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Polizeiliche Kriminalstatistik: Mit Sicherheit mehr Unsicherheit
Die neue Polizeiliche Kriminalstatistik ist da – und wird prompt politisch ausgeschlachtet. Rechte Kreise schüren Ängste, statt echte Sicherheit zu fördern. Warum die Statistik in die Irre führt und was wir stattdessen wirklich brauchen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik prägt Debatten über Sicherheit. Doch oft verzerrt sie die Realität und lenkt vom eigentlichen Handlungsbedarf ab. Foto: IMAGO / IPON
Sehr wahrscheinlich habt ihr in dieser Woche die Veröffentlichung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2024 mitbekommen. Denn egal, welches Nachrichtenformat ihr bevorzugt: Wenn einmal im Jahr die Statistik vorgestellt wird, ist das Thema in allen Medien. Und alle Jahre wieder sind Medien, Politik und Social Media anschließend in Aufregung. Die Zahlen werden gedeutet, über die Hintergründe gerätselt und die Statistik zur Untermauerung der eigenen politischen Weltsicht instrumentalisiert. Erfolgreich sind dabei leider vor allem rechte und rassistische Meinungsmacher*innen. Auch in der Politik dienen die Zahlen jedes Jahr dazu, ein härteres Vorgehen gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu legitimieren.
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Warum die Polizeiliche Kriminalstatistik kein objektives Bild von Gewalt liefert
Belastbare Zahlen über Gewalt sind unverzichtbar. Wir alle wünschen uns, in Sicherheit zu leben, abends unbeschwert auszugehen und unsere Kinder allein auf den Schulweg schicken zu können. Es ist die Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen. Doch diese Statistik erweist unserem Wunsch nach Sicherheit jedes Jahr einen Bärendienst. Es ist Zeit für eine kritische Einordnung.
Die PKS erfasst Polizeitätigkeiten, insbesondere bei der Polizei gemachte Anzeigen, nicht aber alle tatsächlichen Taten und auch keine Verurteilungen. Die Statistik ist deshalb systematisch verzerrt: Bei sexueller und häuslicher Gewalt etwa gibt es ein großes Dunkelfeld, weil Betroffene oft keine Anzeige erstatten. Auch Geflüchtete oder Obdachlose bringen (Hass-)Kriminalität seltener zur Anzeige. Gewalt gegen diese Menschen ist in der Statistik unterrepräsentiert. Umgekehrt sind einige der Personengruppen, die als Betroffene unterrepräsentiert sind, auf der (vorgeblichen) Täter*innenseite überrepräsentiert: Die PKS erfasst Tatverdächtige, nicht tatsächlich verurteilte Menschen.
Migration und Kriminalität: Ein verzerrtes Bild in der Statistik
Verdächtigt werden gerade Menschen mit Migrationshintergrund schneller – man erinnere sich an die NSU-Morde, zu denen lange im Umfeld der Opfer ermittelt wurde, statt an Rechtsextremismus zu denken. Zusätzlich nimmt die PKS nur bestimmte Delikte auf. Taschendiebstahl (üblicherweise durch arme Menschen begangen) etwa ist dabei, Steuerbetrug (Diebstahl an der Gesellschaft durch oft reiche Menschen) aber nicht.
Und egal, um welche Delikte es geht: Ob die Anzeigen überhaupt zur Verurteilung führten oder ein Gericht die Situation letztlich ganz anders einschätzte, darüber gibt die Statistik keine Auskunft.
Was die Kriminalstatistik verschweigt
Auch die Darstellung der Zahlen ist problematisch: Die PKS führt „nichtdeutsche Tatverdächtige“ als gesonderte Täter*innen-Gruppe auf. Die Zahlen scheinen auf den ersten Blick nahezulegen, diese seien krimineller. Erst wenn man zusätzliche Informationen heranzieht, zeigt sich: Das stimmt nicht.
Mehr Migration führt nicht zu höherer Kriminalität. Doch auf die eigentlich relevanten Faktoren weist die Statistik nicht hin. Das ist grob irreführend und befeuert Vorurteile. Die PKS verschenkt damit außerdem die Möglichkeit, zu zeigen, wo tatsächlich politischer Handlungsbedarf besteht – und macht Deutschland damit nicht sicherer, sondern unsicherer.
Prävention statt Repression – der Weg zu echter innerer Sicherheit
Die Darstellung ist aber bequem, denn sie legitimiert scheinbar einfache Antworten, wie Repressionen gegen Geflüchtete. Echte innere Sicherheit erfordert hingegen echten Einsatz, der zu oft gescheut wird: Mehr Präventionsmaßnahmen, um zu verhindern, dass Menschen überhaupt zu Täter*innen werden. Das bedeutet konkret:
- Sorgentelefone nicht wegkürzen,
- genug Schulpsycholog*innen und Therapieplätze (für Menschen mit traumatischer Fluchterfahrung schwer zu bekommen),
- Armut abschaffen,
- Hilfen für drogenabhängige Menschen ausbauen,
- umfassende Arbeitserlaubnisse für Zugewanderte, denn Arbeit ist ein stabilisierender Faktor,
- Sicherheitskonzepte, um die steigenden rassistischen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte zu verhindern,
- und besonders wichtig sind Investitionen in die Kinder- und Jugendhilfe, denn insbesondere die Gewalt durch junge Menschen scheint zuzunehmen. Dazu müssen ausreichend Angebote für Jungen gehören, denn die meiste Gewalt geht von Männern aus.
Doch Präventionsmaßnahmen sind unbeliebt, denn sie kosten Geld und ihr Effekt ist oft frühestens in der übernächsten Legislaturperiode sichtbar. Nach der Abschaffung des Asylrechts zu rufen, ist hingegen kostenlos – schafft aber keine Sicherheit. Erst recht nicht für die Geflüchteten, doch deren Sicherheit scheint ohnehin nicht mitgemeint.
Racial Profiling und Predictive Policing: Sicherheitsmaßnahmen, die diskriminieren
Im Gegenteil: Laut Zwischenergebnissen der Koalitionsverhandlungen will die neue Regierung den Familiennachzug begrenzen, eine Maßnahme, die sich vor allem gegen Frauen und Kinder richtet und verkennt, dass die eigene Familie ein wichtiger stabilisierender Faktor ist, der Radikalisierung und Gewalt verhindern kann. Auch zahlreiche angebliche Sicherheitsmaßnahmen der letzten Jahre denken nicht-weiße Menschen nicht nur nicht mit, sondern gefährden sie sogar aktiv, etwa sogenannte „verdachtsunabhängige Kontrollen“. Die haben zwar keinen nachgewiesenen Nutzen, führen aber zu Racial Profiling. Oder der Einsatz von Gesichtserkennungs-Technologien und „Predictive Policing“: Technologien, die nachweislich Frauen und PoC diskriminieren.
Für eine ehrliche Debatte und eine bessere Sicherheitsstatistik
Aussagekräftige Zahlen über die Gewalt in der Gesellschaft zu haben, ist unverzichtbar wichtig, um Sicherheit für alle zu schaffen. Doch dafür braucht es zukünftig eine andere Statistik – und auch ein umfassenderes Sicherheitsverständnis, das alle Menschen in diesem Land einbezieht. Eine ehrliche Debatte wäre komplexer, doch der Gewinn wäre echte und nachhaltige Sicherheit in einem für uns alle lebenswerten Land.