Wind und Sonne schlagen Kohle – weltweit

Wie oft hat man das schon gehört, die Mär vom deutschen "Alleingang" bei der Energiewende und dem Ausstieg aus der Kohle. Was oft wiederholt wird, ist trotzdem grundfalsch. Denn Kohle ist weltweit auf dem Rückzug, Wind und Sonne auf dem Vormarsch - die globale Energiewende ist im Gang. Aktuell: Vietnam verkündet die Kohlewende. Vorab zur…

von  Jörg Haas 4 Kommentare

Wie oft hat man das schon gehört, die Mär vom deutschen „Alleingang“ bei der Energiewende und dem Ausstieg aus der Kohle. Was oft wiederholt wird, ist trotzdem grundfalsch. Denn Kohle ist weltweit auf dem Rückzug, Wind und Sonne auf dem Vormarsch – die globale Energiewende ist im Gang. Aktuell: Vietnam verkündet die Kohlewende.

Vorab zur Einstimmung: Wie schön der Kohleausstieg sein kann, zeigt dieses Video des britischen Ökostromanbieters Ecotricity.

Vietnam: Neue Kohlekraftwerke gestoppt

Vietnam – das war lange Zeit ein Land mit großen Kohleplänen. Das rasche Wirtschaftswachstum erforderte zahlreiche neue Kraftwerke, und Kohle schien billig. Etwa 70 neue Kohlekraftwerke waren bisher geplant, mit einer Leistung von 44 Gigawatt (GW). Zum Vergleich: Die installierte Leistung deutscher Kohlekraftwerke sind 27 GW Steinkohlekraftwerke, 21 GW Braunkohle (Quelle).

Nun hat Vietnams Premierminister angekündigt, den Neubau von Kohlekraftwerken zu stoppen. Stattdessen setzt das aufstrebende, immer noch arme Land auf eine Kombination aus erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, und Gaskraftwerken. Damit reagiert Vietnams Regierung auf dreierlei: Erstens, den Abschluss eines globalen Klimaabkommens in Paris, in dem sich erstmals alle Länder zu Klimaschutz verpflichtet haben. Zweitens, die Senkung der Kosten für erneuerbare Energien: Wind und Sonne sind inzwischen oft die günstigere Alternative zu Kohle. Und drittens, den Druck der Zivilgesellschaft: Lokale Gruppen und internationale NGOs wie Greenpeace haben nicht nachgelassen, um auf die Gefahren von Kohlekraft für Gesundheit und Umwelt hinzuweisen.

China: Kohle auf den Rückzug

Die Nachricht ist ein weiterer Schlag für die globale Kohleindustrie: Denn im Kohleland Nr. 1 China ist der Kohleverbrauch im vergangenen Jahr (2015) bereits um über 4% zurückgegangen. Die CO2-Emissionen sanken um ca. 3%. Das ist kein Ausreißer: Die neuen Zahlen verstärken einen Trend aus dem Vorjahr 2014. Chinas Regierung hat zudem angekündigt, keine neuen Kohleminen mehr zu genehmigen, und etwa eintausend kleinere Kohlebergwerke zu schließen. Das Land hat 2015 weltweite Rekorde für die Installation von Windenergie (30,5 GW) und Solarenergie (16,5 GW) aufgestellt.

Indien: Solar schlägt Kohle

Auch in Indien sind die Kohleimporte drastisch gesunken. Das Ausbauziel für Solarenergie wurde auf 100 GW bis 2022 angehoben (plus 75 Gigawatt Windenergie). Zum Vergleich: Deutschland hat bisher gerade 39 GW Solar und 41 GW Wind installiert (Quelle). Und Solarenergie wurde in Indien nun richtig billig: Inzwischen wird Solarstrom für 4.34 Rupees je kWh angeboten, das sind etwa 5,9 Eurocent je Kilowattstunde. Die Kohlewende ist in Indien noch umkämpft, aber die positiven Anzeichen mehren sich.

Was hat all dies nun mit uns in Deutschland zu tun?

Deutschland hat die Kosten für Solarenergie gesenkt

Erstens: All dies wurde möglich, weil Deutschland als Vorreiter früh einen großen Markt für Erneuerbare Energien geschaffen hat. Dadurch wurden die Herstellungskosten für Wind und Solarenergie radikal gesenkt. Dies zeigt eine neue Studie des Öko-Instituts. Die nachstehende Abbildung macht deutlich, wie Deutschland von 2001 bis 2012 zwischen 25 und 69 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Solaranlagen geschaffen hat – und in diesem Zeitraum der Preis um etwa 80% gesunken ist. Ein Effekt der Massenproduktion.

Senkung der Kosten für Sonnenstrom durch den deutschen Ausbau erneuerbarer Energien

Das frühe Investieren in Solarenergie war teuer: Ein Großteil der sogenannten „EEG-Umlage“ die wir Stromkunden zahlen, hat damit zu tun. Gegner der Energiewende machen damit gegen Erneuerbare Stimmung. Doch diese einmalige Investition hat sich für uns alle vielfach gelohnt: Dank der gesunkenen Preise für erneuerbare Energien kommt nun eine weltweite Energiewende in Gang. Sie kann den Klimawandel begrenzen. Dafür müssen wir diese Wende aber noch stark beschleunigen – denn noch geht es deutlich zu langsam. Die Zeit drängt – 2015 hat einmal mehr weltweite Temperaturrekorde gebrochen.

Kohle ist out

Zweitens: Kohle ist mega-out. Investoren ziehen weltweit ihr Geld aus Kohlefirmen ab: Die Allianz folgte dem weltgrößten Staatsfonds aus Norwegen. Der Kurs von Kohleaktien fällt ins Bodenlose, Kohlefirmen gehen bankrott.

Nur Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat es anscheinend noch nicht gemerkt und sträubt sich, den Kohleausstieg einzuleiten. Während anderswo richtig aufgedreht wird, deckelt er den Ausbau der erneuerbaren Energien, um Kohle zu schützen. Umweltministerin Hendricks traut sich dagegen als einziges Regierungsmitglied, den Menschen in den Braunkohleregionen reinen Wein einzuschenken und den schrittweisen sozialverträglichen Kohleausstieg zu fordern. Nun braucht sie unsere Unterstützung gegen die immer noch mächtige Kohlelobby, die das Unvermeidliche so lange hinauszögern will, bis unser Klima gänzlich ruiniert ist. Und aus Deutschland als dem Vorreiter in Sachen Energiewende einen Nachzügler macht.

4 Kommentare

  • von Johannes Hofmeister

    Sind die CO2 Einsparungen in China nicht vor allem durch den Bau vieler vieler neuer Atommeiler erreicht?

    • Es ist ein Mix von Effizienz, Erneuerbaren und Atom. Das geringere Wachstum des Stromverbrauchs durch verstärkte Energieeffizienz und ökonomische Umstrukturierung wird in diesem Artikel gut dargestellt. Nach Fukushima wurde der Neubau von Atomkraftwerken für eine Zeitlang gestoppt. Nun wird er verstärkt wieder aufgenommen, doch wird sich das erst in einigen Jahren auswirken.

Kommentare sind geschlossen.

Veröffentlicht von Jörg Haas

Jörg Haas, Jahrgang 1961, ist Campaigner bei Campact. Nach einem Berufseinstieg in die Entwicklungszusammenarbeit in einem Regenwaldprojekt in Ecuador war er lange Jahre als Ökologiereferent für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig. 2008 wechselte er als Programmdirektor zur European Climate Foundation. Intensives Engagement in den UN-Klimaverhandlungen in Kopenhagen. Ohne öffentliche Mobilisierung fehlt jedoch der Handlungsdruck - daher der Wechsel zu Campact, zuerst als Pressesprecher, nun als Campaigner.