Demokratie Digitalisierung
„Digitaler Kolonialismus“ – Wer klickt und swiped, sollte dieses Buch lesen
In ihrem Buch „Digitaler Kolonialismus“ werfen Sven Hilbig und Ingo Dachwitz einen kritischen Blick auf internationale Tech-Strukturen und die Abhängigkeiten, die aus ihnen entstehen. Friedemann Ebelt hat mit den beiden Autoren gesprochen.

Symbolbild: IMAGO / CHROMORANGE
„Digitalisierung ist eine hellblaue Welt mit leuchtenden Objekten, aber ohne Lebewesen.“ Das wäre ein generisch passender Alt-Text für die Bilder, die ich sehe, wenn ich nach Digitalisierung suche. Das menschlichste in in diesen Bildern sind blasse Zeigefinger. Digitalisierung präsentiert sich aufgeklärt, modern und makellos. Aber so sind weder wir Menschen, noch unsere Digitalisierung.
Digitalisierung ist eine Janustechnologie, die gleichzeitig in die Zukunft und in die Vergangenheit führt. Eine Schöpfung, die wir genießen mit Schäden, die wir verdrängen. Die Abgründe des digitalen Voranschreitens sehen wir normalerweise nicht, weil Menschen in Tech-Konzernen, Marketing- und Designabteilungen, in Influencer-Agenturen, Parlamenten und Behörden die Schäden unseres Geschäfts ausgezeichnet überschminken. Und weil wir nutzenden Profiteure nicht nachfragen.
Ingo Dachwitz, Tech-Journalist und Kommunikationswissenschaftler, und Sven Hilbig, Experte für Handelspolitik und Digitalisierung, entfernen dieses Make-Up in ihrem neuen Buch „Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ (Leseprobe bei netzpolitik.org). In sieben Stationen leuchten sie die Abgründe der Digitalisierung aus und zeigen, wovon das Internet keine Bilder hat.
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Über die Macht von Digitalkonzernen wird viel diskutiert, über digitalen Kolonialismus kaum. Woran liegt das?
Sven Hilbig: Ein Grund ist, dass sich entwicklungspolitische Akteure noch heute kaum für die globalen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse hinter der Digitalisierung interessieren. Insbesondere die staatliche Entwicklungszusammenarbeit hat lange Zeit die digitale Transformation nur aus der Chancenperspektive betrachtet. Die vorherrschende Erzählung war, dass der Globale Süden mithilfe digitaler Technologien wie etwa Handybezahlsystemen ganze Entwicklungsstufen überspringen werde.
Dabei gesteht selbst die Weltbank, die die digitale Transformation in Afrika, Asien und Lateinamerika umfassend vorangetrieben hat, schon lange ein, dass diese Erwartungen überzogen waren. Mehr noch, laut ihrem Bericht ‚Digital Dividends‘ von 2016 kommen Vorteile digitaler Technologien auch im Globalen Süden in erster Linie den gut ausgebildeten und vernetzten Bevölkerungsgruppen zugute. Mit anderen Worten: Die Digitalisierung vertieft die Kluft zwischen den Eliten und den benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
Auf der anderen Seite schauen viele netzpolitische Organisationen aus Europa kaum über den europäischen Tellerrand hinaus. Sie setzen sich vornehmlich kritisch mit der Digitalpolitik in ihren Ländern, der EU und dominanten Tech-Konzernen aus den USA und mittlerweile auch aus China auseinander. Insgesamt beobachten wir leider seit längerem ein zunehmendes Desinteresse der europäischen Gesellschaften am Globalen Süden.
Anhand spannender Dokumente, Recherchen und mit Aussagen vieler interessanter Expert:innen zeigt ihr, wie Menschen im globalen Süden dafür bezahlen, dass andere ein bequemes Surferlebnis haben. Ihr beschäftigt euch mit der Ausbeutung von KI-Arbeiter:innen, der Daten-Goldgräberei, mit dem zerstörerischen Abbau von Rohstoffen, den repressiven Services von Big Tech für autoritäre Regime, dem Unterseekabel-Wettrennen um Afrika, mit digitaler Machtpolitik und der Rolle Europas. Gibt es etwas, dass ihr beim Schreiben des Buchs dazu gelernt habt?
Ingo Dachwitz: Wir hatten da durchaus unterschiedliche Lernkurven. Sven arbeitet ja schon seit vielen Jahren mit Partnern aus dem Globalen Süden an einer gerechteren Digitalisierung, mein Hauptfokus lag lange auf Europa und den USA. Für mich war zum Beispiel die Rohstoffthematik ziemlich neu, auch wenn das etwas peinlich ist. Da habe ich, wie so viele, vorher lieber nicht so genau hingeschaut. Viel gelernt habe ich auch von den Aktivist:innen und Forscher:innen, die sich schon lange gegen den digitalen Kolonialismus wehren.
Sven Hilbig: Neu für uns beide war das Ausmaß, in dem China im Globalen Süden, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, Telekommunikationsstruktur aufgebaut hat. Parallel zum Projekt Neue Seidenstraße baut China an einer digitalen Seidenstraße, verlegt etwa Unterseekabel und errichtet Rechenzentren und schafft so systematisch Abhängigkeiten. Etwa 40 Staaten sind inzwischen Teil der digitalen Seidenstraße. Chinas Regierung geht es dabei nicht nur darum die Konnektivität in den beteiligten Ländern zu verbessern. Xi Jinping machte schon 2015 deutlich, dieses Vorhaben diene ihm, eine neue digitale Weltordnung zu errichten.
Euer Buch hat mich wütend und demütig gemacht. Neben der Betroffenheit, die das Buch auslöst, hat es mir gleichzeitig wahnsinnige Freude bereitet, dutzenden engagierten und optimistischen Menschen zu begegnen, die für eine gerechte Digitalisierung kämpfen. Von welchen Reaktionen haben euch Leser:innen berichtet und wie geht ihr damit um, zu wissen, welche Abgründe allein in einem Smartphone stecken?
Ingo Dachwitz: Das erste Echo auf Lesungen und in der Presse war bisher sehr positiv. Wir wollen mit unserem Buch ja hinter die Heilserzählungen des digitalen Fortschritts schauen und ihnen die brutale Realität des digitalen Kolonialismus gegenüberstellen. Viele Menschen sind schockiert, wenn sie verstehen, wie stark die Digitalisierung auf kolonialen Ausbeutungsprozessen beruht. Aber wir erleben auch Ratlosigkeit angesichts der eigenen Verstrickungen in dieses System. Die Erkenntnis, dass wir in Europa nicht zu den Opfern des digitalen Kolonialismus gehören, sondern zu den Treibern und Profiteuren, müssen viele erstmal verarbeiten.
Sven Hilbig: In der Tat symbolisiert das Smartphone die eigene Verstrickung in den digitalen Kolonialismus am besten. Es steckt voll mit kritischen Rohstoffen und ist doch uns ständiger Begleiter. Weil es uns rund um die Uhr den Zugang zu all den Annehmlichkeiten der digitalen Welt ermöglicht. Es ist auch eines der wichtigsten Kommunikationsmittel mit Aktivist:innen im Globalen Süden. Viele Recherchen und Interviews für unser Buch erfolgten Online. Diese Ambivalenz thematisieren wir offen, auch wenn es dafür keine einfache Lösung gibt. Aber wir alle können und müssen dazu beitragen, dass die Ausbeutung durch Tech-Konzerne endet und der Globale Süden selbstbestimmt von der digitalen Transformation profitieren kann.
In Berlin haben 1884 vierzehn Kolonialstaaten auf der sogenannten „Kongo-Konferenz“ beschlossen, wie der afrikanische Kontinent, unter dem Deckmantel der Entwicklung, ausgebeutet wird – ohne eine afrikanische Delegation. Ihr zeigt Kontinuitäten bis zur heutigen Digitalpolitik. Was ist heute die Rolle von Berlin und Brüssel?
Sven Hilbig: Die Europäische Union spielt hier eine ambivalente Rolle. Angesichts der beiden digitalen Supermächte USA und China versucht sie, gleichzeitig die Rechte europäischer Bürger*innen und die Chancen europäischer Unternehmen zu stärken. Sie hat dafür eine ganze Reihe von Gesetzen erlassen, um das Agieren der Tech-Konzerne innerhalb Europas zu regulieren, wie etwa die DSGVO oder den Digital Services Act. Diese Gesetze gelten zwar nur innerhalb der EU, sie strahlen zum Teil aber auch über Europa hinaus. Zahlreiche Staaten Afrikas haben die DSGVO mittlerweile übernommen. Deswegen hat Brot für die Welt, gemeinsam mit fast 80 zivilgesellschaftlichen Akteuren, Anfang März in einem offenen Brief gefordert, dass Berlin und Brüssel sich dem Druck aus Washington nicht beugen, sondern ihre progressiven Gesetze gegenüber den großen Tech-Konzernen konsequent durchsetzen.
In der digitalen Außen- und Wirtschaftspolitik bietet sich hingegen ein ganz anderes Bild. Die EU spricht zwar gerne davon, dass sie einen sogenannten dritten Weg der Digitalisierung gehen will und betont, dass dies für Länder des Globalen Südens die deutlich attraktivere Variante darstelle. Bei der Implementierung zeigt die EU-Kommission jedoch ein anderes Gesicht. Mit dem Projekt Global Gateway kopiert die EU gerade Chinas digitale Seidenstraße und versucht, afrikanische Staaten mit Infrastrukturvorhaben an sich zu binden, während sie afrikanische Märkte für europäische Unternehmen öffnen will. Gleichzeitig setzt die EU in Rohstofffragen auf einen eindeutig neokolonialen Kurs, indem sie Deals mit Diktatoren schließt, um an Rohstoffe zu gelangen.
Was die Rolle Berlins betrifft, so können wir zunächst einmal feststellen, dass in Teilen der Bundesregierung das Bewusstsein für die negativen Folgen der Digitalisierung durchaus gewachsen ist. Das Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung beispielsweise, dass noch vor einigen Jahren fast ausschließlich die Chancen des digitalen Wandels in Partnerländern betonte, schlägt inzwischen einen deutlich kritischeren Ton an. Entwicklungsministerin Svenja Schulze spricht davon, dass Afrika unter einer Datenfremdherrschaft leidet. Eine von der Bundesregierung im April 2024 verabschiedete Strategie für Internationale Digitalpolitik enthält zahlreiche gute Ansätze.
Es bleibt aber abzuwarten, was davon in der Praxis umgesetzt wird. Der wahrscheinlich zukünftige Bundeskanzler Friedrich Merz hatte während des Wahlkampfes mehrmals betont, dass zukünftig in der Außenwirtschaftspolitik und auch in der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen Deutschlands im Vordergrund stehen sollen.
In seiner „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ klagte John Perry Barlow vor fast 30 Jahren über „zunehmend feindselige und koloniale Maßnahmen“ von westlichen Regierungen und versprach: „Wir werden eine Zivilisation des Geistes im Cyberspace schaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die eure Regierungen bisher geschaffen haben.“ Hat die machtkritische Tech-Community mehr die eigenen Freiheiten im Blick, als die Rechte anderer?
Ingo Dachwitz: Den Vorwurf kann man Teilen der Digital-Rights-Community auf jeden Fall machen. Wir haben zu lange gehofft, dass das Internet nahezu automatisch Freiheit und Gleichheit für alle bringen wird, ich will mich da gar nicht ausnehmen. Im Arabischen Frühling sah es ja sogar mal kurz so aus, als würde dieser Traum wahr werden. Aktivist:innen aus dem Globalen Süden haben allerdings damals schon darauf hingewiesen, wie eurozentrisch die Rede von „Facebook- oder Twitter-Revolutionen“ war. Ja, digitale Medien spielten eine Rolle für die Mobilisierung und Sichtbarkeit der Proteste, aber noch wichtiger waren teils schon lange bestehende und ganz analoge Netzwerke des Widerstands. Zugleich hat der Arabische Frühling auf Diktatoren wie ein Weckruf gewirkt. Seitdem rüsten sie ihre Regime technisch auf, gerne mit Repressions- und Überwachungswerkzeugen von Herstellern aus Europa, Israel, Nordamerika und China.
Allerdings ist das Problem der blinden Flecken nicht auf die Digitalisierung beschränkt. Der digitale Kolonialismus ist ja nichts grundlegend Neues, sondern eine Fortsetzung des im 20. Jahrhundert etablierten Neo-Kolonialismus mit anderen Werkzeugen. Der Kapitalismus basiert heute auf Ausbeutung von Menschen und Natur im Globalen Süden, egal ob es um unsere Kleidung, unsere Lebensmittel oder unsere Smartphones geht.
Gibt es heute eine aktive Bewegung für eine Befreiung der Digitalisierung von kolonialen Machtverhältnissen? Wer arbeitet wie und wo gegen die Fortführung der Kolonialisierung im digitalen Raum und welche Unterstützung wird gebraucht?
Sven Hilbig: Es gibt zahlreiche Ideen und Lösungsansätzen, wie sich die Gesellschaften des Globalen Südens dem digitalen Kolonialismus der Tech-Konzerne widersetzen können. Dazu zählen etwa der Aufbau eigener öffentlicher digitaler Infrastruktur und die Datenspeicherung vor Ort. Das Spektrum der Akteure, die sich für eine faire Digitalisierung und Alternativen einsetzen, ist auch breit aufgestellt und wächst ständig weiter. Es reicht von Aktivist:innen und Nichtregierungsorganisationen über soziale Bewegungen bis hin zu Wissenschaftler:innen und Regierungen.
Ein wichtiger Aspekt ist Datengerechtigkeit. Die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika wollen selbst entscheiden, welche Daten sie zur Verfügung stellen und wie diese genutzt werden. Via Campesina, die weltweit größte Bewegung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern – die gerade mitansehen muss, wie Bayer und andere große Agrarkonzerne mit den Tech-Konzernen gemeinsame Sache machen, indem sie die Bauernhöfe digitalisiert, um auch in diesen Sektor ihr Data-Mining zu betreiben – fordert den Aufbau von Rechenzentren vor Ort. Diese Forderung nach Datensouveränität wird nicht nur von zivilgesellschaftlichen Akteuren erhoben, sondern auch von Regierungen. Länder wie Nigeria oder Indien fordern bereits seit Jahren mehr Möglichkeiten zur Datenlokalisierung, um eigene Datenwirtschaft aufzubauen.
Ingo Dachwitz: Im Rohstoffbereich geht es zum Beispiel darum, nicht nur die Arbeitsbedingungen massiv zu verbessern, sondern auch die Teilhabe der Wertschöpfung. Kobalt, Lithium und andere Tech-Rohstoffe müssen auch in den Abbauländern Lateinamerikas und Afrikas weiterverarbeitet werden und nicht nur in China, Nordamerika oder der EU.
Auch in anderen Bereichen regt sich Widerstand. Viele Geisterarbeiter:innen hinter KI und Sozialen Medien sind nicht mehr bereit, ihre Arbeitsbedingungen hinzunehmen. Sie haben angefangen sich zu organisieren und machen die Ausbeutung durch Tech- und Outsourcing-Firmen öffentlich. In Kenia etwa wehren sie sich auch gerichtlich gegen die Bedingungen in der Branche, die dort verhandelten Klagen gegen Meta könnten die Branche nachhaltig verändern. Unterstützt werden sie unter anderem von Foxglove Legal, einer NGO aus Großbritannien, und von der Berliner NGO Superrr Lab, die beide zeigen, wie globale Solidarität im digitalen Kolonialismus aussehen kann.
Am Montag, 31. März 2025, seid ihr ab 19:00 Uhr zu Gast im „taz Talk“, live im Stream auf YouTube. Das taz lab-Team hat Mitte Januar abgestimmt, dass die taz auf X bleibt, wegen der Reichweite und dem Anspruch, das „missliebige Zeug auf X“ auszuhalten. Beide Unternehmen kritisiert ihr in eurem Buch. Habt ihr Lust, nach eurem Talk die Sache nochmal zur Abstimmung zu bringen?
Ingo Dachwitz: Elon Musk hat X zu einer rechten Propagandamaschine umgebaut, progressive Stimmen werden systematisch benachteiligt. Ich bin deshalb schon länger nicht mehr dort und empfehle auch allen anderen, X den Rücken zu kehren. Es gibt doch großartige Alternativen. Wenn ich das richtig sehe, muss man bei der taz aber unterscheiden: Der große Account der Zeitung mit hunderttausenden Follower:innen betreibt nach eigener Aussage ein „Quiet Quitting“, hat den Account auf privat gestellt und wird die Plattformen hoffentlich bald ganz verlassen. Der deutlich kleinere Account der jährlichen Konferenz „taz lab“ hat nur wenige tausend Follower:innen und soll nach einer Abstimmung des taz-lab-Teams weitermachen.
Ich kann das wie gesagt nicht nachvollziehen und spreche das auch gerne mal freundlich beim taz Talk nächste Woche an. Es wäre aber glaube ich nicht klug, wenn wir Leuten, die uns einladen, vorschreiben, welche digitalen Dienste sie nutzen. Klar wäre mir auch beim Streaming etwas anderes als YouTube lieber, aber ich glaube, da gibt es gerade drängendere Kämpfe. Die nächsten Veranstaltungen sind dann ja auch alle in Präsenz, zum Beispiel am 29. März in Leipzig, am 2. April in München und am 8. April in Berlin.
Am Ende des Buchs fragt ihr: „Was tun?“ und gebt einige Anregungen. Im Nachwort nimmt uns Renata Ávila Pinto, guatemaltekische Menschenrechtsverteidigerin und Vorsitzende der Open Knowledge Foundation, mit auf eine Zeitreise in den Sommer 2050 und zeichnet ein seltenes, aber dringend notwendiges positives Bild einer gerechten digitalisierten Welt. (Wer ihr Nachwort gelesen hat, wird sich den 10. Dezember 2034 im Kalender notieren.) Was sind aus eurer Sicht kurz- und mittelfristig sinnvolle und machbare Schritte für digitalpolitisch interessierte Menschen, die dieses Gespräch lesen?
Ingo Dachwitz: Ich glaube, unser Buch macht deutlich, dass wir den digitalen Kolonialismus nicht mit individuellem Konsumverzicht aufhalten werden, sondern politische Lösungen brauchen. Das größte Problem ist ein kolonial und rassistisch geprägter globaler Kapitalismus und es braucht einen langen Atem, um Alternativen wie Degrowth und die Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Auf dem Weg dahin kann konsequente Tech- und Konzernregulierung helfen: Unternehmen zur Verantwortung für die Schrecken in ihren Liefer- und Wertschöpfungsketten ziehen, Monopole zerschlagen und nicht-kommerzielle Alternativen wie das Fediversum fördern.
Aber klar, Veränderung muss auch bei uns selbst anfangen. Wer also konkret etwas tun will, kann damit anfangen, nicht wegzuschauen bei den Ausbeutungs- und Machtverhältnissen hinter der Digitalisierung. Wir empfehlen in unserem Buch zahlreiche Autor:innen und Organisationen aus dem Globalen Süden, die unsere Arbeit beeinflusst haben. Wer aktiv werden will, kann zum Beispiel durch Boykotte aktiv am Fall der Tech-Imperien mitwirken. Das Wichtigste ist Solidarität mit den Menschen, die unter digitalem Kolonialismus leiden und die an seinem Ende arbeiten. Zum Beispiel mit Daten- und Minenarbeiter:innen, die sich organisieren und Tech-Konzerne verklagen.