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The kids are alright

In Deutschland gibt es immer mehr Regenbogenfamilien. Das ist gut so, findet unser Autor – schließlich lebt er selbst in einer.

Was sind eigentlich Regenbogenfamilien? Wie viele gibt es in Deutschland – und was macht es eigentlich mit den Kindern, wenn sie in einer queeren Familie aufwachsen?
Regenbogenfamilien kämpfen in Deutschland immer noch mit bürokratischen Hindernissen und rechtlichen Hürden, Foto: Karolina Grabowska

Drogentest, Langzeit-Alkoholmarker im Blut, psychologischer Check – mein Weg zur Familie war deutlich weniger romantisch oder lustvoll als bei den meisten meiner Hetero-Freunde. Der Grund: Mein Mann und ich wollten Pflegeeltern werden. Wir nehmen ein Kind auf, das in den ersten Monaten oder Jahren seines Lebens nicht wirklich viel Glück gehabt hat. Das soll es in Zukunft besser haben. Nachvollziehbar also, dass die neuen Eltern gründlich durchgecheckt werden.

Heute, zehn Jahre später, leben wir mit unseren beiden Söhnen als Pflege- und als Regenbogenfamilie in Hamburg. Der Aspekt „Pflegefamilie“ spielt in unserem Alltag kaum eine Rolle. Da sind andere Dinge wichtiger: das Gerangel um Fernsehzeiten, anstehende Klassenarbeiten, Verabredungen am Nachmittag, der Pizzabelag beim Abendessen oder die Frage, wann die Babysitterin das nächste Mal kommt. 

Papa, Papa, Kind

Die gängige Definition einer Regenbogenfamilie ist recht weit gefasst: Mindestens ein Elternteil ist lesbisch, schwul, bisexuell, trans- oder intergeschlechtlich. Das bringt ziemlich vielfältige Familienkonstellationen mit sich. Es gibt Paare mit Kindern aus einer heterosexuellen Lebensphase, Familien mit Kindern, die in eine Partnerschaft hineingeboren wurden und Familien, die Kinder aufgenommen haben, Einelternfamilien, Mehrelternfamilien oder Familien mit einem trans Elternteil. 

Henrik Düker ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Bei Campact arbeitet er als Redakteur, im Blog beschäftigt er sich vor allem mit LGBTQIA+-Themen.

Genaue Zahlen, wie viele Regenbogenfamilien es in Deutschland gibt oder wie viele Kinder in diesen Familien aufwachsen, gibt es nicht. Der Lesben- und Schwulenverband geht von mindestens 12.000 gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern aus. Dank rechtlicher Fortschritte, einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, mehr Sichtbarkeit und Neuerungen in der Reproduktionsmedizin werden es immer mehr. 

Regenbogenfamilien: Rechtlicher Handlungsbedarf

Gleichzeitig kämpfen Regenbogenfamilien in Deutschland immer noch mit bürokratischen Hindernissen und rechtlichen Hürden, die die „klassische“ Kernfamilie aus Mann, Frau und leiblichem Kind nicht betreffen. 

Zwar dürfen lesbische und schwule Paare seit der Öffnung der Ehe im Jahr 2017 Kinder adoptieren und sind damit heterosexuellen Familien rechtlich gleichgestellt. Gleichzeitig müssen lesbische Frauen, deren Partnerin das gemeinsame Kind geboren hat, immer noch den diskriminierenden Prozess der Stiefkindadoption durchlaufen – die Ampel ist jedoch an dem Thema dran. Zukünftig sollen zumindest bei verheirateten Frauen beide rechtliche Mütter des Kindes sein.

Lesbische Paare haben keinen Anspruch auf einen Zuschuss der gesetzlichen Krankenversicherung bei einer Kinderwunschbehandlung; manche Kliniken verweigern die Behandlung. Und auch ein gemeinsames Sorgerecht für mehr als zwei Eltern – die Mehrelternschaft – ist längst überfällig. Gerade für queere Familien ist das ein spannendes Thema, etwa wenn ein lesbisches Paar mit einem befreundeten schwulen Mann ein Kind zeugt.

Kann ein Aktionsplan das Leben von queeren Menschen erleichtern? Ideen hat die Bundesregierung auf jeden Fall genug – nun beginnt die Umsetzung:

Auf gesellschaftlicher Ebene bewegt sich hingegen vieles in die richtige Richtung. Deutschlandweit nimmt die Akzeptanz von Regenbogenfamilien kontinuierlich zu. Kinderbücher und Kinofilme werden vielfältiger; queere Charaktere sind nicht die Regel, aber auch nicht mehr die große Ausnahme wie noch vor einigen Jahren. In Schulen hingegen gibt es noch einigen Nachholbedarf, was die Repräsentanz von alternativen Familienformen und Lebensentwürfen angeht. 

Anders, aber gut

Manchmal werde ich gefragt, was uns als Regenbogenfamilien von anderen Familien unterscheidet. Spontan sage ich dann, dass es eigentlich keine großen Unterschiede gibt. Und eigentlich stimmt das auch. Wir sind eine Familie, zwei Erwachsene, zwei Kinder, leben zusammen, lachen, streiten, vertragen uns. 

Aber natürlich haben wir als Pflegefamilie mehr mit Ämtern und bürokratischen Hürden zu tun als die meisten anderen. Und dann gibt es eben auch das Kind in der Kita, das unserem Sohn sagt, ohne Mama seien wir keine richtige Familie. Den Vater, der nicht will, dass sein Kind uns besucht; die Blicke, wenn wir zu viert Hand in Hand durch die Stadt laufen. Doch das sind Einzelfälle – die meisten Menschen reagieren positiv auf uns und unsere Familienkonstellation.

Kinder aus Regenbogenfamilien sind toleranter

Für mich überwiegen die Vorteile. Unsere Kinder lernen von klein auf, was Vielfalt und Toleranz bedeutet. Sie sehen die unterschiedlichsten Lebensmodelle und merken, wie bunt die Welt ist – in ihrem Alltag ist die Familie aus Mann, Frau und Kind nur eine von vielen Möglichkeiten. 

Natürlich bekommen sie mit, dass ihre Familie etwas anders ist als die der anderen Kinder. Doch sie merken, dass dieses Anderssein sie nicht zu schlechteren Menschen macht. Sie wachsen mit einem feinen Gespür für Ungerechtigkeit auf – und können diese Sensibilität später hoffentlich richtig einsetzen. Selbst die eher konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb vor ein paar Wochen: „Kinder aus Regenbogenfamilien sind toleranter.“

Rollen neu definieren

An der Beziehung meines Mannes und mir merken unsere Söhne, dass familiäre Rollen nicht vordefiniert sein müssen, sondern verhandelbar sind. Da wir nicht durch Geburt oder Geschlecht auf bestimmte Aufgaben festgelegt sind, können und müssen wir viel diskutieren und gemeinsam entscheiden. Das prägt.

Ich finde meine Regenbogenfamilie großartig. Ob unsere Kinder das als Erwachsene bestätigen – wir werden es sehen. Aber ich habe da ein ziemlich gutes Gefühl.

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Autor*innen

Henrik Düker ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Bei Campact arbeitet er als Redakteur, im Blog beschäftigt er sich vor allem mit LGBTQIA+-Themen. Alle Beiträge

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