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Patriarchat muss weg, damit alle schön sind

Ich bin es satt, dass wir Frauen für Make-up und Schönheitseingriffe kritisieren. Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern das misogyne System.

Hände einer Kosmetikerin in weißen OP-Handschuhen spritzen Botox in die Stirn einer asiatischen Frau
Foto: IMAGO / Wavebreak Media Ltd

Pamela Anderson ging ohne Make-up zur Paris Fashion Week und Jamie Lee Curtis lobte sie dafür: Sie sei beeindruckt von diesem Akt der Courage und Rebellion, schrieb die 64-jährige Schauspielerin auf Instagram. Der Podcast „Feminist Shelfcontrol“ von Annika Brockschmidt und Rebekka Endler teilte diese Woche eine Reihe Storys, ebenso auf Instagram, über das Verhältnis zwischen evangelikalem Fundamentalismus und Make-up. Seit dem Erscheinen des neuen Buchs von Sophie Passmann wird sie wegen ihrer Aussagen zu Schönheitseingriffen kritisiert: Ist es Feminismus oder Antifeminismus, sich Gift aufs Gesicht spritzen zu lassen, diskutieren deutsche Journalist*innen. Außer bei dem Podcast „Feminist Shelfcontrol“, der sich dem Thema Schönheit aus einer systemkritischen Perspektive nähert, werden in diesen Artikeln bloß gewisse Verhaltensweisen von Frauen diskutiert. Schminke oder Schönheitseingriffe: Selbstermächtigung oder Einknicken vorm Patriarchat, lautet die Frage, um die sich die Debatte dreht. Und ich bin es einfach satt.

Kratzen an der Oberfläche

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Es hat selbstverständlich einen Mehrwert, sich mit menschlichem Verhalten zu beschäftigen. Zu verstehen, wieso Menschen machen und sagen und fühlen, was sie machen und sagen und fühlen, ist wichtig. Daraus ergeben sich nämlich Muster und wir können besser verstehen, analysieren, kategorisieren. Was dann im besten Fall folgt, ist, Probleme festzustellen und zu beseitigen. Bei der Debatte um Schönheit wird allerdings oft an der Oberfläche gekratzt. Die Analysen, die sich daraus ergeben, können daher nur lückenhaft sein. Was in der Schlussfolgerung bedeutet, dass es auch die Lösungsansätze sind.

Hässlich fühlen aufgrund des Systems

Menschen schminken sich aus verschiedenen Gründen. Manche wollen sich mehr schminken, manche weniger. Manche wollen, dass man sieht, dass sie sich geschminkt haben, andere wollen eher einen vermeintlich natürlichen Look. Manche wollen sich selbst schön und wohlfühlen, andere wollen anderen gefallen. Manche fühlen sich sogar sehr unwohl, wenn sie sich nicht schminken. Die Motivation hinter den Schönheitseingriffen können ebenso sehr vielfältig und unterschiedlich sein. Ein Mensch sollte und dürfte es sich niemals herausnehmen zu behaupten, dass sich mit der eigenen Schönheit zu beschäftigen un- oder antifeministisch sei. Denn die Tatsache, dass die Schönheit einen so großen Raum in unserem Leben und in unseren Köpfen einnimmt, ist ein politisches und strukturelles Problem. Deshalb dürfen nicht die Menschen, die sich schön fühlen möchten, verurteilt werden, sondern das System, das sie in erster Linie dazu bringt, sich hässlich zu fühlen.

Schönheitsideale der weißen Vorherrschaft sind globales Phänomen

Die Schönheitsideale können sich je nach Milieu und Region unterscheiden. Während der deutsche Mittelstand eher dezente Looks bevorzugt, können Arbeiter*innen-Communitys andere Styles schöner finden, die anderen als dekadent erscheinen könnten. Während blonde weiße Frauen insgesamt und allgemein als schön gelten, weil die globale Schönheitsnorm die weiße blonde Frau – beziehungsweise Barbie – ist, gelten für Frauen, die von Rassismus betroffen sind, ganz andere Regeln. In bestimmten Ländern sind schwerst chemische Hautcremes, die die Hautfarbe aufhellen, sehr beliebt. Das Schönheitsideal der weißen Vorherrschaft ist ein globales Phänomen und hat auch einen direkten Einfluss auf die Zahl der Schönheitsoperationen. Während es in bestimmten Kreisen völlig gängig sein kann, dass von cis Frauen erwartet wird, dass sie sich nicht schminken oder operieren lassen, können sie das genaue Gegenteil – dass sie sich schminken und operieren lassen – von trans Frauen erwarten.

Patriarchat muss weg

Die Schönheitsideale werden zwar überall, aber überall unterschiedlich durchgesetzt, wir alle sind auf die ein oder andere Art und Weise davon betroffen. Es ist unverzichtbar, dass wir uns mit dem Problem dahinter beschäftigen, und nicht mit dessen Schaufenster – das kapitalistische, rassistische, antisemitische, misogyne und transfeindliche Patriarchat muss weg und dafür brauchen wir Systemkritik und strukturelle Lösungen. Es bringt nichts, setzt Betroffene sogar zusätzlich unter Druck, sich an ihnen abzuarbeiten und das als feministisch zu bezeichnen. Und schließlich entfernen sich Menschen weiter vom Feminismus, und das, liebe Leute, ist nicht der Sinn der Sache.

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Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erscheint am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Kolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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