Wetter extrem: Die Sturzflut in Braunsbach – und was die Energiewende damit zu tun hat

Braunsbach. Simbach. Neun Tote. Durch die jüngsten Unwetter wurden Dorfstraßen im Süden Deutschlands zu reißenden Flüssen, auf denen Autos vorbei schwimmen als wären es Badeentchen. Die letzten Tage zeigten uns das hässliche Gesicht des Wetters in diesem neuen Erdzeitalter, das wir Menschen geschaffen haben.

von  Jörg Haas 7 Kommentare
Braunsbach. Simbach. Neun Tote. Szenen wie in einem “Horrorfilm” – findet Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Durch die jüngsten Unwetter wurden Dorfstraßen im Süden Deutschlands zu reißenden Flüssen, auf denen Autos vorbei schwimmen als wären es Badeentchen. Taucher suchen in versunkenen Fahrzeugen nach Leichen. Die letzten Tage zeigten uns das hässliche Gesicht des Wetters in diesem neuen Erdzeitalter, das wir Menschen geschaffen haben.

Braunsbach und Braunkohle

Braunsbach ist überall

Nicht nur im baden-württembergischen Braunsbach und im niederbayrischen Simbach spielte das Wetter verrückt – auch in anderen Teilen Deutschlands gab es schwere Schäden. In Xanten stand die Altstadt unter Wasser. Beim Musik-Festival Rock am Ring verletzt ein Unwetter 81 Teilnehmer. In Frankreich tritt die Seine über die Ufer und bedroht Paris. Unwetter forderten dort neun Todesopfer.

Auch an der Küste drohen Überschwemmungen, müssen die Deiche erhöht werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte, wenn wir nicht rasch aus Kohle, Öl und Gas aussteigen, der Meeresspiegel um über einen Meter steigen. So der aktuelle Stand der Forschung.

Katastrophe auch durch Braunkohle

Braunsbach hat mehr als eine Silbe gemeinsam mit Braunkohle. Denn Braunkohle ist der fossile Energieträger, der das Klima am meisten schädigt. Und Deutschland das Land, das mehr Braunkohle verstromt als jedes andere auf der Welt. Allein RWE ist für etwa ein halbes Prozent der globalen Treibhausgase seit Beginn der Industralisierung verantwortlich. Die Katastrophe von Braunsbach wurde auch durch die deutsche Braunkohle mitverursacht.

Die Grundlogik ist einfach: mittlerweile hat die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas die Atmosphäre um ein Grad aufgewärmt. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, und schwül-feuchte Luft ist der Treibstoff für Gewitter. Für Deutschland kommt eine Studie in der renommierte Zeitschrift nature über Gewitterregen zu dem Schluss, dass diese sogar noch rascher zunehmen, als es aufgrund der höheren Wasserspeicherfähigkeit von wärmerer Luft zu erwarten wäre.

Braunsbach und die Kosten der Braunkohle

Braunsbach ist zerstört – der Wiederaufbau wird Millionen kosten. Die Klimafolgekosten, die in Braunsbach, Simbach, an der deutschen Küste und vielerorts im Lande bereits jetzt anfallen, werden von RWE, Vattenfall und Mibrag nicht getragen. Immer klarer wird nun: Braunkohleverstromung kommt uns sehr teuer zu stehen.

Aber auch die unmittelbaren Folgekosten für die Rekultivierung der zerstörten Landschaften werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Nach einer neuen Studie könnte der Steuerzahler auf den Folgekosten der Braunkohle sitzen bleiben. Und das tschechische Unternehmen EPH, welches das Braunkohlegeschäft in der Lausitz von Vattenfall kaufen will, spekuliert ganz offensichtlich darauf, dass die Folgekosten der Rekultivierung am Ende von Steuerzahler getragen werden. Sozialschmarotzertum als Geschäftsmodell.

Braunsbach und Berliner Politik

Finde den Fehler: Während in Braunsbach noch Rettungskräfte aktiv waren, und in Simbach die Flut anstieg, saßen in Berlin die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Kanzlerin Merkel zusammen. Ihr Thema: Die Erneuerbaren Energien. Ihr Ergebnis: Ausgerechnet der Ausbau der besonders kostengünstigen Windenergie an Land soll zukünftig stark abgebremst werden. Gegenüber den vergangenen zwei Jahren soll der Windkraft-Ausbau zukünftig halbiert werden. Der Grund: Die unflexiblen Braunkohlekraftwerke laufen auch bei starkem Wind weiter und verstopfen die Netze für die Windenergie. Doch statt die Braunkohleverstromung zu drosseln, will Berlin den Ausbau der Windenergie abwürgen. Verkehrte Welt.

Von Braunsbach nach Paris und zurück

Wir werden eine Wahl zu treffen haben. Entweder wir beschleunigen Energiewende und Kohleausstieg, und halten damit den Klimawandel in Grenzen. Oder wir werden Katastrophen wie in Braunsbach und Simbach öfter und schlimmer erleben.

Deutschland ist wichtig: Auf Deutschland wird als Vorreiter und Schrittmacher der Energiewende weltweit geschaut. In China, in Indien, in den USA berufen sich Gegner des Klimaschutzes auf das Ausbremsen der Energiewende hierzulande.

Denn überall machen sich in der Folge des Pariser Klimaabkommens Staaten daran, ihre Energieversorgung umzubauen. Vor einem halben Jahr haben sich in Paris alle Staaten, auch Deutschland, verpflichtet, ihre Anstrengungen zu verstärken. Doch statt durchzustarten bremst Deutschland. Hierzulande will Sigmar Gabriel das Wort „Paris Abkommen“ nicht mehr hören. Und die einstige Klimakanzlerin Merkel? Sie lässt den Energiewende-Gegnern in ihrer Fraktion freien Lauf, obwohl sie beim G7-Gipfel vor einem Jahr die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft verkündete. Welch ein Doppelspiel!

Von Grönland nach Braunsbach

Merkel und Gabriel: Waren sie 2007 noch in Grönland, um die Folgen des Klimawandels zu sehen, müssten sie heute nur ins einst so beschauliche Braunsbach fahren. Doch anscheinend stecken beide viel lieber den Kopf in den Sand. Bis zur nächsten Flut.

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7 Kommentare

  • Erneuerbare Energien sind schön und gut, aber wenn ich manchmal über land fahre und diese Unmengen an Windrädern sehe, frage ich mich schon, ob das der richtige Weg ist? Das ganze ist noch nicht zu ende gedacht und da muß noch so einiges kommen. Aber der Weg ist der richtige. Man muß es noch mehr in das Bewußtsein der Leute bekommen Energie zu sparen, sonst wird das Klima eines Tages unser größter Feind.

    • Lieber Udo, ich freue mich über jedes Windrad das ich sehe. Ich finde sie wunderschön – denn jedes Windrad ist ein Zeichen der Hoffnung, dass wir unseren Energiebedarf ohne Kohle und Atom decken können.
      Ja, das Energiesparen ist die unterschätze Energiequelle – jede Kilowattstunde die nicht gebraucht wird ist die umweltverträglichste Lösung. Daher: beides muß sein – ein rascher Ausbau der Erneuerbaren, und ein entschiedenes Einsparen von Energie. Nur zusammen gelingt es damit, rasch der fossilen Energieversorgung ein Ende zu machen – und damit die Klimaschäden zu begrenzen.

  • Zur Aktualisierung eine Meldung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft:
    Die schweren Unwetter Ende Mai und Anfang Juni haben versicherte Schäden von rund 1,2 Milliarden Euro verursacht. http://www.gdv.de/2016/06/elvira-friederike-co-verursachen-schaeden-von-12-milliarden-euro/

  • von Schuldner Nr. 4599234889

    Welche Speichernmedien gibt es denn für erneuerbare Energien?

    • Als erstes kann man die Nachfrage nach Strom flexibilisieren: Große Stromverbraucher wie z.B. Kühlhäuser können bei großem Stromangebot verstärkt Strom nachfragen, und bei geringem Angebot für längere Zeit den Stromverbrauch einstellen. Dazu gehört auch der Ersatz von Erdgas zur Heizung durch Windstrom in Zeiten von Überangebot, und die Speicherung der Energie als Wärme.
      Als zweites kann gleicht sich das Angebot erneuerbarer Energien über größere Räume besser aus. Irgendwo weht fast immer der Wind oder scheint die Sonne.
      Als drittes kann man Strom in Wasserkraftwerken in den Alpen und in Norwegen speichern. Das Angebot in Norwegen ist gigantisch (lesen Sie dazu http://jointdeclaration.org/de/ )
      Als viertes kann man Strom in Batterien speichern (Tesla bietet jetzt z.B. recht günstige Speichersysteme für Solarstrom an). Die Elektrifizierung des Individualverkehrs wird enorme Speicherpotentiale schaffen.
      Als fünftes kann man Strom in Überschusszeiten über Elektrolyse zu Wasserstoff verarbeiten (Power to Gas) und den Wasserstoff bei Bedarf verwenden.

  • von Christoph

    Es ist ja ein ehrenwerter Gedanke, mit Windkraft die Welt retten zu wollen. Hat der Author dabei auch daran gedacht, dass es Kraftwerke geben muss, die auch dann die Grundlast an benötigtem Strom zur Verfügung stellen müssen, wenn gerade mal kein Wind weht? Das gleiche gilt auch für Solarenergie.
    Nach dem Atomaustieg gibt es dafür nun mal einfach nur Kohle und Gas.
    Wunschdenken und Gegebenheiten gehen da auseinander.

    Kernkraft ist böse, verstrahlt alles.
    Kohle und Gas sind böse, machen das Klima kaputt.
    Windkrafträder sind gut, solange die im Vorgarten von Anderen stehen. Ansonsten böse.
    Solarenergie sieht halt auch doof aus, wenn ganze Berge damit zugepflastert sind, oder die erforderlichen Stromtrassen am eigenen Garten vorbei laufen.
    Auf Strom verzichten mag aber auch keiner.
    Es ist höchste Zeit, unseren Lebensraum zu achten und zu schützen, bevor es zu spät ist. Aber die Lösungen müssen realistisch und umsetzbar sein.
    Oder wir verzichten einfach auf Strom.

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Veröffentlicht von Jörg Haas

Jörg Haas, Jahrgang 1961, ist Campaigner bei Campact. Nach einem Berufseinstieg in die Entwicklungszusammenarbeit in einem Regenwaldprojekt in Ecuador war er lange Jahre als Ökologiereferent für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig. 2008 wechselte er als Programmdirektor zur European Climate Foundation. Intensives Engagement in den UN-Klimaverhandlungen in Kopenhagen. Ohne öffentliche Mobilisierung fehlt jedoch der Handlungsdruck - daher der Wechsel zu Campact, zuerst als Pressesprecher, nun als Campaigner.