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Pits and Perverts: Eine ungewöhnliche Allianz

Kurios, künstlich, seltsam: Als Verdi und Fridays for Future ankündigten, gemeinsam für die Verkehrswende und bessere Arbeitsbedingungen im Nahverkehr zu streiten, hagelte es Spott und Kritik. Dabei ist die Allianz nur auf den ersten Blick ungewöhnlich; beide verbindet der Wunsch nach einem besseren ÖPNV. Wer dieses Bündnis seltsam findet, hat wohl noch nichts von "Lesbians and Gays Support the Miners" gehört.

Die Außenfassade des "Electric Ballroom" in London.
Der "Electric Ballroom" in London, wo die Soli-Party "Pits and Perverts" stattfand. Foto: IMAGO / Alex Amoros

Die 80er waren wilde Jahre in Großbritannien. Premierministerin Margaret Thatcher, 1979 an die Macht gekommen, baute das Land radikal um. Ihre Wirtschaftspolitik: unternehmerfreundlich. Ihr Ziel: ein freier Markt, der sich selbst reguliert. Gleichzeitig zog sich der Staat aus vielen Bereichen der Gesellschaftspolitik immer weiter zurück. Schließlich war die Premierministerin der Meinung: „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“

Die Arbeitslosigkeit sank, aber die Begleiterscheinungen waren heftig: Armut, Obdachlosigkeit, eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie Unzufriedenheit in den Gegenden, die nicht vom Wirtschaftsboom profitierten.

Thatcher und die Gewerkschaften

Als Hauptgegner hatte sich Thatcher die Gewerkschaften auserkoren. Ihr sollte nicht das gleiche Schicksal widerfahren wie Premier Edward Heath, den die Arbeitnehmerorganisationen zu Fall gebracht hatten. Nach und nach schränkte sie die Macht der Gewerkschaften immer weiter ein. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung bildete der Bergarbeiterstreik, der im März 1984 begann und im März 1985 endete – mit einem Sieg Thatchers.

Ausgelöst wurde der Streik durch den Plan, mehrere unwirtschaftliche Zechen zu kündigen und den Rest zu privatisieren. Im ganzen Land gingen Kohlekumpel auf die Barrikaden. Doch die Streikenden hatten schon nach kurzer Zeit ein Problem – sie waren pleite. Die Löhne blieben aus und die Streikkassen waren leer; außerdem hatte die Regierung schon im Vorfeld die staatliche Unterstützung für Streikende zusammengestrichen. Immer mehr Familien fehlte Geld für Lebensmittel und Kleidung. 

Außergewöhnliche Verbündete

Unterstützung kam jedoch von anderer Seite: Trotz unausgewogener Berichterstattung in der Presse solidarisierten sich viele britische Bürger*innen mit den Streikenden; auch aus osteuropäischen Bergbauregionen kamen Spenden. Die vielleicht ungewöhnlichste Allianz entstand in London.

Dort gründete sich im Juni 1984 rund um die Aktivisten Mark Ashton und Mike Jackson die Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ – und begann, auf dem Pride March, in Kneipen, Bars und Cafés Spenden einzusammeln. Den Höhepunkt bildete die Soli-Party „Pits and Perverts“ („Zechen und Perverse“, angelehnt an eine Schlagzeile des Boulevardblatts Sun) mit der Band Bronski Beat im Londoner Electric Ballroom.

Von London nach Wales

Um sicherzustellen, dass die Gelder auch wirklich bei den Streikenden ankamen, baute die Gruppe direkte Partnerschaften mit betroffenen Dörfern auf. Co-Gründer Mike Jackson war es, der per Brief in Wales anfragte, ob die Streikenden die Unterstützung annehmen möchten. „Jahre später fanden wir heraus, dass auf meinen Brief hin ein Treffen stattgefunden hatte, auf dem erklärt wurde, dass eine Gruppe von Queers sie unterstützen wollte. Das hatte zu einer sehr hitzigen Diskussion geführt. Aber der Konsens war: Wir sind von der Presse verteufelt worden, vielleicht sollten wir uns mit den Schwulen treffen, denn auch sie sind verteufelt worden.“

So blieb es nicht beim Spenden sammeln. Auf Einladung der Bergarbeiter machte sich die Londoner Gruppe (es gab weitere Ableger in anderen Städten) auf den Weg nach Wales und besuchte die Streikenden und ihre Familien. „Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt, wurden aber sehr herzlich empfangen“, erinnert sich Aktivist Ray Goodspeed Jahre später in einem Interview. 

All diese Ereignisse erzählt der Film „Pride“, der 2014 in die Kinos kam, erstaunlich realitätsgetreu. „Uns war klar, dass im Film aus dramaturgischen Gründen vieles verändert werden würde: Er ließ uns viel dümmer dastehen, als wir waren – aber auch viel schöner!“, so Ray Goodspeed. „Die politische Botschaft stimmte aber.“

Das Ende

Und der Streik? Trotz aller Unterstützung nahmen nach und nach immer mehr Bergarbeiter die Arbeit wieder auf; der finanzielle und gesellschaftliche Druck war zu groß. Am 3. März 1985 beschloss die Gewerkschaft das Ende des Arbeitskampfes. Thatcher hatte nun freie Bahn – das Ende des Bergbaus war nicht mehr aufzuhalten. Auf das Zechensterben folgte in vielen Regionen der soziale Abstieg.

Das Vermächtnis 

Auch nach dem Streik blieb die Verbindung zwischen den Minenarbeitern, ihren Familien und den Aktivist*innen von „Lesbians and Gays Support the Miners“ bestehen. 1985 etwa, als Kohlekumpel und eine Delegation der National Union of Miners aus Südwales beim Lesbian and Gay Pride mitmarschierten. Oder 1987, als Mark Ashton an den Folgen seiner Aids-Erkrankung starb. „Zu seiner Beerdigung kamen alle Bergleute wieder. Wir hatten die Fahnen und die Musikkapelle und alles. Wir marschierten zum Friedhof“, sagt Roy Goodspeed.

Auch politisch wirkte die Allianz nach: 1985 verpflichtete sich die Labour Party auf ihrem Parteitag in Bournemouth, die Rechte von Lesben und Schwulen zu unterstützen – zustande kam dies unter anderem, weil die Gewerkschaft der Bergarbeiter geschlossen dafür stimmte. Die Bergarbeitergruppen stellten sich auch an die Seite der queeren Community, als diese gegen „Section 28“ protestierte – ein 1988 von der Regierung Thatcher beschlossenes Gesetz, dass Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden verbot, positiv über Homosexualität zu sprechen. Die Verfilmung der Geschichte führte vor wenigen Jahren zur Gründung einer neuen Gruppe: „Lesbians and Gays Support the Migrants“. Zusammen mit „Lesbians and Gays Support the Miners“ veranstalten die Aktivist*innen am 16. Mai 2024 die Jubiläumsparty von „Pit and Perverts“ – genau wie vor 40 Jahren im Electric Ballroom in London. Tickets gibt es hier.

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Autor*innen

Henrik Düker ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Bei Campact arbeitet er als Redakteur, im Blog beschäftigt er sich vor allem mit LGBTQIA+-Themen. Alle Beiträge

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