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Solidarität mit der feministischen Revolution im Iran

Jîna Amini, eine junge Frau zu Besuch in der Hauptstadt ihres Landes, stirbt. Weil sie ihr Kopftuch laut Sittenpolizei nicht richtig getragen hätte – und weil sie im Iran lebt, wo es überhaupt eine Sittenpolizei gibt, die sie abführt, misshandelt und schließlich ermordet. Doch seit dem Tod Aminis stehen die Ausgegrenzten zusammen auf. Zeigen wir ihnen unsere Solidarität!

Zwei Frauen halten ein grünes Banner hoch, auf dem steht "Woman, Life, Freedom". Grund der Demo sind die Morde im Iran nach dem gewaltsamen Tod von Jina Amini, auch Mahsa Amini genannt.
Zwei Personen halten bei einem solidarischen Protest in Europa ein Banner hoch. Foto: IMAGO

Seit der Ermordung der jungen Kurdin Jîna Mahsa Amini sind drei Wochen vergangen. Sie stirbt, weil im Iran ein politisches Regime seine Macht auf die Spaltung der Gesellschaft zwischen den Geschlechtern und den verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufzubauen versucht. Schon am Tag nach ihrem Tod begannen die Proteste in ihrem kurdischen Heimatort Saqqez, inzwischen demonstrieren Menschen im ganzen Land; von der Hauptstadt Teheran über abgelegene Dörfer und Provinzen. Junge Frauen verbrennen ihre Kopftücher, tragen die Haare offen, sprechen öffentlich – inzwischen streiken sogar Arbeitende einer petrochemischen Fabrik. Der Zwang zum Tragen des Kopftuchs, gegen den Jîna Amini verstoßen hatte, stand am Anfang der Proteste. Inzwischen eint die Parole „Frau, Leben, Freiheit!“ die Protestierenden gegen das diktatorische Regime. Dieses Regime schlägt blutig zurück: Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und Iran Human Rights sind seit Beginn der Proteste über 130 Menschen bei den Protesten ermordet worden und über 1.000 Aktivist*innen inhaftiert. In den Gefängnissen drohen Misshandlungen und Folter. 

Unterdrückung ist im System verankert

Der Wunsch der Iraner*innen nach Selbstbestimmung und Freiheit ist nicht neu: Schon mit der Iranischen Revolution, die sich 1979 gegen den damaligen Schah und seinen Polizeistaat richtete, verbanden viele Iraner*innen die Hoffnung auf Demokratie und Selbstbestimmung. Im Verlauf der Revolution nutzte der damalige geistliche Führer,  Ayatollah Ruhollah Khomeini, die in den Zielen ungeeinte Koalition Linker, Liberaler, bürgerlicher und konservativer Kräfte für sich aus – und stellte den Entwurf einer „islamischen Republik“ zur Abstimmung. Der Islam und eine Demokratie standen so in keinem Gegensatz – und das Referendum gewann mit übergroßer Mehrheit. Frauen, die direkt zu Beginn in der neuen islamischen Republik gegen den Schleierzwang demonstrierten, kehrten viele Linke und Oppositionelle den Rücken. 

Seitdem die Sharia-Gesetzgebung, also die auf dem Koran begründete Rechtsauslegung der führenden iranischen Geistlichen, im Iran gilt, sind Frauen* in ihren Rechten extrem eingeschränkt. Der Schleierzwang, an dem sich die Proteste entzündeten, ist davon nur der sichtbarste Teil. Frauen sind per Gesetz Männern nicht gleichgestellt, sondern stehen unter männlicher Vormundschaft. Sie können ab dem 13. Lebensjahr verheiratet werden – und mit Erlaubnis eines Richters sogar noch früher. Häufig werden Frauen in Ehen gezwungen. Doch die staatliche Repression richtet sich nicht nur auf die Unterdrückung von Frauen, sondern auch gegen alle Formen der nicht-binären und heterosexuellen Geschlechtlichkeit. Auf Homosexualität steht Auspeitschen oder die Todesstrafe: Seit Beginn der Republik wurden etwa 4.000 Männer deswegen hingerichtet. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal die Todesstrafe gegen zwei junge queere Aktivist*innen verhängt. Die Unterdrückung von Frauen und queeren Menschen ist integraler Pfeiler des islamistisch-patriarchalen Systems. Dass genau diese Menschen jetzt gegen das Regime aufstehen, ist ein machtvolles Zeichen einer feministischen Revolution. 

Frauen, Queers und ethnische Minderheiten stehen zusammen

Anmerkungen und Feedback schicke gerne an blog@campact.de.

Doch die Frauen und queeren Menschen stehen nicht alleine auf. Tragende Communities sind in den Protesten ethnische Minderheiten: Die Kurd*innen, zu denen auch Jîna Amini gehörte, sowie die Belutschen, die ebenfalls vom Regime unterdrückt werden. Jîna Amini ist auch unter dem Namen Mahsa Amini bekannt, weil das islamische Regime kurdische Vornamen nicht erlaubt. Schon unter dem Schah wurde die kurdische Bevölkerung, die vor allem im Nordwesten des Landes lebt, unterdrückt. Diese Diskriminierung setzte sich im neuen Regime fort: Gegen die Separatistenbewegungen der kurdischen Bevölkerung, aber auch ihre politischen Organisierungen und oft liberaleren Einstellungen. Auch als die Proteste gegen die Ermordung Jîna Aminis begannen, machte die iranische Regierung Kurd*innen im Nordirak für die Proteste verantwortlich und begann, Städte dort zu bombardieren.

Inzwischen werden auch kurdische Städte im Iran beschossen. Doch nicht nur die kurdische Bevölkerung wird unterdrückt, auch im Südosten des Iran, wo die Minderheit der Belutschen lebt, erreichten die Proteste einen Höhepunkt, nachdem ein Polizeikommandant ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben soll. Allein am 30. September sind dort laut Amnesty International 82 Menschen bei Protesten ums Leben gekommen. Dass diese unterdrückten Gruppen nun zusammen mit der kurdischen Parole „Frau, Leben, Freiheit!“ protestieren, ist eine machtvolle intersektionale Koalition der Unterdrückten gegen ein patriarchal-repressives System. 

Was heißt das für uns in Deutschland?

Wir können und dürfen nicht wegschauen, wenn anderswo Frauen und queere Menschen gegen ein unterdrückerisches System kämpfen. Solidarisch als feministische Bewegung zu sein heißt, wach zu bleiben für die Anliegen und Kämpfe von Frauen* weltweit. Es heißt auch, differenziert zu bleiben: Die Frauen im Iran protestieren für das Recht der Frauen, ein Kopftuch zu tragen oder keins. Aber vor allem: Selbst entscheiden zu können. In Deutschland solidarisch zu sein heißt, für dieses Recht auf Selbstbestimmung zu kämpfen: hier und für die Frauen im Iran.

Solidarisch zu sein, das kann auch hier bedeuten, sich mit feministischer Koran-Auslegung zu beschäftigen. Denn wie die islamische Theologin Dina El Omari sagt, ist es keine gute Strategie, den Islam zu verteufeln, sondern progressive islamische Kräfte zu unterstützen. Wer etwas internet-versierter ist, kann über das Snowflake-Projekt einen Proxy betreiben, der Menschen in Ländern, in denen das Internet zensiert wird, helfen kann, die Zensur zu umgehen. Jede*r kann mitmachen – und eine Anleitung dazu findest Du hier. ​​Und nicht zuletzt heißt Solidarität, die Frauen, queeren Menschen und Männer nicht zu vergessen, die für Freiheit und Selbstbestimmung gestorben sind. Ich will hier, am Ende des Blog-Beitrages nur einige wenige von ihnen bedenken:

#SayTheirNames

Jîna Mahsa Amini, 22 Jahre alt, wurde am 13. September in Teheran von den Sittenwächtern verhaftet, weil sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen habe. Drei Tage später stirbt sie. In ihrer Heimatstadt beginnen die Proteste gegen das repressive Regime.

#NikaShakarami 17 Jahre alt, verbrannte am 20. September bei einem Protest ihr Kopftuch. Stunden später wurde sie entführt und für etwa eine Woche gefangen gehalten, bevor ihr toter Körper an ihre Familie zurücküberstellt wurde. Ihr Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen. Ein Video von Nika Shakarami vor ihrer Ermordnung ging in den sozialen Medien viral.

Das Bildschirmfoto zeigt einen Tweet, der den Tod von Mini Majidi betrauert. Darunter ist ein Foto zu sehen, auf der eine lachende Frau ein Mädchen in ihren Armen hält.
Screenshot: Shoura Hashemi / Twitter

#SarinaEsmailzadeh, 16 Jahre alt, starb am 23. September bei Protesten in Karaj in der Provinz Alborz. Die Polizei hatte ihr brutal mit Schlagstöcken auf den Kopf geschlagen. Ihre Mutter beging Selbstmord, als sie die Nachricht von Sarinas Tod erhielt.

#HadisNajafi, 20 Jahre alt, wurde während der Proteste ins Gesicht, Herz, Hände und Nacken geschossen und starb. In ihrer Heimatstadt skandierten Student*innen: „Wenn wir nicht zusammen stehen, werden wir einer nach dem anderen sterben!“

#HannanehKia, 23 Jahre alt, schloss sich auf dem Rückweg vom Zahnarzt einer Demonstration an. Sie wurde erschossen.

#GhazaleChelavi, 32 Jahre alt, wurde bei einer Demonstration in der Stadt Amol erschossen. Während der Demonstration skandierte sie die Parole „Wir sind alle Mahsa Amini“.

#ErfanRezai, 21 Jahre alt, wurde ebenfalls in Amol getötet. Er war einer von vielen Männern, die sich den Protesten angeschlossen hatten.

#MinuMajidi, Mutter von 2 Kindern, wurde erschossen, während sie für Gerechtigkeit für #MahsaAmini protestierte.

Wir denken an sie und die vielen Frauen, queeren Menschen und Männer, die im Protest gegen das Regime ermordet und inhaftiert wurden.

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Autor*innen

Inken Behrmann ist für Klimaschutz und Feminismus unterwegs. Nachdem sie als Campaignerin bei Campact und in der Klimabewegung Kampagnen für Klimaschutz organisiert hat, promoviert sie aktuell an der Universität Bremen. Für den Campact-Blog schreibt sie Texte gegen das Patriarchat. Alle Beiträge

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