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Petzen für die gute Sache: Ein Plädoyer für die Meldestelle Antifeminismus

Die Meldestelle Antifeminismus der Amadeu Antonio Stiftung ist kein "Petz-Portal", wie es ihr vorgeworfen wird – sondern ein wichtiges und leider notwendiges Instrument.

Demonstrierende tragen ein Transparent mit der Aufschrift "Antifeminismus ist keine Alternative. Die befreite Gesellschaft schon." auf einer Demonstration zum Weltfrauentag in Leipzig.
Demonstrierende tragen ein Transparent mit der Aufschrift "Antifeminismus ist keine Alternative. Die befreite Gesellschaft schon." auf einer Demonstration zum Weltfrauentag in Leipzig. Foto: IMAGO / Peter Endig

„Petz-Portal“, „Diskurs-Killer“: Als die „Meldestelle Antifeminismus“ online ging, hagelte es Kritik. Eine zivilgesellschaftliche Organisation würde hier Bürger*innen zur Denunziation unliebsamer politischer Einstellungen anstiften. Diese aufgeregte Kritik verrät jedoch mehr darüber, wie unterbelichtet das Problem antifeministischer Ideologien ist – und wie nötig das Portal. Auf der neuen Plattform der Amadeu Antonio Stiftung, die durch das Bundesfamilienministerium finanziert wird, können Betroffene seit Februar antifeministische Vorfälle melden.

Das Missverständnis mit der Meinungsfreiheit

Viele der Kritiker*innen sehen direkt die Meinungsfreiheit gefährdet: Man dürfe ja wohl noch gegen Feminismus sein, ohne bestraft zu werden! Feminismus sei ja schließlich keine „keine Staats-Doktrin“, meinte beispielsweise die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). Doch hier liegt ein Missverständnis vor: Denn um antifeministisch zu sein, reicht es noch nicht, privat Feminismus blöd zu finden und auf Facebook gegen den „Gender-Wahns_in“ zu wettern. Als Antifeminismus beschreiben die Autor*innen der Leipziger Autoritarismus-Studie eine „politisch ausgerichtete organisierte Gegnerschaft gegenüber feministischen Emanzipationsbestrebungen“.[1] Antifeminismus zielt auf die Stärkung „patriarchaler Dominanz“ und stellt sich gegen die Vielfalt sexueller, geschlechtlicher und familiärer Lebensformen. Der Begriff Antifeminismus bezeichnet also nicht persönliche Einstellungen zu Feminismus oder Frauen, sondern politische Gruppen, die sich gegen die Selbstbestimmung von Frauen und queeren Menschen organisieren. 

Eine Ideologie der Herrschaft von Männern

Antifeminist*innen werfen Feminist*innen – so, wie nun der Meldestelle – oft Gender-Ideologie vor. Damit verschleiern sie jedoch vor allem ihre eigene politische Ideologie der hegemonialen Männlichkeit.[2] Sie verfolgen eine Gesellschaft, die auf der Unterordnung von Frauen und queeren Menschen beruht und die durch die Dominanz von Männern geprägt ist. In der aus ihrer Sicht „natürlichen“ patriarchalen Geschlechterordnung finden sie ein Heilsversprechen [3] – das durch feministische Emanzipationsbestrebungen von Frauen und queeren Menschen empfindlich angegriffen wird. Insbesondere in der Abgrenzung zu Sexismus wird noch deutlicher, wo Antifeminismus beginnt. Während Sexismus eher im Alltag stattfindet und sich auf traditionelle Geschlechterbilder beruft, ist Antifeminismus eine dezidierte politische Ideologie der Unterordnung von Frauen* – die oft genug Hand in Hand mit Antisemitismus, Verschwörungsideologien und anderen rechten Narrativen geht.[4] 

Mit der Abwertung von Frauen und allen Lebensentwürfen, die nicht den Normvorstellungen der patriarchalen Kleinfamilie entsprechen, ist Antifeminismus zu einem wichtigen Baustein moderner rechtsextremer Weltvorstellungen und völkischer Ideologien geworden. Der Anschluss an unsichere Männlichkeitsvorstellungen ist noch dazu ein Aspekt, mit dem junge Männer besonders gut ins rechte Milieu gelockt werden können – denn die Nostalgie hin zu einer klaren Geschlechterordnung, in der Männer bestimmen können, bietet für viele scheinbare Sicherheit und Klarheit. Die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl bezeichnet Antifeminismus sogar als „Radikalisierungs-Turbo“ für junge Männer in rechtsextreme Bewegungen und Ideologien.

Der Kampf ums Patriarchat

Antifeministische Einstellungen sind in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Die Autor*innen der Leipziger Autoritarismus-Studie stellten im vergangenen Jahr sogar eine Zunahme antifeministischer Einstellungen fest: Bei einem Viertel der Bevölkerung fanden sie ein „geschlossen antifeministisches Weltbild“ vor. Seit 2020 stieg dieser Wert um 6 Prozentpunkte.[5] Ein Drittel der Männer in Deutschland und immerhin ein Fünftel der Frauen verfolgen antifeministische Vorstellungen. Blickt man auf die Gründe für solche Einstellungen, die Frauen abwerten und unterwerfen wollen, ist ein Hauptgrund im Männlichkeitsideal zu finden. Ist dies an Gewalt und Stärke orientiert, neigen die Befragten deutlich stärker zu antifeministischen Ansichten.[6]

Organisierte Antifeministen führen ihren ideologischen Kampf ums Patriarchat in vielen Formen: Von Belästigungen von Frauen vor Abtreibungskliniken, „Lebensschutz“-Demonstrationen, die sich gegen die Selbstbestimmung von Frauen richten, über die Bedrohung von Gleichberechtigungsbeauftragten oder Hate Speech gegen Frauen und queere Menschen im Internet. Einzelne Anhänger radikalisieren sich in Incel-Communities weiter. Für die rechtsterroristischen Attentate in Halle und Christchurch waren auch antifeministische Einstellungen wichtige Motive. 

Antifeminismus ist weit verbreitet – doch wie weit?

Jeder dritte Mann und jede fünfte Frau – antifeministische Einstellungen sind offensichtlich breit in der Bevölkerung verankert. Doch wie viele der Anhänger*innen ziehen wohl los und setzen ihre Ideologie in Taten um? Bisher gibt es zu dieser Frage weder klare Antworten noch ungefähre Einschätzungen. Wir wissen nicht, wie häufig Gleichstellungsbeauftragte oder Politikerinnen bedroht werden, wie viele Frauen auf dem Weg zur Abtreibung belästigt werden, oder wie viele Frauen und Queers das Ziel von konzertierten Hass-Kampagnen im Netz sind.

Du bist betroffen?

Die Meldung von antifeministischen Übergriffen, Aktionen oder Vorfällen auf der Homepage ist ganz einfach: Auf https://antifeminismus-melden.de/ kannst Du den Vorfall mit Datum, Ort und einer Beschreibung melden. 

Die Meldung geht dann verschiedene Wege: Auf der einen Seite werden die Daten gesammelt, geprüft, ausgewertet und Berichte veröffentlicht. Auf der anderen Seite wird Dir als Betroffener*m Beratung angeboten.

Die Zahlen sind wichtig, damit wir endlich einen Überblick über die Lage bekommen: Wie groß ist die Gefährdung? Was für Schutzkonzepte oder Bildung bräuchte es, um Betroffene beraten oder vernetzen zu können? Gibt es regionale Häufungen? Finden Angriffe offline oder online statt? Für Handlungskonzepte gegen die Bedrohung von Feminist*innen benötigen wir eine gute Analyse als Grundlage. Zu diesem Schluss ist offensichtlich die Amadeu Antonio Stiftung gekommen. Im Februar startete sie die vieldiskutierte Meldestelle, um antifeministische Aktionen und Übergriffe zu dokumentieren. Inzwischen sollte klar sein: Es geht dabei weder ums Petzen noch um eine politische Diskursverweigerung, sondern um die Bedrohung und Einschüchterung bis hin zu Gewalt an Frauen und Queers, die nicht in ein rechtes Weltbild passen und sich diesem widersetzen.

Schon im ersten Monat zeigte sich, wie gefragt das Portal ist: Über 700 Vorfälle wurden bereits gemeldet. Laut der Initiatorin Judith Rahner wird nun ein Fünftel der Betroffenen beraten. Rund ein Drittel der Meldungen stammt danach von Politiker*innen oder Gleichstellungsbeauftragten, denen Antifeministen beispielsweise in Veranstaltungen sagten, sie wüssten wo die Tochter in den Kindergarten gehe oder vor deren Haus Männer in Autos parken. Davon ist nichts strafbar, aber es ist dennoch bedrohlich. Nach der Prüfung der Meldungen wird bald eine Chronik antifeministischer Vorfälle auf der Homepage folgen. So kann die Stiftung langsam ein Bild davon zeichnen, wie sich Antifeminismus konkret zeigt – und die Grundlage dafür schaffen, das Recht aller Frauen und queeren Menschen auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit effektiv zu schützen.


An verschiedenen Stellen wird die Leipziger Autoristarismusstudie 2022 zitiert. Hier findest Du die jeweiligen Seitenangaben in der Studie, auf die sich die Textstellen beziehen.
[1] S. 247, f.
[2] S. 249.
[3] S. 250.
[4] S. 247, 250-252.
[5] S. 253.
[6] S. 258, f.

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Autor*innen

Inken Behrmann ist für Klimaschutz und Feminismus unterwegs. Nachdem sie als Campaignerin bei Campact und in der Klimabewegung Kampagnen für Klimaschutz organisiert hat, promoviert sie aktuell an der Universität Bremen. Für den Campact-Blog schreibt sie Texte gegen das Patriarchat. Alle Beiträge

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