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Wenn eine Gewerkschaft das Land lahmlegt

Egal ob Lokführer*innen oder Pilot*innen – wenn diese Berufsgruppen streiken, ist ein Verkehrschaos vorprogrammiert. Warum relativ wenige Menschen so viel Einfluss nehmen können, liegt an Gewerkschaften.

Das Foto zeigt zwei leere Bahnschienen, die vom Betrachter weg in den Horizont führen.
Kein Zug weit und breit: Wenn eine Gewerkschaft den Zugverkehr lahm legt, geht gar nichts mehr. Foto: MaxMustermann1 / Pixabay

Wie ein Damoklesschwert hängt er über uns: der nächste Bahnstreik. Erst letzte Woche ging drei Tage lang fast gar nichts bei der Deutschen Bahn. Tausende Menschen mussten ihre Reisen absagen, verschieben oder das Verkehrsmittel wechseln. Ging das alles nicht, blieb nur noch die Hoffnung auf den sogenannten Notfahrplan der Bahn.

Trotzdem kann jederzeit die nächste Streikankündigung kommen, weil die Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer (GDL) mit dem Verlauf der Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag unzufrieden ist. Menschen, die auf die Bahn angewiesen sind, nervt diese Ungewissheit natürlich – zumal sie ja dazu kommt zu der ohnehin schon vorhandenen Ungewissheit, ob Züge überhaupt (pünktlich) fahren oder nicht. Der Frust ist verständlich, doch dass wir Gewerkschaften haben, die streiken können, ist ein hohes Gut.

Matthias Flieder ist studierter Geisteswissenschaftler und Campact-Campaigner. Im Blog schreibt er zum Thema Verkehr. Lies hier alle seine Beiträge.

Rolle der Gewerkschaft

1848 wurde die erste Gewerkschaft auf deutschem Boden gegründet, 1873 gab es den ersten Tarifvertrag. Heute ist das Beschäftigungsverhältnis für 41 Prozent der Arbeitnehmer*innen in Deutschland durch einen Tarifvertrag geregelt. 

Gewerkschaften vertreten die Interessen ihrer Mitglieder und versuchen, die Arbeitsbedingungen für diese zu verbessern. Außerdem sind sie dafür zuständig, Tarifverträge auszuhandeln und somit für faire Löhne zu sorgen. Gerade in Zeiten von hoher Inflation ist das enorm wichtig. Zeigen sich die Arbeitgeber*innen wenig oder gar nicht verhandlungsbereit, haben die Gewerkschaften das Recht, zum Streik aufzurufen. Das ist das stärkste Mittel, um Druck auf die Arbeitgeber*innen aufzubauen, denn jeder Streiktag schadet den Unternehmen – wie sehr, hängt auch von der Branche ab. 

Gerade im Verkehrsbereich ist die Macht der Gewerkschaften besonders groß. Relativ kleine Gruppen wie Lokführer*innen, Pilot*innen, Fluglots*innen oder Vorfeldlots*innen können durch Arbeitsniederlegungen die Mobilität in Deutschland stark beeinträchtigen und haben damit eine große Macht, wie die jüngsten GDL-Proteste anschaulich zeigen.

Aktuelle Bahnstreiks

Bereits im Herbst 2023 rief die GDL zum Streik auf. Sie forderte von der Deutschen Bahn eine Senkung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden, eine Lohnerhöhung von 555 Euro, eine Erhöhung der betrieblichen Altersvorsorge auf fünf Prozent und eine Inflationsausgleichsprämie von 3000 Euro. Die Bahn hält das für unerfüllbar, da sie dann mehr Lokführer*innen einstellen müsste – und das bei dem angespannten Arbeitsmarkt. Allerdings würden bessere Arbeitsbedingungen die Suche mit Sicherheit erleichtern.

Nach zwei Warnstreiks im November und Dezember für je 24 Stunden fand vom 10. bis zum 12. Januar 2024 der erste längere Streik statt. Ein Ende der Streiks ist im Moment nicht absehbar. GDL-Chef Claus Weselsky drohte kürzlich erst damit, dass kommende Streiks „länger und härter“ werden würden. Während einige in den Medien dem scheidenden Gewerkschaftschef einen Ego-Trip vorwerfen, um sich selbst ein Denkmal zu setzen, stehen zumindest seine Gewerkschaftsmitglieder voll hinter ihm. Bei der Abstimmung über unbefristete Streiks stimmten 97 Prozent aller Teilnehmenden dafür.

Gerechtfertigt oder übertrieben?

In der Bevölkerung wird der Streik überwiegend kritisch gesehen: Die meisten in Deutschland haben kein Verständnis für den Streik. Das mag nicht nur mit den direkten Folgen für viele Menschen zu tun haben, die jetzt immerhin schon dreimal seit November mit den Streiks umgehen mussten. Sondern auch damit, dass viele andere Arbeitnehmer*innen nicht in Gewerkschaften organisiert sind und nicht diese Macht haben, eigene Anliegen durchzusetzen. 

Besonders im Gastgewerbe, bei Kunst, Unterhaltung und Erholung sowie der Land- und Forstwirtschaft ist der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung gering. Hier wäre mehr gewerkschaftliche Einflussnahme wünschenswert, um die Arbeitsbedingungen der Menschen in diesen Branchen zu verbessern. 

Die Lokführer profitieren von ihrer starken Gewerkschaft und der wichtigen Stellung, die sie in Deutschland haben. Es ist legitim und richtig, dass sie sich organisieren, um ihre Anliegen durchzusetzen. Die GDL sollte dabei nur nicht die Verantwortung gegenüber den Menschen in diesem Land aus dem Blick verlieren, die auf die Bahn als zuverlässiges Transportmittel angewiesen sind.

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Autor*innen

Matthias Flieder ist studierter Geisteswissenschaftler und seit 2017 Campaigner bei Campact. Nachdem er zuvor für Greenpeace hauptsächlich für Klima- und Umweltschutz aktiv war, versucht er jetzt in allen Politikfeldern progressive Politik voranzubringen. Für den Campact-Blog schreibt er über die Freuden und Leiden des Fahrradfahrens und die deutsche Verkehrspolitik. Alle Beiträge

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