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Nicht retten

Der White Saviour Complex ist ein verbreitetes Narrativ in Büchern und Filmen – er dringt allerdings auch bis in die Zivilgesellschaft vor. Warum schadet, was vermeintlich gut gemeint ist, liest Du hier.

Das Bild zeigt ein Standbild aus dem Film "The Help" (deutscher Titel: "Gute Geister"). Zu sehen ist Aibileen (gespielt von Viola Davis) im Vordergrund, sie steht am Rahmen einer offenen Tür. Im Hintergrund sind vier weiße Frauen in bunten Kleidern zusehen, die um einen Tisch sitzen.
Ein Ausschnitt aus "The Help" (deutscher Titel: "Gute Geister"). In dem Film geht es um die Journalistin Eugenia "Skeeter" Phelan, die Anfang der 1960er-Jahre ein geheimes Buch über das Leben von Schwarzen Hausangestellten schreibt. Aibileen Clark (hier links im Bild, gespielt von Viola Davis) spielt eine wichtige Rolle in den Geschehnissen. Quelle: IMAGO / Mary Evans, Archive Dreamworks

Wir haben an anderer Stelle schon mal den Begriff „White Saviour Complex“ genannt, allerdings nebenbei. Heute denken wir darüber nach, wie tief das Phänomen in der Kultur verankert ist und wie sehr es uns, unsere Perspektive auf Menschen, die zu den Anderen gemacht werden, und unseren Umgang mit ihnen prägen kann.

Eine blonde, weiße, junge Frau. Sie ist frech, stark, anders. Sie ist schlagfertig, intelligent und kreativ. Vor allem aber zeichnet sie aus, dass sie einen starken Sinn für Gerechtigkeit hat. Sie will die Schwarzen Haushaltshelferinnen ihrer Freundinnen und Nachbarinnen retten. Die angehende Journalistin führt Interviews und protokolliert die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren. Sie veröffentlicht diese Protokolle als Buch. Das Buch wird ein Riesenerfolg, es führt dazu, dass sie ein sehr gutes Jobangebot in New York City bekommt und annimmt. Ihr Leben verändert sich.

Kommt Ihnen die oben geschilderte Handlung bekannt vor? Es ist die des Films „The Help“ aus dem Jahr 2011. Der Film wurde zwar begehrt und war erfolgreich, allerdings zentriert er die Perspektive der weißen Protagonistin, die Schwarze Frauen retten will. Er gibt kaum Einblick ins Leben von Betroffenen, von denen er allerdings zu handeln behauptet. Die Schauspielerin Viola Davis sagt der Zeitung „New York Times“, dass sie ihre Rolle als Aibileen in „The Help“ bereue: „Wenn Sie einen Film machen, bei dem die ganze Prämisse lautet, ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, 1963 für Weiße zu arbeiten und Kinder großzuziehen, möchte ich hören, wie sie sich wirklich dabei fühlen. Das habe ich im Laufe des Films nie gehört.“ Wie häufig können es Schauspieler*innen wagen, offen und ehrlich zuzugeben, dass sie eine Rolle in einem Erfolgsfilm bereuen?

Der White Saviour Complex in Film und Gesellschaft

Es gibt eine Reihe von Kinofilmen, die sich dem Narrativ des weißen Rettenden bedienen; dazu gibt es sogar eine Liste auf Wikipedia. Sie sind teilweise auch große Erfolgsmomente und nicht per se schlechte Filme, bewegen Menschen nicht nur in die Kinosäle, sondern auch emotional. Das Problem ist, dass sie einem Anspruch, den sie sich selbst stellen, nicht gerecht werden, und zwar die Erweiterung der gängigen Perspektive. Und das ist gefährlich, weil hier die dominante Perspektive die der Unterdrückten gänzlich ersetzt, gar erstickt und die Unsichtbarmachung normalisiert, und zwar im Namen der Gerechtigkeit.

Sibel Schick schreibt im Campact-Blog unter anderem zum Thema Allyship. Ihren Beitrag zum Thema Solidarität liest Du hier:

Das Problem des „White Saviour Complex“ wird allerdings nicht nur in Filmen reproduziert, sondern auch in der Politik und der Zivilgesellschaft. Rafia Zakaria nimmt in ihrem Buch „Against White Feminism“ die weiße Frauenbewegung historisch auseinander und legt dar, dass es ihr von Anfang an nie um Solidarität mit Frauen und Mädchen, die kolonisiert werden oder von Rassismus betroffen sind, geht, sondern darum, die weiße Vorherrschaft zu reproduzieren. Viele NGOs heute bauen auf diese Tradition auf.

Aus der Fiktion ins echte Leben

„White Saviour Complex“ findet sich auch im Alltag, beispielsweise in Dating-Apps auf Profilen von Menschen, die Bilder von sich mit nicht-weißen Körpern posten, um mit einem positiven Eindruck Menschen kennenzulernen, mit denen er*sie eine romantische oder sexuelle Beziehung eingehen kann. Auch diese Art des „virtue signalling“ baut auf rassistische Vorstellungen von nicht-weißen Menschen, die von weißen gerettet werden wollen, auf, und nimmt hier einen besonders hässlichen Ausmaß an, der auf der Website „Humanitarians of tinder“ zu Recht verspottet wird. Die Strecke zwischen einem Kinofilm oder einer NGO-Arbeit zu einem Tinder-Profil ist nicht sehr weit.

Es ist keine leichte Aufgabe, sich permanent zu reflektieren, allerdings ist es eine Notwendigkeit. Denn Solidarität setzt vor allem Wachsamkeit voraus. Wir müssen unsere Muskeln, nicht unsere eigene Perspektive, sondern die der Betroffenen zentrieren, stärker machen, und genauso wie andere Muskeln braucht auch er Übung. Ein guter Start ist, sich mit dem Phänomen „White Saviour Complex“ zu beschäftigen, sich die Frage zu stellen, wann wir mal die Perspektive einer anderen Person unsichtbar machten, während wir so taten, als ob wir sie unterstützen würden, und versuchen, eine möglichst ehrliche Antwort darauf zu geben, auch wenn es wehtut. Nicht retten, sondern die Systeme, die für unsere Ausbeutung geschaffen wurden, zerstören – das ist die einzige nachhaltige Option, um Diskriminierung zu überwinden.

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Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erscheint am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Kolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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