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Let’s talk about… Suizid

An Weihnachten sollen sich mehr Menschen das Leben nehmen als sonst – zum Glück wohl nur ein Mythos. Was dagegen stimmt: Queere Jugendliche weisen ein vergleichsweise erhöhtes Suizid-Risiko aus. Warum ist das so?

Rémi (Gustav De Waele, links) und Léo (Eden Dambrine) im Film "Close"
Im Film "Close" geht es um die sehr enge Freundschaft zwischen Rémi (Gustav De Waele, links) und Léo (Eden Dambrine), Foto: Pandora Film

Trigger-Warnung: In diesem Beitrag geht es um Mobbing und Suizid, außerdem wird der belgische Film „Close“ gespoilert.

Ich weine selten im Kino – aber dieses Mal kann ich nicht aufhören. In „Close“ von Lukas Dhondt geht es um die sehr enge Freundschaft von Léo und Rémit. Das Problem: Auf die Mitschüler*innen wirkt die Beziehung schwul – dass sie davon nichts halten, lassen sie die Jungs spüren. Léo hält das Mobbing nicht aus, er distanziert sich. Was dann passiert, erwischt mich völlig unvorbereitet: Rémi ist zutiefst getroffen und bringt sich um. Mit gerade einmal 13 Jahren.  

Fiktion, ja. Und doch unheimlich nah an der Realität. Anfang dieses Jahres hat sich im französischen Golbey der ebenfalls erst 13-jährige Jacob das Leben genommen. Der Grund: schwulenfeindliches Mobbing an seiner Schule.

Deutlich erhöhtes Risiko

Jacobs Schicksal ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Problems. Queere Jugendliche haben im Vergleich zu ihren gleichaltrigen heterosexuellen Altersgenoss*innen ein erhöhtes Risiko, einen Selbstmordversuch zu unternehmen.

Ein Team der Universität Mailand-Bicocca hat vor einigen Jahren 35 akademische Studien ausgewertet, an denen fast 2,5 Millionen Menschen zwischen zwölf und 20 Jahren aus zehn verschiedenen Ländern teilgenommen haben. Das Ergebnis: Das Suizidrisiko liegt bei jungen queeren Menschen vier- bis sechsmal höher. Am meisten gefährdet sind Transpersonen, gefolgt von Bi- und dann Homosexuellen.

Die erhöhte Anzahl an Suizidversuchen lässt sich dabei nicht direkt auf sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zurückführen. Es sind andere Dinge, die die Jugendlichen zu dieser Verzweiflungstat treiben: eine feindlich eingestellte Umgebung, fehlende Akzeptanz in der Familie sowie Schikane und Mobbing in der Schule.

Tödliches Mobbing

Das ist auch bei uns ein großes Problem. 48 Prozent der queeren Jugendlichen haben in einer Befragung angegeben, sie seien in ihrer Schulzeit gemobbt worden. Fast genauso erschrecken: 46 Prozent sagen, sie hätten während ihrer Schulzeit nie erlebt, dass sie jemand unterstützt oder verteidigt hätte.

Im Unterricht sind gleichgeschlechtliche Lebensweisen oder Transsexualität überwiegend kein Thema, es dominiert die heterosexuelle Perspektive. Dabei sitzt – rein statistisch betrachtet – in jeder Klasse eine queere Person. Hinzu kommt: Auch Schüler*innen und Lehrkräfte, die sich solidarisch zeigen, können von Homo- und Transfeindlichkeit betroffen sein. Oder Kinder und Jugendliche, die in einer Regenbogenfamilie aufwachsen.

Was es deshalb braucht, ist mehr Unterstützung für queere Jugendliche: einen besseren Zugang zu psychologischer Beratung und verstärkte Anstrengungen, Homophobie, Transphobie und Diskriminierung in der Schule zu bekämpfen.

Schule der Vielfalt

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Falls Du darüber nachdenken solltest, Dir das Leben zu nehmen, suche Dir bitte sofort Hilfe. Hier findest Du rund um die Uhr Ansprechpartner*innen:

Wie das aussehen kann? So wie am Gymnasium bei mir um die Ecke; dort weht im Pride-Monat die Regenbogenflagge, gut sichtbar auf dem Turm der Schule. Das ist erstmal nur eine Geste – die queeren Schüler*innen aber signalisiert: Wir sehen Euch und stehen an Eurer Seite. 

Oder wie in der „Schule der Vielfalt“.  Das Antidiskriminierungsnetzwerk unterstützt bundesweit Schulen, die sich gegen Homophobie engagieren wollen – und sorgt so für mehr Diversität und Akzeptanz im Klassenzimmer.

Doch diese Dinge passieren auf freiwilliger Basis. Damit sich in der Schule wirklich etwas ändert, braucht es geschulte Lehrkräfte, die homo- und transphobes Mobbing erkennen und einschreiten. Außerdem den Willen, das Thema in verschiedenen Fächern sichtbar zu machen, und zwar nicht nur am Rande im Sexualkundeunterricht. Schon klar: Der Ruf, die Schule soll es richten, kommt oft. Aber wenn es einen Ort gibt, an dem sich frühzeitig und umfassend aufklären und Akzeptanz schaffen lässt, dann hier, im wichtigsten sozialen Umfeld für Kinder und Jugendliche. In diesem Fall kann es sogar Leben retten.

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Autor*innen

Henrik Düker ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Bei Campact arbeitet er als Redakteur, im Blog beschäftigt er sich vor allem mit LGBTQIA+-Themen. Alle Beiträge

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