nicht vorbei – wie wahrscheinlich an niemanden mit Internetzugang. Und nicht nur die Shows selbst sind unübersehbar, sondern auch eine ganze Industrie um sie herum. Gehe ich zum Beispiel in mein Fitnessstudio, laufen auf den Monitoren vorm Laufbahn Trailer der aktuellen Trash-TV-Formate in Dauerschleife. In der Umkleidekabine hängen die passenden Plakate neben dem Spiegel. Auf Instagram werden mir followerstarke Accounts von Realitystars vorgeschlagen, die unter dem Label eine Karriere aufgebaut haben. Passend dazu gibt’s auf Spotify ihre Podcasts. Auf YouTube hat sich ein eigenes Genre etabliert, in dem YouTuber aktuell laufende Trash-TV-Episoden kommentieren. Ein anderes Genre lebt von meist selbsternannten Expert:innen, die das vermeintliche und reale toxische Sozialverhalten der Teilnehmer:innen analysieren. In der Wissenschaft entstehen Bücher, auf Buzzfeed Rankings und in den Sozialen Medien Hate-Comments. Sprich, sogenanntes Trash-TV ist aktuell heiß besprochen und kulturell prägend.

Trash-TV boomt

So ist es gar nicht verwunderlich, dass regelmäßig neue Formate wie Pilze aus dem Boden schießen, und gleichzeitig alte wie der Trash-TV-O.G. „Bachelor“ mittlerweile in Deutschland in der 13. und in den USA in der 27. Staffel laufen. Auch Streaming-Plattformen wie Netflix können sich dem Boom nicht entziehen und produzieren fleißig eigene Reality-Formate. 2020 erschienen die Shows „Too hot to handle“, in der Singles mit idealisierten und chirurgisch getunten Körpern durch eine Art Läuterungsprozess gehen und unverbindlichem Sex widerstehen sollen, um auf diesem Weg die wahre Liebe zu finden. Unerwartet konservativ in seiner Bildsprache brachte Netflix im gleichen Jahr das neue Format „Love is blind“ heraus und landete damit einen weltweiten Hit. Die Dating-Show, in der Singles nur durch Gespräche und ohne den potenziellen Partner zu sehen die wahre Liebe finden sollen, trendete in der ersten Staffel auf Platz eins auf Netflix mit 1,5 Milliarden Zuschauer:innen in den ersten fünf Episoden. Auch wenn der tatsächliche Datingerfolg eher gering ist, ging die Show vor wenigen Wochen in die vierte Staffel.

Aber auch in Deutschland ist der Erfolg enorm. 2020 erreichte das Format „Temptation Island“ zum Staffelstart 1,59 Millionen Zuschauer:innen und erzielte damit einen Marktanteil von 9,5 Prozent. Im Vergleich dazu lag der Marktanteil beim „Tatort“ bei 16,3 Prozent. Die Trash-Königsdisziplin „Dschungelcamp“ verbuchte im aktuellen Staffelfinale im Januar 2023 etwa 4,49 Millionen Zuschauer:innen. Damit erreichte das Trash-TV-Urgestein am Ende seiner 16. Staffel mit 26,3 Prozent den größten Marktanteil im deutschen TV an diesem Sonntag. Ein klarer Sieg gegenüber dem in Deutschland quasi-religiös verehrten „Tatort“. Aber liegen Trash-TV und „Tatort“ wirklich so weit auseinander?

Im Tatort ist die Welt noch in Ordnung

Die kurze Antwort wäre ja! Während der Tatort – seit 1970 die langlebigste und beliebteste Krimiserie in Deutschland – sonntags die heile, bürgerliche Welt ins Wohnzimmer bringt, verstehen wir Trash-TV als eine Weiterführung des sogenannten „Unterschichten-TVs“. Also betont unbürgerliche Werte, in denen zum Teil stark stilisierte und chirurgisch überarbeitete Körper im Mittelpunkt stehen und sich alles entweder um Sex und Fremdgehen oder um absurde, außergewöhnliche Challenges dreht. Im Tatort hingegen ist die Welt noch in Ordnung. Klar, im Fokus steht ein großes Verbrechen, aber genau das wird am Ende gelöst und die Weltordnung ist wieder hergestellt. Dabei werden in mehr oder minder immer gleicher Form gut und böse verhandelt und konservative Lebensvorstellungen vermittelt.

Aber ist das wirklich so weit vom sogenannten Trash-TV? Wenn wir an US-amerikanische Formate wie „Too hot to handle“ und „Love is blind“ zurückdenken, geht es auch genau darum. Zwar präsentiert „Too hot to handle“ eben die Körper, für die Trash-TV so beliebt ist. Gleichzeitig unterstellt es den Kandidat:innen – vielleicht auch gerade wegen ihrer Körper– oberflächlich und promiskuitiv zu sein, klassische unbürgerliche und klassistische Zuschreibungen. Die Aufgabe der Teilnehmenden ist dann, eine Läuterung durch Verzicht auf jegliche sexuelle Handlung zu erfahren, um so zu wahren Werten zurückzufinden und mit der großen Liebe belohnt zu werden. Das Spiel mit dem Verzicht wird zur eigentlichen Show und die Ordnung der Welt scheint am Ende wieder hergestellt. Dem Konzept gegenüber war Fontanes „Effie Briest“-Roman ein literarisches Stück Ungehorsam.

Bürgerlich, konservativ, Trash-TV

Im internationalen Kassenschlager „Love is blind“ ist das Konzept, von vornherein auf jegliche körperliche Eindrücke zu verzichten. Hier gibt es nicht mal mehr die sündige Versuchung. Die Kandidat:innen lernen sich hinter getönten Scheiben und entlang heterosexueller Normen kennen. Sie dürfen sich weder sehen, noch berühren. Rein über Gespräche sollen sie sich innerhalb von Zweierpaaren ineinander verlieben. Gekrönt wird dieses Spiel damit, dass sie sich, ohne sich jemals gesehen und berührt zu haben, verloben. Am Ende der Show steht dann die Heirat im Kreis ihrer Familien und vor laufenden Kameras an. Wem das noch nicht konservativ-bürgerlich genug ist, findet sich in den Kommentarspalten auf Social Media wieder. Nachdem die erste Staffel sehr erfolgreich startete, bildeten sich schnell Publikums-Lieblinge und Magneten von Hatecomments heraus. Eine Kandidatin, die sich offensichtlich mit der Logik des Formats schwertat, war Jessica Batten. Zwar kritisierte sie die Spielregeln innerhalb der Show nicht, schaffte es aber auch nicht, sich dem Konzept innerhalb der Show richtig hinzugeben und schied ohne Heirat aus. Es gibt sicherlich viele Dinge, die sich an Battens Persönlichkeit in der Show psychologisieren und beurteilen lassen. Aber rechtfertigt die von ihr gezeigte Angst, sich in dem Format an die „blind“ ausgesuchte Person durch eine Heirat zu binden, wirklich den von ihr erfahrenen Gegenwind, die persönlichen Beleidigungen und die Ratschläge, sich doch besser umzubringen?

Alle Beiträge von Katharina Warda zu den Themen Klassenkampf und Klassismus findest Du hier.

Aber wie sieht es auf dem deutschen Markt aus? Hier geht’s doch ganz wild und trashig zu, oder? Ja, auf dem ersten Blick schon – und mit allen Stereotypen, die man so oft damit verbindet: Frauen mit vergrößerten Brüsten und aufgespritzten Lippen. Männer, die „sagen wie es ist“ und noch ganz Mann sind, muskulöse Brust, oben ohne und umringt von Frauen, die nur dafür da sind, sie zu verführen. Auch, wenn es sich um zum Teil um optisch stark stilisierte Personen handelt, verläuft das ähnlich wie bei „Too hot to handle“ ebenso stark an binären Geschlechtervorstellungen. Das zeigt sich zum Beispiel in den Spielen von Formaten wie „Are You the One“ und „Temptation Island“. Letzteres fällt immer wieder dadurch auf, dass sich die Männer, die getrennt von den Frauen untergebracht sind, als Tagesaufgabe betrinken und umringt von Frauen in Bikinis – den „Verführerinnen“ – eskalieren. Währenddessen bekommen ihre Frauen Aufgaben wie Rosenwasser herzustellen. Hier ist die Welt noch in Ordnung, genauso wie im Tatort, auch wenn sie anders aussieht. Und auch wenn man sich von der vermeintlichen „Stumpfsinnigkeit“ und Unbürgerlichkeit der Kandidat:innen weniger inspirieren lassen soll, sondern sich von ihnen ähnlich wie im sogenannten „Unterschichten-TV“ abgrenzen und sie als Witz wahrnehmen soll.

Einen deutlichen Normverstoß dagegen stellte 2021 die erste Staffel von „Princess Charming“ dar. In der lesbischen Datingshow waren nicht nur Frauen, sondern mit Kandidat:in Gea auch eine non-binäre Person vertreten. Besonders durch Gea und Kandidatin Wiki gab es vor der Kamera regelmäßig Gespräche über Geschlechteridentitäten jenseits der zweigeschlechtlichen Norm. Es folgten Auseinandersetzungen um „sexual consent“ und Beziehungsformen. Auch wenn es beim Gewinnerpärchen dann doch vornehmlich wieder um ganz bürgerlich-konservative Werte wie Ehe und Kinderkriegen ging, stellte die Show in ihrer präsentierten Vielfältigkeit ein Novum in sogenannten Trash-TV dar. Wie als Reaktion wurde das in der zweiten Staffel wieder behoben, non-binäre Personen wurden nicht gecastet, die Themenvielfalt eingestampft, die Weltordnung auch in der Repräsentation von LGBTIQ+ wieder hergestellt. Case closed, wie man im Tatort sagen würde.

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Autor*innen

Katharina Warda ist Soziologin und arbeitet als freie Autorin mit Schwerpunktthemen Ostdeutschland, marginalisierte Identitäten, Rassismus, Klassismus und Punk. Sie ist Beirätin und Jurymitglied verschiedener Projekte, unter anderem 2021 von "Kein Schlussstrich!" – einem bundesweiten Theaterprojekt zum NSU-Komplex, 2022 der Gedenkstätte Amthordurchgang in Gera. In ihrem Projekt Dunkeldeutschland erkundet sie die Nachwendezeit von den sozialen Rändern aus und beleuchtet blinde Flecken in der deutschen Geschichtsschreibung, basierend auf ihren eigenen Erfahrungen als Schwarze ostdeutsche Frau in der DDR und nach 1989/90. Alle Beiträge

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