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Weltrettung durch Gentechnik? Bitte keine Märchen!

Neue Gentechniken versprechen widerstandsfähige, klimaangepasste Pflanzen erzeugen zu können und wollen dafür einen gesetzlichen Freifahrtschein. Dem widersprechen die Wissenschaft sowie ein Blick in die Praxis.

Kartoffelpflanzen wachsen in kleinen Plastikcontainern einem Reinraum im Institut für Biologie der Humboldt-Universität im Rahmen von Versuchen zum Vergleich von gentechnisch veränderten Pflanzen und nicht veränderten Pflanzen.
Kartoffelpflanzen wachsen in kleinen Plastikcontainern im Rahmen von Versuchen zum Vergleich von gentechnisch veränderten Pflanzen und nicht veränderten Pflanzen. Foto: IMAGO / photothek

Die Hürden für die Zulassung gentechnisch veränderten Saatguts sind hoch. Vor und begleitend zu einer Markteinführung solcher Sorten braucht es eine Risikoprüfung und -bewertung, Zulassungsverfahren, Kennzeichnungspflicht entlang der Wertschöpfungskette, Rückverfolgbarkeit, Monitoring und die strikte Trennung der gentechnisch veränderten Pflanzen von solchen ohne Gentechnik-Eingriffe.

Anne Neuber ist Kulturwissenschaftlerin mit landwirtschaftlicher Ausbildung. Sie engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) für eine zukunftsfähige Agrarpolitik und ist Teil der Geschäftsführung bei der AbL Mitteldeutschland.

Alles Unfug und sogar gefährlich ist das in den Augen einiger Saatgut-Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Politiker:innen. Denn sind wir nicht so viel weiter gekommen in der Entwicklung? Sind nicht neue Gentechnik-Verfahren wie CRISPR/Cas9 so präzise, effizient und billig, dass es all diese gesetzlichen Kontrollvorgaben gar nicht mehr braucht? Sind wir nicht angesichts des Klimawandels in einer derart gefährdeten Situation, dass wir die „Blitzevolution der Grünen Gentechnik“ versuchen müssen, um unsere Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten? Gefährden wir nicht die Zukunft der Menschheit, wenn wir nur auf die herkömmliche Pflanzenzüchtung vertrauen, die angesichts der schnellen Klimaveränderungen langsame 10 Jahre bis zur Entwicklung einer neuen Sorte braucht? Und ist es nicht einfach „gesellschaftliches Unbehagen“, dass uns davon abhält, die neuen Gentechniken zu nutzen?

EU-Parlament vor der Entscheidung

So lautet die Erzählung, welche wir spätestens seit dem Sommer 2023 verstärkt in den Medien präsentiert bekommen. Denn zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte die EU-Kommission einen Verordnungsentwurf, nach dem für Pflanzen einer so genannten Kategorie 1, in die kein artfremdes Genmaterial eingesetzt wird, fast keine der oben genannten Vorgaben mehr gelten würde. Diese Kategorie umfasste mehr als 90 Prozent der gentechnisch veränderten Pflanzen. Sie gelten dann zwar immer noch als Gentechnik, würden aber de facto nicht so behandelt.

Seither ringen das EU-Parlament und der EU-Agrarminister:innen-Rat um eine Positionierung zu diesem Vorschlag. Ebenso die Gesellschaften der verschiedenen EU-Länder. Denn es geht um viel: Sollte der Verordnungsentwurf so oder ähnlich angenommen werden, könnten die einzelnen EU-Mitgliedstaaten den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen nicht mehr eigenständig steuern.

Das Hintergrundwissen in der Gesellschaft dazu ist jedoch gering. Die Menschen kennen weder den Alltag der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion, noch die Funktionen und Wechselwirkungen von Genabschnitten oder überhaupt die grundlegenden (Über-) Lebensstrategien von Pflanzen. So einfach, wie die oben beschriebenen Fragen suggerieren, ist es nämlich nicht.

Kann Gentechnik Evolution ersetzen?

Was machen denn Pflanzen konkret, wenn sie sich an den Klimawandel anpassen? Eine Pflanze muss sowohl mit längeren Phasen der Trockenheit klarkommen als auch mit Nässe oder Starkregen. Um trockenheitstoleranter zu sein, könnte sie beispielsweise tiefer wurzeln oder mehr Feinwurzeln im Oberboden bilden. Sie könnte ihre Spaltöffnungen schneller schließen, um Verdunstung zu verhindern. Sie könnte ihre Schutzschicht auf den Blättern verstärken. Oder aber auch mehr Symbiosen mit anderen Bodenorganismen eingehen, um besser Nährstoffe oder in Kleinstbodenporen festgehaltenes Wasser zu lösen. All das in Abhängigkeit davon, wann die Trockenheit denn eigentlich auftritt. Ob kurz nach der Keimung, in der Blütephase oder beim Ausbilden der Früchte.

Und da will man jetzt ein einzelnes Gen identifizieren, das all diese Anpassungsstrategien abdeckt? Das wird einfach stillgelegt oder ergänzt, und dann ist die Pflanze fit für alles, was da kommen mag? Und wenn dann gar keine Trockenheit eintritt, sondern ein unerwarteter Starkregen? Wenn schon Trockenstress ein so komplexer Vorgang ist, wie soll dann die Veränderung eines einzelnen Gens noch für Staunässe Lösungen parat halten?

Gentechnisch veränderte Sorten oft schlechter

In der medialen Debatte wird oft so getan, als ob vor allem soziale und wirtschaftliche Fragen der Gentechnik-Debatte zu klären sind. Etwa die Frage von Patenten, die tatsächlich wesentlich für die Zukunft der herkömmlichen Züchtung und der Landwirtschaft ist. Unter den Tisch gekehrt wird aber, dass es grundlegende wissenschaftliche Zweifel an der Sicherheit von neuen Gentechnikverfahren gibt. Und daran, ob diese uns überhaupt ans Ziel bringen.

Trotz der gesetzlichen Vorgaben wird in der EU, vor allem aber auch in China und den USA ja an Gentechnik Sorten geforscht. In Feldversuchen hat sich ein trockenheitstoleranter Gentechnik-Mais von Monsanto aber als weniger ertragreich erwiesen als herkömmliche Züchtungen. In den USA wurde die Gentechnik-Kartoffel Innate mit vielerlei Versprechen auf den Markt gebracht. Unter anderem sollte sie sich beim Schälen und Transportieren nicht braun färben und resistent gegen Kraut- und Knollenfäule sein. 2018 veröffentlichte der maßgebliche Entwickler der Sorte, Dr. Caius Rommens, allerdings ein Buch, in dem er die Kartoffeln als „worst GMOs ever commercialised“ bezeichnete (dts: „schlechtester gentechnisch veränderter Organismus, der je auf den Markt gebracht wurde“). Darin warnt er vor unkalkulierbaren Wechselwirkungen mit dem Ökosystem und unerwünschten Nebenwirkungen für Verbraucher:innen.

Praxistests entlarven Versprechen

In Deutschland weist das Bundesamt für Naturschutz die diskutierte Gentechnik-Deregulierung als unwissenschaftlich zurück. Ebenso warnt die französische Behörde für Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit, Anses, dass mit neuen gentechnischen Verfahren erzeugte Pflanzen maßgebliche Risiken aufweisen können. Das Gutachten war von der französischen Regierung sechs Wochen lang unter Verschluss gehalten worden – genau in der Zeit, als wegweisende Abstimmungen auf EU-Ebene anstanden.

Bei den Versprechen der neuen Gentechniken handelt es sich leider um Märchen. Sie halten dem Praxistest nicht stand. Und die Debatte um Deregulierung lenkt uns davon ab, Geld und Ressourcen in wirklich versprechende Lösungsansätze zu stecken. Denn über allem steht die existenzielle Frage: Wie sichern wir unsere Ernährung unter den Herausforderungen des Klimawandels?

Sehr wahrscheinlich ist, dass die Lösung nicht darin liegt, mit einem Techno-Fix die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Sondern, dass gerade ein vielfältiger Genpool widerstands- und anpassungsfähige Pflanzen hervorbringt. Daran arbeitet die herkömmliche Kreuzungszüchtung, besonders die Züchtung von heterogenen Populationen. Dafür braucht es aber Geld und Aufmerksamkeit. Und beides ist gerade durch Gentechnik und Deregulierungsdebatten gebunden. Am Ende nützt das nur sehr wenigen Menschen: nämlich denen, die mit Gentechnik-Saatgut Geld verdienen wollen.

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Autor*innen

Anne Neuber setzt sich dafür ein, dass Menschen in der Landwirtschaft mit Freude und Zukunftsperspektive ihre Arbeit machen können. Derzeit leider eher Utopie als Realität. Sie hat Kulturwissenschaften studiert, eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht, schneidet hochstämmige Obstbäume und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) für eine zukunftsfähige Agrarpolitik. Sie sieht sich als Brückenbauerin zwischen Stadt und Land, Konvis und Ökos, Linken und Konservativen, Ostdeutschland und Berlin. Denn Spaltung bewirkt, dass immer die gewinnen, die wirklich nicht gewinnen sollten. Alle Beiträge

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