Zum ersten Mal gefilmt: Wie Eisberge von einem gigantischen Gletscher losbrechen

Eisberge so hoch wie Wolkenkratzer brechen los und kippen um. Dieses Video zeigt das größte Kalben eines Gletschers, das je aufgenommen wurde. In den gigantischen Jakobshavn Gletscher in Westgrönland würde ganz Manhattan mit allen Wolkenkratzern locker reinpassen. Was dieser Riesengletscher mit einem Riesenloch bei Köln zu tun hat, erfährst Du hier.

von  Jörg Haas 8 Kommentare
Eisberge dreimal so hoch wie Wolkenkratzer brechen los und kippen um. Dieses Video zeigt das größte Kalben eines Gletschers, das je aufgenommen wurde. In den gigantischen Jakobshavn Gletscher in Westgrönland würde ganz Manhattan mit allen Wolkenkratzern locker reinpassen. Was dieser Riesengletscher mit einem Riesenloch bei Köln zu tun hat, erfährst Du hier.

Video ansehen und mit Deinen Freunden teilen, per…

35 Millionen Menschen haben dieses Video angesehen

Das Kalben eines solchen Gletschers ist ein seltenes Ereignis, und wurde in dieser Dimension nie zuvor dokumentiert. Der größte Teil dieses Videos, der schon 35 Millionen mal auf Youtube gesehen wurde, ist in Echtzeit (kein Zeitraffer). Doch auch das viel langsamere Abschmelzen der Gletscher weltweit hat der Forscher James Balog für den Film „Chasing Iceim Zeitraffer eingefangen. Dafür montierte er Kameras an einigen der größten Gletscher der Welt. Seine faszinierenden Bilder machen eine dramatische Veränderung sichtbar.

Nicht nur in Grönland, sondern auch in den Alpen und dem Himalaya schmelzen die Gletscher im Rekordtempo. Der Watzmanngletscher ist schon ‚ausgestorben‚. Und auch der größte Alpengletscher, der riesige Aletschgletscher im Wallis, schwindet ebenso rasant dahin wie die riesigen Eisströme der Westantarktis. Das Schmelzwasser trägt dazu bei, dass weltweit die Meeresspiegel ansteigen – mit fatalen Folgen.

Was diese Riesenlöcher damit zu tun haben

All das hat direkt mit einigen Riesenlöchern wie diesem im Rheinland zu tun. Im Rheinischen Revier und in der Lausitz kratzen die größten Bagger der Welt 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr gigantische Mengen an Braunkohle aus der Erde.

Tagebau Garzweiler im Rheinland. Foto: Bert Kaufmann, Wikimedia Commons cc-by 2.0
Tagebau Garzweiler im Rheinland. Foto: Bert Kaufmann, Wikimedia Commons cc-by 2.0

Das rheinische Braunkohlerevier ist damit die größte CO2-Quelle Europas. Jede Tonne Braunkohle, die RWE und Vattenfall aus der Erde holen und verbrennen, schmilzt fast zwei Tonnen Gletscher. Und zwar Jahr für Jahr. Das haben die Klima-Fachleute von Climate Analytics für Campact ausgerechnet.

  • Jede Sekunde holen die größten Bagger der Welt in Deutschland fast 6 Tonnen Braunkohle aus der Erde.
  • Die schmelzen 11 Tonnen Gletscher – Sekunde für Sekunde.
  • Jede Minute sind es 660 Tonnen, jede Stunde fast 40.000 Tonnen, jeden Tag 950.000 Tonnen Gletscher.

Alles durch deutsche Braunkohle. Der komplette Irrsinn – Klimazerstörung mit deutscher Effizienz und Gründlichkeit.

Ende Gelände für die Braunkohle

Doch immer mehr Menschen kapieren: Kohle muss dort bleiben wo sie ist – im Boden. Nur so können wir den Klimawandel in Grenzen halten. 1.000 Aktivist/innen sind in diesem Sommer in den Tagebau Garzweiler gestiegen, um die Bagger für einen Tag anzuhalten. Auch wenn es auf dem Klimagipfel in Paris zu einem Abkommen kommt, wird es nicht ausreichen, um die Gletscher zu retten. Daher wird es auch nächstes Jahr wieder „Ende Gelände“ für die Braunkohle heissen. Bleib dran:


 

PS: Kaum zu glauben – ein Alpengletscher pro Jahr? Die renommierten Klimaexperten von ClimateAnalytics haben für Campact diese Rechnung aufgemacht. Es ist ein wenig „technisch“ – aber zeigt: Wir greifen diese Zahl nicht einfach aus der Luft, sondern sie ist sauber kalkuliert.

2013 wurden in Deutschland mit 161 TWh Strom mit 183 Mio t Braunkohle erzeugt [1] und dabei 175 Megatonnen CO2-Emissionen in die Atmosphäre geblasen. Ein renommiertes Klimamodell [2] wurden in zwei Durchläufen mit und ohne diese Emissionen gefüttert [3] – das liefert den Unterschied in der Strahlungsbilanz der Erde mit und ohne deutsche Braunkohleverbrennung, und zwar den Faktor 0,0056.

Aus der wissenschaftlichen Literatur ist bekannt, dass etwa 3,5% der gesamten globalen Erwärmung in die Gletscher und großen Eisschilde von Grönland und Antarktis geht und diese abschmilzt [4]. Der Rest geht in die Erwärmung des übrigen Planeten. Das sind 207×10^18 Joules an Energie (im Durchschnitt 1993-2008). Der Beitrag der deutschen Braunkohle zu dieser Energie ergibt sich durch Multiplikation mit dem oben genannten Faktor 0,0056,das sind 116×10^15 Joules. Damit werden 347 Megatonnen Gletschereis geschmolzen – und das entspricht etwa der durchschnittlichen Größe eines Alpengletschers [5].

[1]  Quelle: DEBRIV Bundesverband Braunkohle

[2] Meinshausen, M., Raper, S. C. B., and Wigley, T. M. L.: Emulating coupled atmosphere-ocean and carbon cycle models with a simpler model, MAGICC6 – Part 1: Model description and calibration, Atmos. Chem. Phys., 11, 1417-1456, doi:10.5194/acp-11-1417-2011, 2011.

[3] In erster Näherung wurden hier nur die CO2-Emissionen berücksichtigt,weil sie am längsten in der Atmosphäre verbleiben und damit das Klima dauerhaft schäden.

[4] Church, J. A., N. J. White, L. F. Konikow, C. M. Domingues, J. G. Cogley, E. Rignot, J. M. Gregory, M. R. van den Broeke, A. J. Monaghan, and I. Velicogna, Revisiting the Earth’s sea-level and energy budgets from 1961 to 2008, Geophys. Res. Lett., 38, L18601,
doi:10.1029/2011GL048794, 2011.

[5] Farinotti, D., Huss, M., Bauder, A., and M. Funk: An estimate of the glacier ice volume in the Swiss Alps, Global and Planetary Change, 68/3, 225-231, dx.doi.org/10.1016/j.gloplacha.2009.05.004, 2009. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818109001015

8 Kommentare

  • von von Tiesenhausen, Beate

    Das sind erschreckende Bilder und die gezeigte Grafik verdeutlich das Ausmaß des Gletscherschwunds. Ich begreife nicht, warum nicht alle Nationen alles gegen diese Entwicklung unternehmen. Es sind doch alle von den Folgen betroffen!

  • von Herbert

    Erschreckende Bilder. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Schockvideos jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Dies sind reale Aufnahmen. Wer jetzt noch denkt, das geht mich nichts an, das ist doch so weit weg oder: dagegen kann man doch nichts tun, der irrt sich gewaltig.
    Es geht jeden einzelnen von uns an und besonders die Jüngeren, denn die müssen auch nach uns noch am Ball bleiben. Weit weg? die Ursachen liegen auch zum großen Teil in Deutschland und: da kann man ja nichts machen? Doch! aktiv werden bei Allem, was unseren PLaneten zerstört und seine Meinung dagegen auch kundtun. Auf andere warten? Dem Wasser ist das egal, wer da auf wen wartet. Die Erde kann sich nicht selber schützen, das müssen wir für sie schon tun.

Kommentare sind geschlossen.

Veröffentlicht von Jörg Haas

Jörg Haas, Jahrgang 1961, ist Campaigner bei Campact. Nach einem Berufseinstieg in die Entwicklungszusammenarbeit in einem Regenwaldprojekt in Ecuador war er lange Jahre als Ökologiereferent für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig. 2008 wechselte er als Programmdirektor zur European Climate Foundation. Intensives Engagement in den UN-Klimaverhandlungen in Kopenhagen. Ohne öffentliche Mobilisierung fehlt jedoch der Handlungsdruck - daher der Wechsel zu Campact, zuerst als Pressesprecher, nun als Campaigner.