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Nach Auschwitz: Die Gefahr der „kollektiven Unschuld“

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. 60 Jahre später wurde der Tag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Heute brauchen wir diesen Tag dringender denn je.

Gefahr der kollektiven Unschuld: Warum wir den 27. Januar dringender denn je brauchen
Eine Person geht an Stolpersteinen entlang, die an Verfolgte des Nationalsozialismus erinnern. Foto: photothek/Imago

Wie fest ist der Grund, auf dem unsere Erinnerung steht? Es scheint, als sei er ein Sumpf, auf dem man nicht bauen kann. Als der Fernsehsender CNN Europäer*innen in sieben Ländern befragte, gaben unter den 18- bis 34-Jährigen knapp 40 Prozent an, „wenig“ oder „gar nichts“ über den Holocaust zu wissen. Jede*r zwanzigste bekannte sogar, noch nie etwas über die systematische Ermordung von Millionen Jüd*innen gehört zu haben. Diese schockierenden Ergebnisse wurden in weiteren Befragungen bestätigt – insbesondere unter Jüngeren gibt es eklatante Wissenslücken. Und das zu einem Völkermord, der vor nicht einmal einem Jahrhundert mitten in Europa begangen wurde. 

Wer denkt, dass solche Zahlen niemals in Deutschland, dem Land der Täter*innen, mit seinem Bekenntnis zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur, zustande kommen könnten, irrt: 40 Prozent der deutschen Schüler*innen ab 14 Jahren wissen nicht, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager war. Knapp ein Viertel weiß nicht, was „Holocaust“ meint. Natürlich ist Erinnern kein Geschichts-Quiz; die Kenntnis von Begriffen, Orten, Jahreszahlen kein Gradmesser für das Bekenntnis zum „Nie wieder!“. Aber nur wer die grausamen Fakten der Geschichte kennt, kann heutiges Geschehen einordnen und verhindern, dass faschistisches Gedankengut wieder mehrheitsfähig wird. 

Täter sind immer die anderen

Also, die Fakten: Als die Soldaten der sowjetischen Armee in den Morgenstunden am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichten, erlebten dort nur noch 7.000 Gefangene die Befreiung durch die Alliierten. Über eine Million Menschen kamen vorher in dem Vernichtungslager ums Leben: Jüd*innen, aber auch Homosexuelle, so betitelte „Asoziale“, Sinti und Roma. Insgesamt sollte der Holocaust beinahe sechs Millionen Jüd*innen das Leben kosten. 

Warum es wichtig ist, zu Erinnern, liest Du im ersten Teil der Reihe:

Die Befragungen zeigen, dass das Erinnern eben nicht nur die Kenntnis von Zahlen und Fakten ist. Erinnern ist ein Schutzschild gegen das Unaussprechliche. Gegen das „Was, wenn doch“. Denn mit dem Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten schwindet auch das Bekenntnis zum Erinnern und die Geschichte bekommt einen romantischen Weichzeichner verpasst, Marke „Wir doch nicht“. Die Wochenzeitung Die Zeit erhob vor zwei Jahren, dass über die Hälfte der Deutschen findet, dass es Zeit für einen Schlussstrich sei. Irgendwie passend, da ebenso viele der Ansicht waren, dass die Mehrheit der Deutschen keine Schuld treffe – und dass vom Holocaust natürlich niemand etwas gewusst habe. Dass 84 Prozent der AfD-Wähler*innen behaupten können „Die Deutschen tragen nicht mehr Verantwortung für den Nationalsozialismus, für Diktatur, für Kriege und Verbrechen als andere Länder auch“, offenbart in extremer Weise die Konsequenzen dieser Geschichtsvergessenheit. 

Rassismus durchdringt jeden Aspekt unseres Alltags

Was sagt das über uns als Gesellschaft? Wie steht es um den Schutz von Jüd*innen, von People of Colour, von queeren Menschen, wenn immer mehr Menschen überzeugt sind, dass es so schlimm doch nicht gewesen sein kann? Dass man die Vergangenheit nicht braucht, zur Seite schieben kann, im Vertrauen darauf, dass schon die richtigen Lektionen gelernt worden seien? Dem straft die Realität Lüge: Übergriffe auf queere Menschen nehmen zu, antisemitische Vorurteile sind so lebendig wie eh und je, Rassismus durchdringt jeden Aspekt unseres Alltags. Dazu versuchen neue und alte Rechte immer wieder, Geschichte umzuschreiben und Begriffe umzudeuten – ist ja auch schon echt lange her, oder? Die Stimmen der Menschen, die den Holocaust überlebt haben, die Zeugnis ablegen können von den unvorstellbaren Grausamkeiten der Nazizeit, verstummen mehr und mehr. Doch je weniger Zeitzeug*innen es gibt, desto größer ist die Verantwortung für uns alle, die Lebenden, die Erinnerung weiterzutragen.

Über Rückmeldungen und Anregungen freut sich die Blog-Redaktion unter blog@campact.de.

Genau darum ist es wichtig, immer wieder an die Fakten zu erinnern. Und genau darum darf das Erinnern an den Holocaust nicht zu dem verkommen, was der Essayist Max Czollek „Gedächtnistheater“ nennt – dem ritualisierten Erinnern, erstarrt in Gesten und Phrasen – ohne dass gleichzeitig auch das Wissen und der Zugang zum Geschehenen lebendig bleibt. In dem Maße, in dem Zeitzeug*innen sterben und uns nur Daten und Fakten zum Erinnern bleiben, müssen wir es anders mit Leben füllen. Einen ersten Versuch gibt es an der Universität München, wo Wissenschaftler*innen versuchen, die Erinnerungen der letzten Zeitzeug*innen mit Hologrammen zu bewahren. Mit internationalen Begegnungen ermöglicht die Bundesregierung es Jugendlichen, ihren eigenen Zugang zur Vergangenheit zu finden. Und auch die Umfragen machen Hoffnung – wenn Befragte Wissenslücken anerkennen und daran arbeiten wollen, sie zu schließen. 

Zuhören, Informieren, Wissen weitertragen

Alle Beiträge unserer Reihe Erinnern findest Du hier.

Vor fast genau 81 Jahren, am 20. Januar 1942, wurde auf der Wannsee-Konferenz die Deportation und Tötung von Millionen Menschen minutiös geplant – und im Folgenden gnadenlos umgesetzt. Auschwitz-Birkenau ist nur die Spitze des Eisbergs; als größtes der Vernichtungslager zum Symbol geworden für ein System, das die systematische Vernichtung aller Jüdinnen und Juden zum Ziel hatte. Heute gedenken wir den Opfern – und stehen an jedem Tag in der Pflicht, die Verbrechen der Nationalsozialisten vor dem Vergessen und der Schönfärberei zu bewahren, die das „Nie wieder“ bedrohen. Denn wenn wir denen nachgeben, die Fakten schönfärben und an den Rand der Erinnerung drängen wollen, erlauben wir rechtem Gedankengut, wieder Fuß zu fassen. Wie also trotzen wir dem Vergessen, ohne in Gedächtnistheater zu verfallen?

Mit der Vergangenheit die Gegenwart retten

Nur wer die Geschichte kennt, kann sie sich zu eigen machen, persönliche Zugänge zum Geschehenen finden, die Schicksale hinter den Zahlen begreifen. Also: Begegnen, zuhören, informieren, Wissen weitertragen – so retten wir die Vergangenheit in der Gegenwart. Und durchkreuzen die Pläne alter und neuer Rechtsextremer; denn genau das war es, was Heinrich Himmler wollte: Die Erinnerung an das Judentum auszulöschen, „ein ganzes Volk von der Erde verschwinden zu lassen“. Den Nationalsozialisten ist dies nicht gelungen – und mit unserer Erinnerung stellen wir sicher, dass es auch in Zukunft niemandem gelingt. 


Wer sich über den Holocaust informieren möchte, kann das zum Beispiel auf der Seite der Internationalen Gedenkstätte Yad Vashem tun. Auf Twitter erinnert das Auschwitz Memorial an die Ermordeten. Informationen zum Gedenktag findest Du hier

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Autor*innen

Victoria Gulde ist seit 2018 Campaignerin bei Campact. Als Teil des Kampagnen-Teams gegen Rechtsextremismus setzt sie sich gegen die Normalisierung rechten Gedankenguts ein. Sie hat Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Internationale Beziehungen studiert. Für den Campact-Blog schreibt sie über Gedenktage und die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur. Alle Beiträge

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