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#MoiAussi: Die aktuelle MeToo-Bewegung in Frankreich rückt Minderjährige in den Fokus

#MoiAussi: Unter diesem Hashtag erlebt die französische Gesellschaft seit wenigen Wochen eine neue #MeToo-Bewegung. Im Fokus stehen erneut sexuelle Übergriffe und Missbrauch von Regisseuren gegenüber Schauspieler:innen.

Die Schauspielerinnen Judith Godrèche und Tess Barthelemy bei einer Vorstellung der Serie "Icon of French Cinema".
Die Schauspielerinnen Judith Godrèche und ihre Tochter Tess Barthelemy bei einer Vorstellung der Serie "Icon of French Cinema" beim 49. Deauville American Film Festival in Deauville, Frankreich. Sie spielen in der Serie das Mutter-Tochter-Duo Judith und Zoe. Foto: IMAGO / ABACAPRESS

In der ersten internationalen #MeToo-Bewegung ging es darum, ein verdecktes System von Missbrauch durch mächtige Männer öffentlich zu machen. Der Aufschrei junger Frauen in Frankreich heute unter dem Schlagwort #MoiAussi hat eine neue Dimension: Die Fälle und Beziehungen, um die es geht, sind lange bekannt und ereigneten sich direkt unter den Augen des französischen Kulturbetriebs und der Öffentlichkeit – trotzdem wurden sie bisher nicht als Missbrauch benannt. In Frankreich gewinnen Frauen endlich – Dekaden nach ihrem Missbrauch – den Kampf um die Deutungshoheit dieser Beziehungen. 


Hinweis: Dieser Beitrag enthält Schilderungen und Erklärungen zu Themen, die Personen als belastend empfinden können (sexueller Missbrauch Minderjähriger, #MeToo- bzw. #MoiAussi-Bewegung, d.h. sexuelle Belästigung und Übergriffe generell). Am Ende des Beitrags findest Du weitere Informationen zu Krisensituationen und Notlagen.


In „Icon of French Cinema“ verarbeitet Godrèche ihre Missbrauchsbeziehung 

Die neue #Metoo-Welle, #MoiAussi, begann künstlerisch: Die Schauspielerin und Regisseurin Judith Godrèche verarbeitet in der Serie „Icon of French Cinema“ autofiktional ihre Missbrauchserfahrungen in einer Beziehung mit einem berühmten Regisseur. Er war 40, sie 14 Jahre alt. Als die Tochter der Protagonistin Judith eine Beziehung zu ihrem Tanzlehrer anfangen will, wird sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Sie erinnert sich daran, wie sie als Mädchen von dem Regisseur ihres ersten Films missbraucht wurde und versucht nun, ihre Tochter davor zu schützen. Die Serie wurde Ende 2023 über Arte ausgestrahlt und ist aktuell in der Arte-Mediathek zu sehen. 

In der Serie ist der Name des Partners und Regisseurs noch anonymisiert. Doch im Januar, gut einen Monat nach der Veröffentlichung, zeigte Godrèche ihren ehemaligen Regisseur Benoît Jacquot wegen Vergewaltigung an. In der Zeitung „Le Monde“ und der Süddeutschen Zeitung sprach sie zudem über ihre Beziehung zu Jacquot, über die Gewalt, den Machtmissbrauch und darüber, wie verloren sie sich zu dieser Zeit fühlte.

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In den Tagen seit der Veröffentlichung haben sich viele Frauen Godrèche angeschlossen und weitere Vorwürfe erhoben: gegen weitere Regisseure, den Schauspieler Gérard Depardieu sowie den Psychoanalytiker Gérard Miller. Unter dem Hashtag #MeToogarcons melden sich seit einigen Tagen auch Männer, die als Jungen von Regisseuren oder Agenten sexuell missbraucht wurden. Sie fordern, dass die Beziehungen älterer, mächtiger Männer zu ihnen als Missbrauch anerkannt werden und sich die Strukturen im Kulturbetrieb, die den Missbrauch ermöglichen, ändern müssen.

#MoiAussi: Von der Öffentlichkeit geduldeter Missbrauch 

2017, als die #MeToo-Bewegung international hohe Wellen schlug, ein System sexuellen Missbrauchs im Filmbetrieb offen legte und einige mächtige Männer den Ruf und Job kostete, galt Frankreich als „Rohrkrepierer“. Heute, fünf Jahre später, erschüttern die aktuellen Vorwürfe die französische Kulturszene umso heftiger. Immer mehr Schauspieler:innen melden sich zu Wort und klagen ihre inzwischen oft 70 oder 80 Jahre alten Peiniger an. Viele der Vorwürfe sind strafrechtlich bereits verjährt. Doch es geht um viel mehr: um eine Struktur und Kultur, die Missbrauch ermöglichte und ästhetisierte. Die Schauspieler:innen berichten unter dem Schlagwort #MoiAussi von Filmsets, an denen sexueller Missbrauch möglich war und von missbräuchlichen Beziehungen, die in aller Öffentlichkeit stattfanden.

In der Tat machte insbesondere Benoît Jacquot nicht gerade einen Hehl aus seinem sexuellen Interesse an jungen Mädchen. Godrèche gegenüber bezeichnete er sich selbst ihren Berichten nach als „pervers“, bevor sie den Begriff überhaupt kannte. In Interviews sprach er von sich als „neurotisch von der Jugend besessen“. Auch in einer Dokumentation mit dem nun selbst wegen sexuellen Übergriffen angeklagten Psychoanalytiker Gérard Miller sagt Jacquot ganz öffentlich, dass ihn Gewalt, insbesondere im Zusammenhang mit Mädchen, interessiert. Weiter eröffnet er, dass das Filmemachen ein guter Deckmantel dafür sei, verbotene Dinge zu tun – wie mit Minderjährigen Sex zu haben.

Warum konnte der Missbrauch so lange fortgesetzt werden?

Judith Godrèche konstatiert nun, dass sie keine Geheimnisse enthüllt habe, sondern alles bereits öffentlich sei – Journalist:innen aber aus Ehrfurcht vor dem Autor und Regisseur nicht kritisch nachfragten. In der Tat: Godèche war vor aller Augen mit 14 in einer Beziehung mit dem 40-jährigen Jacquot. Auch Interviews wie die zitierten hätten ein Weckruf sein müssen. Journalist:innen hätten nachfragen müssen, was das eigentlich heißt, „Gewalt gegen Mädchen“ und ob es da auch schon zu Handlungen gekommen sei. Auch Strafverfolgungsbehörden hätten investigativ werden können und müssen, nachdem ein erwachsener Mann öffentlich sagt, dass er seine Filmdrehs als Deckmantel für den Sex mit minderjährigen Mädchen benutzt. 

Es scheint ganz so, als würden solche sexuelle Präferenzen für Minderjährige in Frankreich als Kavaliersdelikt gelten. Bis heute waren diese Beziehungen kulturell akzeptiert, sie kennen sogar einen Begriff: „femme-enfant“ – die „Kindfrau“. Es handelt sich um eine Frauenfigur in Kunst, Film und Literatur, die sich durch Kindlichkeitsmerkmale auszeichnet und nicht selten sexualisiert wird. Im Fall Godrèches müsste man sogar sagen: Eine Mädchenfigur, die eigentlich noch ein Kind am Beginn der Pubertät ist, aber wie eine Frau sexualisiert wird. Filme wie „La Fille de 15 ans“ („Eine Frau mit 15“) haben diese Beziehungen und das sexuelle Begehren nach Mädchen am Beginn der Pubertät hoffähig gemacht.

Hebephilie als sexuelle Störung klassifizieren

Die Forschung zu sexuellen Präferenzen und Störungen kennt einen anderen Begriff für solches Verlangen: Hebephilie. „Menschen mit einer hebephilen Neigung empfinden das jugendliche (pubertäre) Körperschema als sexuell ansprechend. In diesem Alter sind die Geschlechtsteile beispielsweise schon leicht entwickelt und Brustansätze erkennbar“, so definiert es das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Erwachsene Männer, die Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren sexuell anziehend finden, können also auch als hebephil eingeordnet werden. Judith Godrèche beschreibt selbst, dass sie auf Videomaterial mit 14 Jahren aussieht, wie eine 11-Jährige und mit 17 Jahren wie eine 14-Jährige. Nach der Beziehung zu Godrèche führte Jacquot weitere Beziehungen zu minderjährigen Mädchen, die sich nun Godrèches Vorwürfen angeschlossen haben.

Aktuell steht die Forschung zu hebephilen Neigungen noch am Anfang: Die sexuelle Störung wird noch nicht im sexual-medizinischen Klassifikationssystem eingeordnet. Eine Studie des Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“ weist jedoch darauf hin, dass es sinnvoll wäre, dieses Störungsbild einzuführen, um Bewusstsein zu schaffen und Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Hier liegt auch eine der Chancen der aktuellen #MoiAussi-Debatte in Frankreich. Sie rückt minderjährige Mädchen ins Zentrum, deren Beziehungen mit älteren Männern gerade durch das französische Autorenkino normalisiert und sogar ästhetisiert wurden. 

Gerade Teenager müssen geschützt werden

Gerade Teenager sind in einer besonders vulnerablen Situation: Sie sind einerseits neugierig und gleichzeitig oft sehr schambehaftet, in manchen Momenten fühlen sie sich und wirken sie schon sehr erwachsen. Gleichzeitig entwickeln sie gerade erst ihr Koordinatensystem in der erwachsenen Welt und können Beziehungen, ihre Tragweite und auch sexuelles Begehren von Erwachsenen nicht richtig einschätzen. Sie sind deshalb besonders anfällig für Missbrauch. Kulturelle Bilder wie das der „Kindfrau“ liefern diese Mädchen an Männer mit sexuellen Störungen aus, statt sie zu schützen. 

Zum Glück ist die Wahrnehmung für missbräuchliches Verhalten heute bei vielen Menschen weiter – vor allem bei den jungen Frauen und Mädchen selbst. Eine Userin kommentiert unter einem Artikel über Godrèche: „Meine Töchter – in ähnlichen Altern – nennen so ein Verhalten ‚grooming‘. Männer, die einen großen Altersunterschied reizvoll finden, nennen sie ‚Pädos‘. Sie sind sich dessen bewusst, dass zwischen einem 40-Jährigen und einer 15-Jährigen […] Welten liegen und das keine Liebe sein kann.“

Auch die Serien-Tochter von Judith besinnt sich schließlich besser. Von ihrer Mutter gewarnt, fragt sie den älteren Tanzlehrer, was er an ihr liebt. Als dieser antwortet „deine Unschuld“ erkennt sie, dass es ihrem Lehrer nicht um Liebe geht, sondern um Zuschreibungen und Projektionen, die vor allem mit ihrer Jugend zu tun haben. Sie entscheidet, nicht mit ihm auf Tournée zu gehen und macht sich unabhängig von dem Mann. Ein hoffnungsvolles Ende der Serie – doch wir können uns nicht auf der Vorsicht der Mädchen und Jungen selbst ausruhen und müssen stattdessen die Teenager gesellschaftlich vor Missbrauch schützen.


Hilfeangebote für Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend

  • Bundesweites Hilfe-Portal mit Hilfe-Telefon, Mail-Beratung und Beratung vor Ort.
  • Nummer gegen Kummer: 116 111 (Telefonische Beratung, montags bis samstags von 14 Uhr bis 20 Uhr. Anonym und kostenlos in ganz Deutschland.)
  • Weisser Ring: Beratung und Hilfe für Opfer von Kriminalität und Gewalt. Mit Opfer-Telefon 116 006, Onlineberatung oder bundesweit persönlich vor Ort.

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Autor*innen

Inken Behrmann ist für Klimaschutz und Feminismus unterwegs. Nachdem sie als Campaignerin bei Campact und in der Klimabewegung Kampagnen für Klimaschutz organisiert hat, promoviert sie aktuell an der Universität Bremen. Für den Campact-Blog schreibt sie Texte gegen das Patriarchat. Alle Beiträge

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