· von
mal gelesen · Kommentare deaktiviert für Rückblick: Hebammen sind unersetzlich! – · Artikel kommentieren

Rückblick: Hebammen sind unersetzlich! –

Energisch haben die Hebammen um ihre Rechte gekämpft – mit Eurer Unterstützung. Jetzt hat ein Schiedsspruch die Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen beendet. Zufrieden sind weder die Hebammen noch wir mit diesem Ergebnis – zu groß ist noch immer die Schieflage beim Einkommen. Trotzdem war die Kampagne nicht umsonst: Innerhalb weniger Monate hat sich einiges getan. Die prekäre Lage der Hebammen beschäftigt die Öffentlichkeit. Die Hebammen erfahren enorme Unterstützung aus der Bevölkerung. Und Politiker/innen müssen sich mit den Hebammen und ihren Forderungen auseinandersetzen. Werfen wir einen Blick zurück.

Die Hebammen stellten in den vergangenen Jahren viel auf die Beine – etwa mit einem Streik im Frühjahr 2011, Petitionen an den Deutschen Bundestag und öffentlichen Protesten. Denn: Immer mehr Hebammen geben die Geburtsbegleitung auf. Geburtshäuser und Geburtsstationen müssen schließen und in schwach besiedelten Gebieten ist es für werdende Mütter schwer, eine betreuende Hebamme zu finden. Zwei Ursachen hat das Problem: Die Vergütung der Hebammenleistung durch die Krankenkassen ist viel zu gering. Und gleichzeitig steigen die Beiträge zur Berufshaftpflicht immer weiter.

Trotz dieser dramatischen Situation blieben die Verhandlungen der Hebammen mit den Krankenkassen im vergangenen Jahr schwierig. Darum entschieden wir uns im Sommer 2012 diesen Kampf der Hebammen um eine gerechte Vergütung zu unterstützen. Ein gemeinsamer Appell mit dem Deutschen Hebammenverband, dem Bundesverband der freiberuflichen Hebammen und den Hebammen für Deutschland forderte Gesundheitsminister Bahr auf, sich einzuschalten und die Krankenkassen zu höheren Zusagen zu bewegen. Das unterschrieben insgesamt 158.771 Menschen. Ein toller Erfolg!

Am 29. Juni 2012 folgte eine Aktion vor dem Kanzleramt: Hochschwangere Frauen suchten verzweifelt nach Hebammen, fanden aber keine. 23 Papp-Silhouetten symbolisierten freiberufliche Hebammen, die ihnen nicht helfen können, weil sie keine Geburten mehr begleiten: durchschnittlich 23 steigen nämlich seit 2007 pro Monat aus diesem Kernbereich ihres Berufes aus. Auf Facebook fragten wir, welche Erfahrungen die Menschen mit Hebammen gesammelt hatten: Herzergreifende Geschichten erreichten uns und machten deutlich: Hebammen sind unersetzlich!

Im Sommer zeigte der Druck endlich Wirkung: Auch wenn Bundesgesundheitsminister Bahr sich nicht zum aktiven Fürsprecher der Hebammen mauserte, so signalisierte hingegen die Kanzlerin, dass sie die prekäre Lage der Hebammen sehr ernst nehme. Im Herbst wurde eine Arbeitsgruppe initiiert, in der neben den Berufsverbänden und Expert/innen die Ministerien Gesundheit, Justiz, Familie, Arbeit/Soziales und Finanzen sowie Vertreter/innen der Versicherungsbranche zusammentreffen. Dass es diese Arbeitsgruppe gibt ist ein Erfolg unseres gemeinsamen Protests! Zu welchen Lösungen sie kommt, bleibt noch abzuwarten.

Auch die Krankenkassen reagierten im Sommer und sicherten zumindest einen Ausgleich für die letzte Steigerung der Haftpflichtbeiträge zu – damit entschärften sie die erneute Zuspitzung, änderten aber nichts am Status Quo: der unverändert niedrigen Bezahlung. So kamen die Verhandlungen zwischen Hebammenverbänden und der GKV zum Erliegen. Ende Januar entschied die Schiedsstelle, dass die Hebammen eine lineare Erhöhung von 12 Prozent für ihre Leistungen erhalten und für die Wochenbettbetreuung 15 Prozent mehr. Die Hebammenverbände erklärten dieses Ergebnis für unzureichend und stimmten folgerichtig nicht zu. Der Schiedsspruch ist dennoch gültig: sowohl die Vertreter der Krankenkassen stimmten dafür, als auch die unabhängigen Kräfte.

Rosig ist die Lage der Hebammen damit immer noch nicht. Aber für die nächsten zwei Jahre ist diese Entscheidung nun Grundlage für die Vergütung – und gilt rückwirkend zum 1.1.2013. Augenblicklich ist es daher nicht möglich erfolgversprechend Druck auf die Krankenkassen oder den Bundesgesundheitsminister auszuüben. Wir beenden daher unsere Kampagne. Manchmal braucht Veränderung Zeit. Die eingerichtete Arbeitsgruppe lässt uns hoffen, dass nachhaltige Lösungen für Vergütung und steigende Berufshaftpflicht gefunden werden. Wir behalten die Entwicklung aber im Auge und werden gegebenenfalls erneut aktiv werden.

Veröffentlicht von

Christine Borchers, Jahrgang 1977, hat Geschichtswissenschaften und Germanistik an der Universität Bremen studiert. Sie engagiert sich seit Jahren in verschiedenen politischen Bewegungen. Einen Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit legt sie auf antirassistische und antifaschistische Themen.

Kommentare sind geschlossen.