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E-Scooter: Vom Heilsbringer zum Teufelswerk

Für die einen sind E-Scooter ein Teil der Verkehrswende, für die anderen unsinnig, nervig und gefährlich. In Großstädten sollen sie vor allem den ÖPNV ergänzen und das letzte Wegstück übernehmen – aber braucht man sie dafür wirklich?

Verkehrswidrig abgestellte E-Roller blockieren einen Bürgersteig und Gehweg für Fußgänger und Rollstuhlfahrer in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg.
Verkehrswidrig abgestellte E-Scooter blockieren einen Bürgersteig in Berlin. Foto: IMAGO / Ralf Pollack

Was haben Gelsenkirchen und Paris gemeinsam – abgesehen von drei Taylor Swift Konzerten in 2024 natürlich? Ein Verbot von Leih-E-Scootern. Paris hat nach einer Abstimmung die kleinen Flitzer bereits zum 1. September 2023 aus der Stadt verbannt, Gelsenkirchen hat sie am 20. April 2024 verboten. Der Grund hier: Die Anbieter konnten und wollten der Forderung der Stadt nicht nachkommen, dass sich die Kund*innen mit Personalausweis oder Führerschein registrieren müssen.

Paris und Gelsenkirchen zeigen, dass es mit der Akzeptanz von E-Rollern nicht weit her ist. Seit 2019 sind sie fester Bestandteil im Stadtbild großer deutscher Städte, aber in vielen gibt es schon Einschränkungen, wie etwa Tempolimits in gewissen Bereichen, lokale Verbotszonen oder das Mitnahmeverbot in Bussen und Bahnen aus Brandschutzgründen. Dabei waren die Roller bei der Einführung noch als wichtiger Bestandteil der Verkehrswende angepriesen worden. Was ist passiert?

Klein und überall verfügbar

Die Vorteile von Leih-E-Rollern liegen auf der Hand. Er lässt sich per App leicht finden und buchen und schon geht es in Fahrradgeschwindigkeit los, ohne Strampeln zu müssen. Da die Roller recht klein und wendig sind, kann man praktisch überall langfahren. Am Ziel angekommen einfach den Roller an Ort und Stelle abstellen, abmelden und fertig. 

Doch diese Vorteile kommen mit einem Preis, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: An vielen Orten blockieren die Roller Geh- und Radwege, Einfahrten und Bushaltestellen. Die Fahrer*innen sind oft nicht geübt und fahren unvorsichtig, einige auch sehr rücksichtslos. Es kommt immer wieder zu Unfällen. In 2022 gab es 2350 Schäden – und damit deutlich mehr als mit privat genutzten E-Scootern. 

Feste Standorte für das Abstellen oder eine Führerscheinpflicht könnten eine Lösung sein,  machen das Angebot aber unattraktiver und werden daher von Anbietern und Kunden eher abgelehnt.

Mit dem E-Scooter zur Europawahl

Das Unternehmen Lime bietet seine E-Scooter und E-Bikes am Wahlsonntag für zwei mal 15 Minuten kostenfrei an. Die Initiative ist Teil der „Use Your Vote“-Kampagne des Europäischen Parlaments, die Wahlberechtigte zur Wahl bewegen möchte.

Wenn ihr mit dem E-Scooter zur Wahl oder zu einer der zahlreichen Demokratie-Demos fahren wollt, denkt daran: Umsichtig und vorsichtig fahren und Roller so abstellen, dass er niemanden behindert!

Theoretisch umweltfreundlich

Wenn sie mit Ökostrom aufgeladen werden, sind E-Roller an sich ein umweltfreundliches Verkehrsmittel – auch wenn man die Herstellung von Akku und Chassis (meist aus Aluminium) nicht außer Acht lassen darf. Durch Vandalismus können sie aber auch zu einer Gefahr für den Umwelt werden. Immer wieder werden sie in Gewässern versenkt. Allein in Köln liegen hunderte E-Scooter im Rhein. Weil Chemikalien aus den Akkus austreten können, sind aufwändige und teure Bergungen notwendig. Einige Anbieter haben darum schon Parkverbote in Ufernähe verhängt und das Abmelden in diesen Bereichen technisch unterbunden. 

Hier wird klar: Eine schöne Idee hat die Begegnung mit der Realität nicht so richtig gut überstanden. Aber sollte man deswegen gleich den Weg von Paris und Gelsenkirchen gehen und alle Leih-E-Roller verbieten? Für mich ist an diesem Punkt entscheidend: Bringen sie bei der Verkehrswende voran oder nicht?

Sehr kleine Nische

E-Scooter werden nach wie vor als das letzte Puzzlestück zwischen dem ÖPNV und dem eigenen Zuhause angepriesen – egal ob man von der Arbeit kommt oder von einer Fernreise mit der Bahn. In Wahrheit füllen sie aber nur eine sehr kleine Lücke. Laut einer Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) nutzt nur ein Viertel aller Nutzer*innen den E-Scooter für das letzte Wegstück.

Für die Menschen ist das schön, sie kommen schneller und bequemer voran. Für Klima und Verkehrswende ist das aber nicht förderlich, weil oft Strecken abgedeckt werden, die sonst zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt worden wären. Die Wegstücke, die mit dem Auto zurückgelegt werden, aber kurz genug für einen E-Scooter sind, sind leider selten. 

Verkehrswende geht anders

Die Verkehrswende wird nur durch eine Vielzahl von Maßnahmen gelingen. Von daher ist grundsätzlich jede Alternative zum Auto willkommen. Leih-E-Scooter werden aber nur eine wirklich kleine Rolle spielen. Die Vorteile der leichten Verfügbarkeit können die Nachteile nicht ausgleichen. Wirklichen Fans würde ich daher den Kauf eines eigenen E-Rollers, umsichtiges Fahren und einen Helm empfehlen, allen anderen Leih-Räder oder den ÖPNV – und die letzten Meter dann einfach zu Fuß zu gehen.

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Autor*innen

Matthias Flieder ist studierter Geisteswissenschaftler und seit 2017 Campaigner bei Campact. Nachdem er zuvor für Greenpeace hauptsächlich für Klima- und Umweltschutz aktiv war, versucht er jetzt in allen Politikfeldern progressive Politik voranzubringen. Für den Campact-Blog schreibt er über die Freuden und Leiden des Fahrradfahrens und die deutsche Verkehrspolitik. Alle Beiträge

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