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Wie geht’s weiter mit digitaler Nachhaltigkeit?

Wo liegen, nach der neuen KI-Verordnung, die größten Potenziale für digitale Nachhaltigkeit? In der Wirtschaft? Im EU-Parlament? Ein Computerwissenschaftler schlägt das Konzept Frugal Computing vor.

Eine Hand hält ein Smartphone in die Kamera. Auf dem Bildschirm sind zahlreiche KI-Apps zu sehen, wie ChatGPT, ChatAI und OpenChat.
Für ChatGPT-Erfinder Sam Altman birgt Künstliche Intelligenz große Vorteile für die Menschheit. Die zahlreichen Apps und Anwendungen verbrauchen allerdings auch viele Ressourcen wie Energie und Rohstoffe. Foto: IMAGO / Future Image

„Im Grunde genommen, muss die Maxime aller KI-Entwicklung eine Verantwortung für die Gesellschaft sein und auch für die planetaren Grenzen“, forderte Friederike Rohde vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in einem Fachgespräch für nachhaltige Entwicklung im Bundestag. Ihr Forschungskollege Kilian Vieth-Ditlmann von AlgorithmWatch hofft, dass die Prognosen von OpenAI-Chef Sam Altman diese Debatte wieder anheizen. Altman hatte am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos erklärt, dass der Energiehunger zukünftiger KI-Anwendungen nur durch den technischen Durchbruch der Kernfusion gestillt werden könne. Obwohl es 2022 einen respektablen Forschungserfolg auf dem Gebiet gab, ist die Kernfusion noch Jahrzehnte davon entfernt, einen Nutzen zu bringen. Im Grunde geht es hier laut Greenpeace um „stille“ Atomwaffenforschung.

Im März ist es in der EU gelungen, Aspekte der Nachhaltigkeit zumindest als Randnotiz in das weltweit erste Gesetz zur Regulierung von künstlicher Intelligenz, die neue EU-KI-Verordnung, hinein zu verhandeln. Aber nach wie vor fehlt ein Nachhaltigkeitskonzept für die Digitalisierung im Ganzen. Wo könnte das entstehen?

Was wird die KI-Verordnung bringen?

Das neue EU-Gesetz bringt eine kleine Handvoll Minimalanforderungen für den Einsatz von KI: Pflichten zur Dokumentation des Energie-Verbrauchs, freiwillige Verhaltenskodizes und im öffentlichen Bereich eine Technik-Folgenabschätzung. Für die Umsetzung ist das sogenannte KI-Büro zuständig. Das ist das neu geschaffene Europäische Amt für künstliche Intelligenz, das bei der Europäischen Kommission angesiedelt sein wird und die Anwendung der KI-Verordnung überwachen, beaufsichtigen und durchsetzen soll. Es bleibt abzuwarten, wie das Büro personell aufgestellt wird und welche Rolle Nachhaltigkeit spielen wird. Gut möglich, dass Klimaschutzfragen auf den übervollen Schreibtischen untergehen werden, auch weil sich die Lobby der KI-Industrie auf Urheberrecht, Datenrecht, Definitionsfragen und andere Bereiche der KI-Verordnung konzentrieren dürften – inklusive zu erwartender Rechtsstreits.

Die Umsetzung wird Jahre brauchen und Pflichten zur Dokumentation von Verbrauchsdaten sind noch lange keine Maßnahme, die Nachhaltigkeit verbessert, sondern lediglich die Vorarbeit. Wissen generieren ist richtig. Aber im Grunde wissen wir bereits jetzt genug über den Zustand unseres Planeten, um sofort handeln zu können. Spannend wird die Frage sein, ob und wie Klimaschutz-NGOs in die Arbeit des Büros einbezogen werden und wie stark der Lobby-Einfluss sein wird.

Was ist von der EU zu erwarten?

Der Theorie nach sollte demokratische Regulierung in Form von Gesetzgebung hier korrigieren – im Namen der Verantwortung für Gesellschaft und Planeten. Die Praxis sieht leider anders aus. In jüngster Zeit wurden wichtige Umwelt-Gesetz-Projekte in der EU blockiert, meist von der EU-Kommission und den Regierungen der Mitgliedsländer, verwässert oder ganz abgebrochen. David Zauner spricht von einer traurigen Rückwärtsrolle der EU bei der Umweltgesetzgebung. Ein EU-Gesetz mit Vorgaben für nachhaltige Digitalisierung wäre dringend notwendig, ist nicht absehbar und ist ohne Druck aus der Zivilgesellschaft überhaupt nicht denkbar.
Gleichzeitig gelingen der EU Schritte in die richtige Richtung, wie beim Recht auf Reparatur. Das soll dafür sorgen, dass elektronische Geräte länger genutzt werden können.

Für das Recht auf Reparatur hat auch das INKOTA-Netzwerk mit einer Petition auf WeAct gekämpft. Lies hier mehr dazu:

Die EU-Kommission, die Entwürfe für EU-Gesetze ausarbeitet, hatte sich im ersten Text der KI-Verordnung allerdings so gut wie keine Gedanken um Aspekte der Nachhaltigkeit gemacht – die Regierungen im Rat interessiert das Thema genauso wenig. Erst einige engagierte EU-Abgeordnete konnten im EU-Parlament rudimentäre Vorgaben hinein verhandeln. In Deutschland ist Europawahl am Sonntag, 9. Juni. Ein erwartetes Abrutschen noch weiter nach rechts droht der Klima- und Umweltpolitik die Luft abzudrehen.

Was bringt die Wirtschaft?

Bisher ist Maximierung die Maxime der Big-Tech-Digitalisierung: Mehr Geräte, mehr Rechenleistung, mehr Daten, mehr digitaler Konsum – mehr von allem. KI wird im Wesentlichen dort zum Einsatz kommen, wo es finanziell gewinnbringend ist. Das wird auch die Bedingung für Energieeffizienz sein. Auch Umweltschutzprojekte werden von der Technologie nachrangig profitieren, aber das wird im Großen und Ganzen keine Rolle spielen. In Zukunft wird es unterm Strich mehr Elektro-Müll und höheren Energiebedarf geben, wenn sich Geschäftsmodelle nicht ändern.

Unternehmerisches Eigeninteresse korrigiert nur wenig. Wer ein Rechenzentrum, eine Suchmaschine oder einen KI-Video-Generator betreibt will natürlich Stromkosten sparen und effizient rechnen, weil auch die Anschaffung und Miete von Hardware hohe Kosten verursacht. Wer Geräte produziert möchte dafür so wenige Rohstoffe wie möglich einkaufen. Nachhaltigkeit kann auch gut für das Image und damit geschäftsförderlich sein. Aber diese ökonomische Kosten-Nutzen-Maxime hat bisher weder die Auto-, Bau- oder Agrarindustrie, noch irgendeinen anderen Sektor, zu einer Technikentwicklung innerhalb der planetarischen Grenzen geführt, unter anderem, weil Klimaschäden nicht eingepreist werden. Unternehmen, die anders wirtschaften, bilden noch eine Nische und sind von dem Klimabewusstsein ihrer Kundschaft abhängig.

Frugal Computing zur Maxime?

Ich denke, der wichtigste Impuls für eine Maxime der nachhaltigen Digitalisierung geht aktuell von optimistisch vorausdenkenden Menschen in Wissenschaft und Aktivismus aus. Abgeleitet von technischen Möglichkeiten und Bedürfnissen einer digitalen Gesellschaft und von den faktischen Grenzen unseres Planeten, bieten Konzepte wie Permacomputing und Frugal Computing die besten Chancen auf funktionale digitale Vernetzung, die ökologisch nachhaltig ist. Die aktuelle Digitalpolitik hat hier nichts zu bieten.
Professor Wim Vanderbauwhede erklärt das Konzept so: Digitalisierung muss als beschränkte Ressource betrachtet werden. Das heißt, Rechenleistung und Geräte sollten nur genutzt werden, wenn nötig und sinnvoll und so effektiv wie möglich. Davon lassen sich Ideen für Geschäftsmodelle, Technikgestaltung und Gesetzgebung ableiten. So betrachtet, ist die neue KI-Verordnung äußerst rückständig – ohne utopisches Denken, würde das nicht einmal auffallen.

Meine Prognose ist, dass ökologische und ökonomische Zwänge so oder so für Veränderungen sorgen werden. Interessant wird sein, wie die neue EU-Kommission, das neue EU-Parlament und progressive Akteure in Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf diese Zwänge reagieren.

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Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik, und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

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